Fahrbericht Nissan Qashqai 1.6 D : Der Tiguan-Schreck

In große Fußstapfen soll die zweite Generation des Nissan Qashqai treten - und noch näher an den Marktführer VW Tiguan heranrücken. Ein Vergleich der beiden Kompakten.

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Die Fußstapfen des Qashqai der ersten Generation sind groß - doch der Neue weiß zu überzeugen.
Die Fußstapfen des Qashqai der ersten Generation sind groß - doch der Neue weiß zu überzeugen.Foto: promo

Der Nachfolger hat es immer besonders schwer, wenn die Fußstapfen seines erfolgreichen Vorgängers besonders groß sind. Gewiss, eine Binsenweisheit. Die wirft Fragen auf. Wie geht man mit dieser Situation um? Alles anders machen? Oder nur einiges besser?  Fragen, die sich auch die Verantwortlichen von Nissan stellten. Denn die Fußstapfen – äh, hier natürlich die Radspuren –  des Qashqai Nummer eins sind verdammt groß. Als dieses Modell vor sieben Jahren auf den Markt kam, war das Ganze ein Wagnis. Ein Auto mit einem unaussprechlichem Namen, bezeichnet nach einem iranischem Nomandenvolk. Ein Auto zudem, das in kein bislang bekanntes Raster passte: weder Geländewagen noch Kombi oder Hochdachlimousine. Aber von allem ein bisschen. Doch die bunte Mischung ist bei den Massen angekommen: Über zwei Millionen sind seit 2007 verkauft worden.

Kaum ein Auto wird so häufig auf den deutschen Straßen gesehen wie der VW Tiguan: 57 838 der Geländewagen aus Wolfsburg fanden 2013 einen Besitzer - die Konkurrenz distanziert, auch Nissan.
Kaum ein Auto wird so häufig auf den deutschen Straßen gesehen wie der VW Tiguan: 57 838 der Geländewagen aus Wolfsburg fanden...Foto: promo

Nissan mit neuen Akzenten

Nun soll Qashqai Nummer zwei für die nächsten zwei Millionen sorgen. Doch die Konkurrenz ist größer geworden – mit den neuesten Ausgaben von Ford Kuga, Mazda CX-5, Skoda Yeti, Hyundai ix 35, Kia Sportage und natürlich dem Marktführer VW Tiguan. Was also macht Nissan? Erfindet zwar das Auto nicht neu, setzt aber dennoch neue Akzente in der Kompaktklasse. Nissan rüstet den Neuen mit einer Armada neuester Fahrassistenzsysteme aus, die es so in dieser Klasse noch nicht gab, baut sparsame Motoren ein und garniert das Ganze mit einer adretten Karosserie, welche so gar nichts von einem Geländewagen an sich hat. Man fällt mit diesem Auto in der Golf-Klasse auf, und zwar positiv. Der Anti-Entwurf zur bekannten Einheits-Langeweile. Die Liebe zum Design geht so weit,  dass die Japaner, anders als die Deutschen, ihre hochwertige Technik verstecken. So sitzt der Radarkopf für den Abstandsregeltempomaten unsichtbar hinter dem vorderen Stoßfänger und nicht mitten im Grill,  in einer unschönen Aussparung.

Hochwertig: Qashqai Nummer zwei ist innen moderner (brilliante Grafik, Sieben-Zoll-Berührungsbildschirm), wohnlicher (hochwertige Kunststoffe) und aufgeräumter (klare Bedienelemente) geworden ist.
Hochwertig: Qashqai Nummer zwei ist innen moderner (brilliante Grafik, Sieben-Zoll-Berührungsbildschirm), wohnlicher (hochwertige...Foto: Promo

Der neue Qashqai ist zwei Zentimeter breiter, 4,7 Zentimeter länger und 1,5 Zentimeter flacher als die Erstauflage. Dennoch wuchs die Kopffreiheit auf Vorder- und Fondsitzen um jeweils einen Zentimeter. Geblieben ist jedoch die erhöhte Sitzposition, weswegen Autos dieser Spezies ja so beliebt sind.

