Fahrbericht VW Golf Sportsvan : Die neue 50+ Klasse

Schick statt pummelig, sportlich statt gemäßigt: VW zeigt mit dem Golf Sportsvan, wie ein Auto für die Generation 50+ auch ohne gebremsten Schaum geht - und sogar die Jungen begeistern könnte.

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Schlanke Linie: Ein schnittiger "Touran Minus" ist der neue Golf Sportsvan geworden.
Schlanke Linie: Ein schnittiger "Touran Minus" ist der neue Golf Sportsvan geworden.Foto: Promo

Noch immer verschließen die Autohersteller konsequent die Augen davor, dass unsere Gesellschaft altert. Und wer hat das nötige Geld, sich die immer teurer werdenden Neuwagen zu kaufen? Vornehmlich die Älteren.  Doch keine der Autofirmen traut sich, offen zu sagen: Wir bauen das optimale Auto für die Generation 50+. Mit bequemen Einstieg, mit erhöhter Sitzposition, mit guter Übersicht und mit intelligenter Variabilität.

Weg vom Rentner-Look

Doch die meisten tun das bereits, nur unter anderem Namen. Immer ist irgendwie der Begriff Sport im Spiel. Motto: Wenn schon etwas Passendes für die Älteren, dann aber sportlich! Sogar die Münchner Autobauer, die mit ihrem Markenclaim die „Freude am Fahren“ für sich gepachtet haben, können sich, auch wenn sie das nicht offen zugeben, nicht mehr vor der alternden Gesellschaft verschließen: Sie bauen ihren ersten Van mit exakt den oben genannten Eigenschaften – und nennen diesen aber BMW 2er Active Tourer. Da befindet sich doch der neue VW Golf Sportsvan in guter Gesellschaft.

Der nur mit Strom tanzt: VW präsentiert den neuen E-Golf
Wenn E-Autos den Durchbruch wirklich schaffen wollen, dann müssen sie den Golf beherrschen. Und wer könnte das schließlich besser als eben der VW Golf selbst?Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Markus Mechnich
10.03.2014 22:25Wenn E-Autos den Durchbruch wirklich schaffen wollen, dann müssen sie den Golf beherrschen. Und wer könnte das schließlich besser...

In dieser Runde wollen aber auch noch Mercedes mit der neuen B-Klasse und Ford mit dem B-Max  mitmischen. Wem solch ein Hochsitz-Auto optisch „zu unsportlich“ daher kommt, bitte sehr, für diese Klientel gibt es die neuen schicken Pseudo-SUV im Kompaktformat, welche ein Hauch von Abenteuer und Freiheit umweht: den Capture von Renault, den GLA von Mercedes, den 2008 von Peugeot oder den Yeti von Skoda. Auch alles Modelle mit jenen beschriebenen speziellen Eigenschaften, welche sie für die Generation 50+ interessant macht,  ohne dass diese Autos wie Rentnermobile wirken. Das ist die große Kunst der Designer. 

VW ist mit dem Wechsel vom pummeligen Golf Plus mit dem Rentner-Image zum schicken Golf Sportsvan mit dem Lifestyle-Look auf diesen Trend-Zug aufgesprungen. Sicher werden noch weitere Hersteller folgen, denn die Gesellschaft altert ja weiter; und die Rücken der Älteren werden mit zunehmendem Alter auch nicht besser. Das weiß der Autor aus eigener Erfahrung.

Üppiges Raumangebot im Hochsitz-Golf

Der alte Golf Plus ist also Geschichte. Boshafte Zungen unkten ja zum Marktstart dieses Golf-Ablegers vor nunmehr zehn Jahren, wenn es einen Golf Plus gibt, warum dann keinen Golf minus?! Diese blöden Scherze erspart sich VW beim Nachfolger. Denn der verzichtet nicht nur auf das Plus, und er ist auch ein ganz anderes Auto geworden, das dem alten Rentner-Image möglichst schnell davon fahren soll. Der etwas pummlige Golf Plus hat sich zum schnittigen Touran Minus gemausert!

Aufgewertet: Der Golf Sportsvan hat ordentlich zugelegt - auch bei der Wohlfühlqualität im Innenraum.
Aufgewertet: Der Golf Sportsvan hat ordentlich zugelegt - auch bei der Wohlfühlqualität im Innenraum.Foto: Promo

Dabei ist interessant, wie VW dieses neue Modell zwischen die anderen Autos presst und damit – sicher ungewollt – für interne Konkurrenz sorgt. Hier die passenden Zahlen zur Erklärung: Der neue Sportsvan misst von Stoßstange zu Stoßstange 4,34 Meter, ist damit also 13,4 Zentimeter länger als der Vorgänger. An der Höhe von 1,58 Metern ändert sich nichts, dennoch wirkt der Neue durch die gestrecktere Form und die fünf Zentimeter breitere Karosserie nun flacher. Ein gewollter optischer Trick. Der Sportsvan ist nur 8,3 Zentimeter länger als der normale Golf VII, aber 22,4 Zentimeter kürzer als der Golf Variant. Und vom erfolgreichen Van Touran trennen den Sportsvan jetzt nur noch 5,7 Zentimeter. Mit 2,68 Metern Radstand stehen die Achsen des Sportsvan sogar einen Zentimeter weiter auseinander als die des Touran, und immerhin fünf weiter als die des normalen Golf.

