Fahrbericht Seat Leon Cupra : Rioja oder Brandy?

Der Seat Leon zeigt als Cupra zwei Gesichter. Er beherrscht die kultivierte Gangart, kann aber auch richtig wild werden.

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Ein R zum Vorteilspreis. Der Seat Leon Cupra hat vielleicht 20 PS weniger als der stärkste Golf. Dank seines geringeren Gewichtes muss er sich aber keineswegs vor den Kompaktsportlern aus Wolfsburg und Ingolstadt verstecken. Demnächst soll noch der ST als flotter Kombi nachrücken.
Ein R zum Vorteilspreis. Der Seat Leon Cupra hat vielleicht 20 PS weniger als der stärkste Golf. Dank seines geringeren Gewichtes...Foto: Promo

Nach einigen Irrfahrten in der Vergangenheit befindet sich Seat seit zwei Jahren auf der Überholspur: Zweimal hintereinander über 20 Prozent Zuwachs pro Jahr bei insgesamt sinkenden Zulassungszahlen in Deutschland sind eine klare Ansage: "Wir haben uns endlich gefunden." Hauptträger des Erfolgs ist der neue Leon, der zu einer ganzen Familie ausgebaut wird. Nach dem schicken Fünftürer – für viele nicht nur der günstigere, sondern auch der attraktivere Golf – startete Mitte 2013 der expressive Dreitürer SC mit verkürztem Radstand. Ende vergangenen Jahres folgte mit dem Leon ST der erste Kombi in dieser Baureihe. Für ihn liegen übrigens schon jetzt mehr Bestellungen vor als erhofft. Die neue Designsprache kommt an.

Clever in die Lücke

Nun also geht die Story weiter: Ein alter Bekannter – schon 1999 kam der Leon Cupra als stärkster Seat auf den Markt – wird ab 8. März in neuer Gestalt auftauchen. Und er wird ganz anders sein. Der Leon Cupra kommt in der dritten Generation mit einer Neuerung sowie mit einem völlig neuen Ansatz. Erstmals gibt es mit dem Cupra SC auch eine dreitürige Version für die ganz Forschen. Wesentlicher jedoch ist eine neue Positionierung des Topmodells dieser Baureihe. Die Seat-Leute haben die entsprechenden Modelle im VW-Konzern genau unter die Lupe genommen, um vergangene Fehler zu vermeiden. Blicken wir kurz zurück: In der Vergangenheit gingen zum Beispiel Audi S3 und Seat Leon Cupra R mit identischen Motoren (265 PS) auf Kundenfang, und der VW Golf R hatte auch nur fünf PS mehr unter der Haube. Kaum eine prickelnde Auswahl.

2014 ist das anders. Da gibt es im VW-Konzern sozusagen als Einstieg in die GTI-Liga einen Skoda Octavia RS mit 220 PS, einen VW Golf GTI Performance mit 230 PS sowie ganz oben im PS- und Preishimmel den VW Golf R mit 300 PS und Allrad sowie den gleich starken, ebenfalls allradgetriebenen Audi S3. Potente Autos mit selbstbewussten Preisen um die 30 000 bis 45 000 Euro, bei entsprechender Ausstattung. Abgefahren!

Und jetzt stößt Seat mit dem Leon Cupra der dritten Generation clever in die Lücke zwischen unten und oben im GTI-Reich, allerdings mit Preisen, die eher unten angesiedelt sind. Der neue Leon Cupra kommt ohne den Zusatz R, aber neuerdings in zwei Leistungsvarianten. Es gibt das neue Seat-Topmodell mit 265 und mit 280 PS. Bei beiden Versionen handelt es sich um den gleichen 2.0-TSI-Benzin-Direkteinspritzer, der etliche Neuerungen erfahren hat: neuer Abgasturbolader für Temperaturen bis 1000 Grad Celsius, duales Kraftstoffversorgungssystem mit zusätzlicher indirekter Einspritzung für den Teillastbereich, in den Zylinderkopf integrierter Abgaskrümmer, der vom Kühlmittel umspült wird und so die Abgastemperatur senkt.

Kein harter Hund mehr: Der Seat Leon Cupra beherrscht den Spagat zwischen Vernunft und Vergnügen in selten harmonischer Weise.
Kein harter Hund mehr: Der Seat Leon Cupra beherrscht den Spagat zwischen Vernunft und Vergnügen in selten harmonischer Weise.Foto: Promo

Seat Leon Cupra: Vernunft und Vergnügen

Genug der Technik. Dieses Hightechaggregat ist keine nervöse, im Alltag schlecht fahrbare Maschine, sondern ein Vierzylinder, der die gesamte Klaviatur von lammfromm bis oberböse beherrscht. Kräftige 350 Newtonmeter Drehmoment liegen zwischen 1700 und 5600 Touren an. Der Cupra 280 beschleunigt in 5,8 Sekunden von Null auf 100, der Cupra 265 benötigt dafür einen Wimpernschlag mehr: 5,9 Sekunden. Für den Sprint auf Tempo 200 benötigt er weniger als 20 Sekunden. Eine Zeit, die noch vor wenigen Jahren reinrassigen Sportwagen vorbehalten war.