Also steigen wir ein – und freuen uns gleich mehrfach. Erstens über die Super-Super-Super-Sitze, würde Pep Guardiola spontan ausrufen. Etliche Kilometer später pflichtet auch der Autor dem Bayern-Trainer bei. Selten so bequem und entspannt gesessen. Kein Wunder, hat doch die US-Weltraumbehörde an der Entwicklung dieser Sitze mitgewirkt. Während der Entwicklungsphase hatten Nissans Sitz-Designer nämlich Zugang zu medizinischen Analysedaten der NASA über Drücke und Blutfluss im unteren Rücken von Testpersonen.

Punktvorteil beim Preis

Nicht alles, was aus den USA kommt, muss also schlecht sein. Fürstlich sitzend stellt der Fahrer dann ebenfalls mit Wohlgefallen fest, dass Qashqai Nummer zwei innen moderner (brilliante Grafik, Sieben-Zoll-Berührungsbildschirm), wohnlicher (hochwertige Kunststoffe) und aufgeräumter (klare Bedienelemente) geworden ist. Keine Spur von nüchternem Niedersachsen-Look a la VW Tiguan. Und auch da ist er dem SUV-Bestseller aus Wolfsburg überlegen: Das Armaturenbrett baut für ein Auto dieser Art, anders als das klobige Teil im Tiguan,  ungewöhnlich flach. Das erlaubt freien Blick nach vorn auf die geschwungene Motorhaube. Auch nach hinten ist der Blick so schlecht nicht, wenn auch etwas schlechter als im kastenförmigeren Vorgänger. Doch das kompensiert  die sehr gute Rückfahrkamera mit den hilfreichen Einparklinien.

Dynamisch: Der von Renault stammende Vierzylinder zieht forscher los, als es seine nur 110 PS vermuten lassen.
Dynamisch: Der von Renault stammende Vierzylinder zieht forscher los, als es seine nur 110 PS vermuten lassen.Foto: promo

Wir fahren den Qashqai Tekna 1.5 dCi mit Sechsgang-Schaltgetriebe für 29 400 Euro. Viel Geld, dankt man zunächst. Doch ein ähnlich ausgestatteter VW Tiguan Exklusive TDI BlueMotion Technology mit 110-PS-Diesel kostet 38488 Euro und damit gut 9000 Euro mehr. Für diesen Mehrpreis können sie ihrer Frau einen Nissan Micra als Zweitwagen für die Stadt kaufen. Nur ein Beispiel, wie gut der Qashqai ausgestattet ist: Für den bei ihm serienmäßigen Fernlichtassistenten der serienmäßigen LED-Hauptscheinwerfer, die es beim VW übrigens überhaupt nicht gibt,   muss man beim Tiguan 470 Euro extra zahlen. Klarer Punktvorteil für den Japaner.

Schluß mit den Preisen, schließlich ist eine Super-Ausstattung nicht alles. Ein Auto muss sich auch gut fahren lassen und vor allem sparsam sein in heutiger Zeit. Und auch hier hat der Nissan gegenüber dem VW die Chromnase vorn und kann sich zum Tiguan-Schreck entwickeln: 3,8 zu 5,3 Liter Diesel pro 100 Kilometer beim (wenig praxisgerechten) Normverbrauch. In der Praxis pendelt sich der Verbrauch des Japaner laut Bordcomputer auf Werte um die fünf Liter ein, im Schnitt 5,1 Liter. Kein schlechter Wert für den 1,4-Tonner. Der 140 Kilogramm schwere Tiguan verbraucht ungefähr 1,5 Liter mehr. Wieder Punktvorteil für den Japaner.

Tiguan beim Fahrkomfort klar vorn

Der von Renault stammende Vierzylinder zieht forscher los, als es seine nur 110 PS vermuten lassen. Das Drehmoment von 260 Newtonmetern liegt zwar nur zwischen 1750 und 2500 Touren an, doch bietet er seine ordentliche Durchzugskraft über einen weiten Bereich an, so dass er sich auch schaltfaul fahren lässt. Erfreulich sein kultivierter Lauf.

