Fahrbericht Porsche 911 Targa : Frisch gebügelt

Wir fahren eine Runde mit dem neuen Porsche 911 Targa: In den Sechzigern war das Modell ein Mythos, im Jahr 2014 bildet er den Kompromiss zwischen Coupé und Vollcabrio. Was spricht für die Variante mit dem markanten Dachbügel?

Kai Kolwitz
Feine Lösung: Einst aus der Not geboren ist der Porsche 911 Targa heute aus der Modellpalette nicht mehr wegzudenken.
Feine Lösung: Einst aus der Not geboren ist der Porsche 911 Targa heute aus der Modellpalette nicht mehr wegzudenken.Foto: Hersteller

Rein in den Wagen und auf nach Brandenburg. Denn endlich geht es wieder los: Mit den ersten sommerlichen Tagen hat die Hauptsaison für das Autofahren ohne Dach begonnen. Auch, wenn es ein paar Menschen gibt, denen Cabrios zu zugig sind – wer drin sitzt, der spürt den Wind und die Sonne, alles wird intensiver, aus Fortbewegung wird ein eigenständiges Erlebnis, ein breites Lächeln inklusive.

Und was wir heute zur Verfügung haben, ist nicht irgendein offenes Auto, sondern es ist das Neueste, das Porsche zum Thema beizutragen hat: der 911 Targa der aktuellen Generation, der erst in diesem Frühjahr vorgestellt wurde.

Der Targa ist eine Art Kompromiss für alle die, denen ein Vollcabrio zuviel des Guten ist: die ums Auto gezogene Heckscheibe bleibt stehen, der Dachbereich zwischen ihr und der Windschutzscheibe lässt sich versenken. So ist der Wagen permanent mit einer Art Riesen-Windschott aus Glas und Blech unterwegs.

Man könnte die Frage stellen, warum Porsche so etwas baut. Die Antwort würde lauten „Tradition“, der Targa ist der Enkel einer historischen Notlösung. Und zwar einer, zu deren Entstehung es verschiedene Erklärungen gibt: Porsche selbst erzählt, als man den ersten offenen Elfer auf dem Reißbrett gehabt habe, da habe es in den USA Bestrebungen gegeben, Vollcabrios zu verbieten. Andere Quellen berichten allerdings von der recht weichen Karosserie der ersten Porsche 911 und davon, dass sich daraus nur mit sehr hohem Aufwand ein komplettes Cabrio ohne versteifenden Bügel hätte ableiten lassen.

Eindrucksvolle Beschleunigung

Unstrittig ist: Im Jahr 1965 präsentierten die Schwaben zum ersten Mal einen Porsche mit eben diesem markanten Bügel hinter den Vordersitzen. Das Dachteil ließ sich herausnehmen, die Heckscheibe zunächst auch, ein paar Jahre später sparte man sich Zweiteres allerdings. Die offene Variante des ersten Elfers nannte Porsche „Targa“, nach einem Straßenrennen auf Sizilien, bei dem Porsche in jenen Jahren sehr erfolgreich war.

War in den neunziger Jahren das Targadach zu einem größeren Schiebedach verkommen, so hat Porsche nun wieder ein "Fast-Cabrio" gebaut.
War in den neunziger Jahren das Targadach zu einem größeren Schiebedach verkommen, so hat Porsche nun wieder ein "Fast-Cabrio"...Foto: Hersteller

Der erste Targa musste mit 130 PS auskommen, war mit etwa 1100 Kilogramm aber auch einen Hauch leichter als die aktuelle Variante, die Porsche mit gut anderthalb Tonnen angibt. Dafür sind im Jahr 2014 minimal 350 PS an Bord, die stärkere S-Variante kommt auf 400.

Und die beschleunigen den Targa, nun ja – einigermaßen eindrucksvoll. Null-auf-100-Werte zwischen 5,2 und 4,6 Sekunden liegen zwar nicht mehr in jedem Autoquartett vorne. Aber das, was den Porsche 911 wirklich ausmacht, das hat er auch in der Targa-Variante – dieses absolut exakte Handling, dieses Gefühl, als Fahrer Teil der Maschine zu werden, den Wagen in jeder Kurve auf den Millimeter genau dirigieren zu können. Und das natürlich bei Geschwindigkeiten, die meist von der Verkehrssituation und der Straßenverkehrsordnung begrenzt werden, recht selten von dem, was der Porsche leisten kann. Der Vollständigkeit halber: Die Höchstgeschwindigkeit liegt zwischen 280 und 300 Sachen, je nachdem, welcher Motor und welches Getriebe im Auto stecken.

Der Targa verbindet Welten

Wer mit dem Targa einen Tag in der Sonne verbringt, auf einsamen grünen Landstraßen im Brandenburgischen und eingehüllt in die kernige Klangwolke des Sechs-Zylinder-Boxer-Motors, der kann eine Ahnung davon bekommen, warum es die halboffene Variante noch gibt, obwohl Porsche schon seit den Achtzigern auch ein 911-Vollcabrio baut. Denn wenn man das Dach verschwinden lässt und auch noch die Scheiben runterfährt, dann könnte man vom Fahrersitz aus nicht mehr sagen, ob es nun eine feststehende Heckscheibe gibt oder nicht. Sicher, im „echten“ Cabrio tobt der Wind noch wilder, aber auch im Targa ist die offene Fahrt dann alles andere als zahm.