Warum aber zwei Motoren, die so eng beieinander liegen? Eigentlich ist es ja nur ein Triebwerk. Für den kleinen Leistungsunterschied sorgt lediglich eine andere Software. Einige europäische Märkte würden nur die "kleine"“ Version bekommen, versucht Seat diese Merkwürdigkeit zu erklären. Wie dem auch sei. 1300 Euro kostet die 280er-Version mehr, dafür gibt es zu den 15 Mehr-PS zusätzlich 19-Zoll-Aluräder, Heckspoiler und einige optische Gimmicks innen und außen.

Wir sind eben diesen Seat Cupra 280 gefahren, und schon nach den ersten Landstraßenkilometern wird die neue Positionierung klar: Der Neue ist kein solch harter Hund mehr wie der Vorgänger. Er beherrscht den Spagat zwischen Vernunft und Vergnügen in selten harmonischer Weise. Dieser 280er ist ein stark motorisiertes, bei Bedarf schnelles Alltagsauto, aus dem man in den exzellenten Sportsitzen, die stützen, aber nicht kneifen, selbst nach 700-Kilometer-Touren entspannt aussteigt.

Der kann auch böse

Vor allem dann, wenn bei der aktiven Fahrwerksregelung DCC per Fahrprofilauswahlsystem der Modus Comfort gewählt wurde. Dann rollt dieser Sportler trotz straffer Grundabstimmung und 19-Zoll-Rädern so geschmeidig ab, dass selbst Kinder im geräumigen Fond nicht aufwachen würden. Auch der Sound bleibt im dezenten Bereich. Das elektronisch geregelte Fahrwerk – im Cupra serienmäßig, bei VW und Audi nur gegen Aufpreis – ist zudem ein regelndes System. Das heißt, das Fahrwerk passt sich binnen Millisekunden an aktuelle Straßen- und Fahrbedingungen an.

Hochwertig: Nicht umsonst gilt der Leon Cupra als günstigerer, attraktiverer Golf.
Hochwertig: Nicht umsonst gilt der Leon Cupra als günstigerer, attraktiverer Golf.Foto: Promo

Doch der Cupra 280 kann auch richtig böse und dies auch noch richtig gut. Das erfahren wir auf einer Rennstrecke. Im Fahrprofilauswahlsystem wird nun von Comfort in den Modus Cupra gewechselt. Nur ein Fingerdruck im Display. Das Auto spannt jetzt sozusagen seine Muskeln an. Im Fahrdynamiksystem nun noch den Sportmodus wählen; da erlaubt das Stabilitätsprogramm extrem sportliches Fahren, wacht jedoch im Hintergrund, um im Fall der Fälle einzugreifen. Dank serienmäßiger hydraulisch betätigter Vorderachs-Differenzialsperre kann beim schnellen Herausbeschleunigen aus engen Kurven das gesamte Antriebsmoment auf ein Rad geleitet und somit die Traktion verbessert sowie das Untersteuern stark verringert werden. Man hat das Gefühl, eine unsichtbare Hand würde das Auto förmlich in die Kurve hinein- und wieder sauber herausschieben.

Die feinfühlige elektronische Steuerung verhindert negative Einwirkungen auf das Lenkgefühl. Diese Leichtigkeit schneller Kurvenwechsel fasziniert mit jeder neuen Richtungsänderung. Jetzt wird auch klar, was Seat-Entwicklungsvorstand Rabe meinte, als er sagte, der neue Cupra mag zwar nicht der Superschnellste geradeaus sein, wohl aber in den Kurven. Wobei elektronisch abgeriegelte 250 km/h schon eine Ansage sind. Mitverantwortlich für diese für einen Fronttriebler beeindruckende leichtfüßige Handlichkeit ist auch das vergleichsweise niedrige Gewicht von nur 1375 Kilogramm. Die hausinterne Konkurrenz ist bis zu 140 Kilogramm schwerer.

Kein Cent Aufpreis

Dabei hat der Seat Cupra 280 (ab 32 110 Euro für den Dreitürer; nur 500 Euro Aufpreis für den Fünftürer) ein weiteres As im Handschuhfach. Er ist von Haus aus nahezu komplett ausgestattet. Viele Dinge, die bei ihm serienmäßig an Bord sind, kosten bei Skoda, VW und Audi Aufpreis. So wie die serienmäßigen LED-Hauptscheinwerfer. Die gibt es derzeit weder bei Skoda noch bei VW, beim teuren Audi S3 (Grundpreis ab 39 200 Euro für den Dreitürer) kosten sie 770 Euro extra.

Oder nehmen wir die empfehlenswerte Sechsgang-Doppelkupplungsautomatik. Die kostet bei Seat 1700 Euro, bei Skoda 1800 Euro, bei Audi 1900 Euro und bei VW 1925 Euro. Das verstehe, wer will. Ausstattungsbereinigt summiert sich der Preisvorteil des Cupra 280 gegenüber den 20 PS stärkeren, aber schweren und daher nicht wesentlich schnelleren Golf R und Audi S3 auf bis zu 8000 Euro!

So gesehen ist der fünftürige Seat Cupra 280 für 32 610 Euro ein Angebot, das manchen zu denken geben könnte. Zumal der Fahrspaß keinen Cent Aufpreis kostet, aber jeden Euro wert ist. Und zukünftig kommt es noch besser: Es wird auch einen Seat Leon ST Cupra geben. Wann dieser Eilfrachter genau kommt, wollten die Spanier allerdings partout nicht verraten.

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