Platzwunder: Auch beim Kofferraum kann der gegenüber dem Tiguan immerhin 14 Zentimeter kürzere Qashqai punkten.
Platzwunder: Auch beim Kofferraum kann der gegenüber dem Tiguan immerhin 14 Zentimeter kürzere Qashqai punkten.Foto: promo

Beim Fahrwerk haben die Nissan-Entwickler einen recht hohen Aufwand betrieben.  Doppelkolben-Stoßdämpfer für besseren Fahrkomfort, dann die sogenannte Aktive Fahrkomfortregelung, die quasi eine erweitere ESP-Funktion darstellt, bei der jenes Rad gezielt abgebremst wird, bei dem die Bodenhaftung nicht mehr gegeben ist. Damit wird das Auto auf schlechten Straßen merklich stabilisiert. Und die sensorbasierte aktive Spurkontrolle hilft, ähnlich wie bei einem elektronischen Sperrdifferential, per gezieltem Bremseneingriff das Untersteuern zu mindern. Das aufwendige Fahrwerk bietet einen hohen Fahrkomfort, der allerdings in der von uns gefahrenen Tekna-Topausstattung vom Nissan-Marketing konterkariert wird. Die serienmäßigen 19-Zoll-Räder sehen zwar gut aus, verschlechtern den Fahr- und vor allem Abrollkomfort jedoch deutlich. Da ist der VW Tiguan besser, vor allem, wenn er die adaptive Fahrwerkregelung DCC für 115 Euro an Bord hat.

Einen großen Fortschritt hat der Qashqai Nummer zwei bei der Handlichkeit gemacht, dank einer neuen elektrischen Servolenkung mit zwei Lenkmodi, die vor allem im Sport-Modus eine gute Rückmeldung bietet.

Ernstzunehmender Konkurrent

Auch beim Kofferraum kann der gegenüber dem Tiguan immerhin 14 Zentimeter kürzere Qashqai punkten. Mit 430 zu 470 Liter hat er zwar weniger Normalkofferraum, aber bei umgeklappten Rücksitzen liegt er dafür mit 1585 zu 1510 Litern klar vorn. Und er bietet als i-Tüpfelchen einen schlauen Mechanismus, den der VW nicht vorzuweisen hat: Ein Griff und der Rücksitz faltet sich automatisch zusammen; es entsteht eine fast ebene Ladefläche. Top, die Ladung klappt!

Nicht zuletzt bei der Anzahl der verfügbaren Fahrassistenzsysteme liegt der modernere Japaner klar vorn. Fahrer und Passagiere werden von schlauer Elektronik beschützt. Die, das ist jedoch die Kehrseite, zuweilen auch nerven kann. So piepst es immer, wenn eine Linie auf der Straße überfahren oder das vorher eingestellte Tempo des Geschwindigkeislimiters überschritten wird. Ein Pluspunkt für den Qashqai gegenüber dem Tiguan ist auch die längere Garantiezeit (drei zu zwei Jahren).

Die großen Vier hängen alle ab
Der VW Golf als Verkaufsschlager - statt Leser-Votings braucht es da nur einen Blick auf die Neuzulassungsstatistik des Kraftfahrt-Bundesamtes 2013, um zu erkennen: Der Wolfsburger war auch im letzten Jahr Liebling der deutschen Autokäufer, führte die Statistik mit 244 249 Verkäufen segmentübergreifend mit weitem Abstand an. Auch auf den folgenden Plätzen landen erwartungsgemäß die großen Hersteller.Weitere Bilder anzeigen
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04.02.2014 14:18Der VW Golf als Verkaufsschlager - statt Leser-Votings braucht es da nur einen Blick auf die Neuzulassungsstatistik des...

Fazit: Der neue Qashqai ist ein ernst zunehmender Konkurrent für den Marktführer VW Tiguan geworden. Sein größtes Plus ist das sehr gute Preis-Leistungs-Verhältnis sowie die extrem gute Ausstattung. Da kann der sehr teure Volkswagen nicht mithalten. 

PS: Offenbar haben sich die Qualitäten der ersten Generation herumgesprochen, denn beim Start der zweiten Generation gab es für Nissan ein Erlebnis der besonderen Art: Noch bevor die Autos beim Händler angeschaut beziehungsweise gefahren werden konnten, hatten bereits 1500 Menschen einen Qashqai blind bestellt!

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