Filigran und weit ausladend klappt sich das Dach nach hinten weg und wird im Kofferraum versenkt.
Filigran und weit ausladend klappt sich das Dach nach hinten weg und wird im Kofferraum versenkt.Foto: Hersteller

Mit den Scheiben oben fühlt sich die Sache dann eher wie ein sehr, sehr großes Schiebedach an, bei geschlossenem Dach merkt man kaum einen Unterschied zum 911 als Coupé. Und das könnte die Existenzberechtigung des Wagens sein – nicht jeder hat die Möglichkeiten oder die Lust, sich die Garage voll mit Spaßautos für unterschiedliche Bedürfnisse zu stellen. Der Targa verbindet Welten.

Jeder zehnte verkaufte Porsche 911 der Vorgängergeneration war ein Targa, jeder zweite war eine geschlossene Version, vierzig Prozent entschieden sich fürs Cabrio. Mit dieser Verteilung kann Porsche nach eigenen Angaben auch bei der neuen Generation gut leben.

Offensives Design

So ist man in Sachen Design in der neuen Version so sehr in die Offensive gegangen wie schon lange nicht mehr: War das Targadach in den Neunzigern zu einer Art übergroßem Glasschiebedach mutiert, das kaum noch auffiel, zitiert man nun wieder die Form des Originals, mit dem breiten Bügel, der sich metallen quer über den Wagen schwingt.

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Der heutige Targa basiert übrigens auf dem 911 Cabrio, zur Versteifung braucht den Bügel also niemand mehr. Aber in Sachen Effekt schlägt der halb offene den ganz offenen Elfer: Denn wenn das Targadach verschwinden soll, dann hebt sich zusammen mit der Panoramascheibe auch das gefühlte halbe Heckblech des Wagens weit in die Höhe, das Dachteil legt sich drunter, das Heck senkt sich wieder an alte Stelle. Man braucht ein bisschen Platz nach hinten, weil die Bewegung so ausladend ist und die Sache funktioniert auch nur im Stand. Aber ein Hauch „Transformers“ liegt in der Luft.

Für die technische Ausstattung gilt ansonsten im Wesentlichen das Gleiche wie für die anderen Elfer-Varianten: Wer ein bisschen Komfort will, der kann sich das PDK-Doppelkupplungsgetriebe gönnen. Es kostet rund 3500 Euro extra und es schaltet entweder automatisch oder es lässt den Fahrer mit Schaltpaddeln am Lenkrad eingreifen. Aber das manuelle Sieben-Gang-Getriebe die größere Herausforderung. Denn zwar gewöhnt man sich schnell an die zusätzliche Schaltebene in der Mitte, aber bis dahin liegt man zwischen Fünftem und Drittem und zwischen Viertem und Sechstem öfters mal falsch. Naja, was soll’s, dank des satten Drehmoments passen im Zweifel sowieso beide Übersetzungen. Wir fahren schließlich ein offenes Auto, da geht es nicht um die letzte Zehntelsekunde.  

Die Schwaben bitten heftig zur Kasse

Aber falls doch, dann könnte man noch knapp 1700 Euro in das „Porsche Active Suspension Management“ investieren, dann bekommt man ein Fahrwerk, das sich zwischen komfortabler und sportlicher umschalten lässt. Ansonsten lässt sich natürlich auch in Keramikbremsen, diverse technische Assistenten und, falls man den S-Targa bestellt hat, auch in nochmal 30 Mehr-PS investieren. Letzte kosten allerdings knapp 14.000 Euro extra.

Bleibt die Frage, welcher offene Elfer am Günstigsten kommt. Die Antwort lautet „kommt drauf an“. Denn zwar liegt der Targa mit gut 109.000 für die Normal- und gut 124.000 Euro für die S-Version immer ein paar Hunderter unter einem Elfer-Cabrio mit gleicher Technik. Aber den Targa gibt es nur mit Allradantrieb, das Cabrio auch mit nur zwei angetriebenen Rädern. Wem reiner Heckantrieb reicht, der fährt im Vollcabrio 6- bis 7000 Euro billiger als im Targa.

In der Summe ist der Porsche 911 Targa ein gelungener Kompromiss zwischen Coupé und Cabrio.
In der Summe ist der Porsche 911 Targa ein gelungener Kompromiss zwischen Coupé und Cabrio.Foto: Hersteller

Auf die Spitze treiben kann die Rechnerei übrigens, wer sich im Prospekt die Individualisierungsmöglichkeiten für den Innenraum ansieht: Vom Sicherheitsgurt, über den Schaltbalg bis zum Einsatz in der Luftdusche – man wird überrascht sein, was sich an einem Auto alles anders einfärben, beledern oder mit Ziernähten versehen lässt – und wie viele Hunderter man jeweils dafür verlangen kann. Wer einen Porsche will, der anders aussieht als die meisten, den bitten die Schwaben heftig zur Kasse. Aber wer das Besondere sucht, für den wäre der Targa schon ein guter Anfang.

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