Beste Voraussetzungen also für ein üppiges Raumangebot des Hochsitz-Golf. Apropos Hochsitz. Noch immer liegt die Sitzposition des Sportvan zwischen 5,9 und 8,5 Zentimeter über der eines normalen Golf, auch wenn der Sitz jetzt generell einen Zentimeter tiefer als beim Vorgänger eingebaut ist. Die Sportlichkeit lässt grüßen! Dennoch ist der bequeme Ein- und vor allem Ausstieg ohne rückenfeindliche Anstrengungen geblieben – ideal für die Generation 50+. Sogar verbessert hat sich gegenüber dem Vorgänger die Übersicht. Der Sportsvan hat nun vier Fensterchen mehr; vorn sind sie wirklich nützlich, weil die Außenspiegel nun unten an der Tür befestigt sind. Hinten eher Show, weil die Fensterchen zu hoch angebracht sind, um einen Zusatznutzen zu bringen. Dafür wurde das Heckfenster größer.

Neue Wohlfühlqualität im Innenraum

Höhe schafft Raum. Das ist auch beim Sportsvan so, und das macht ihn sogar zu einer Alternative zum aktuellen Touran (Die nächste Generation wird deutlich größter werden). Anders als dieser verfügt der Sportstourer im Fond zwar nur über eine Reihe; ist also kein Siebensitzer. Doch das macht er damit wett, dass jedes Teil der im Verhältnis 60 zu 40 geteilten Rückbank einzeln um 18 Zentimeter (zwei mehr als im Vorgänger) verschoben werden kann. Zudem sind auch die Lehnen in der Neigung verstellbar. Und die lassen sich bequem umklappen, und es entsteht eine nahezu ebene Ladefläche, wenn sich der serienmäßige doppelte Ladeboden in oberster Position befindet. Für die mobile Generation 50+ passen zwei Klappräder in das Ladeabteil, das zwischen 498 und 1512 Liter Volumen misst. Und klappt man die Beifahrerlehne um (93 Euro Aufpreis), dann können sogar 2,48 Meter lange Surfbretter transportiert werden. Damit ist der Sportsvan der variabelste Golf.

Platzwunder: Das Ladeabteil fasst bis zu 1512 Liter, ist also auch für längere Fahrten geeignet.
Platzwunder: Das Ladeabteil fasst bis zu 1512 Liter, ist also auch für längere Fahrten geeignet.Foto: Promo

Besser laden ist die eine Sache, aber nicht alles. Besser fahren ist eine nicht minder wichtige Angelegenheit. Und auch da hat der Neue deutlich zugelegt. Das beginnt bereits bei einer völlig neuen Wohlfühlqualität im Innenraum. Das Armaturenbrett ist nicht mehr so klobig wie das des Golf Plus, hat jetzt sogar Charme und strahlt in der höchsten Ausstattungsstufe Highline etwas Luxus aus. Vor allem baut es flacher, was die Sicht nach vorn verbessert. Exzellent sitzt man in der ersten Reihe, wenn die ergoActive Sitze der Aktion gesunder Rücken (wie bei Opel im Insignia)  hier für 600 Euro geordert worden sind. Die besitzen sogar eine Massagefunktion – eine Wohltat für die Generation 50+. Auch innen hat der Sportsvan jetzt so gar nichts mehr von Spießigkeit an sich; da kann sogar der neue BMW 2er Active Tourer nicht mithalten.

Ab Ende Mai ist der neue Golf Sportsvan vorerst mit vier Turbobenzinern (85, 110, 125, 150 PS) und zwei Turbodiesel (110 und 150 PS) lieferbar. Bis auf den kleinsten Benziner sind alle Motoren auch mit Automatik lieferbar. Alle Triebwerke besitzen serienmäßig eine Start-Stopp-Automatik und alle erfüllen bereits die ab September gültige Euro-6-Abgasnorm; die Diesel benötigen dafür keinen teuren SCR-Katalysator mit Harnstoffeinspritzung. Der sparsamste Antrieb ist der etwas später lieferbare 110 PS starke 1.6 TDI BlueMotion mit einem Normverbrauch von 3,6 Litern auf 100 Kilometer zum Preis von 25925 Euro. Der Vorgänger Golf Plus kam in seiner sparsamsten Variante nur auf einen theoretischen Wert von 4,8 Liter.

Benziner als Favorit 

Generell beginnen die Preise bei 19625 Euro. Damit ist der Sportsvan immerhin 1500 Euro teurer als ein fünftüriger Golf. Auch ein Golf Variant kostet 600 Euro weniger. Allerdings ist ein VW Touran stolze 3000 Euro teurer. 

Wir sind drei Modelle gefahren; den 125-PS-Benziner mit Schaltgetriebe (ab 24525 Euro); den 150-PS-Benziner mit Siebengang-Automatik (ab 27675 Euro) und den 150-PS-Diesel mit Sechsgang-Automatik (ab 30200 Euro). Bereits die 125-PS-Maschine hinterlässt einen guten Eindruck. Sie agiert aufgeweckt, arbeitet leise und kommt mit den 1,38 Tonnen gut zurecht. Die Gänge lassen sich leicht und exakt wechseln. Statt der versprochenen 5,4 Liter waren es im realen Fahralltag dann 6,8 Liter – ein ordentlicher Wert. 

Laufwunder: Der große Diesel gibt sich mit der Sechsgang-Doppelkupplungsautomatik souverän, ist aber eher ein Motor für Vielfahrer.
Laufwunder: Der große Diesel gibt sich mit der Sechsgang-Doppelkupplungsautomatik souverän, ist aber eher ein Motor für...Foto: Promo

Unser Favorit ist der große Benziner, der durchzugsstärker ist und der mit der Siebengang-Doppelkupplungsautomatik prächtig harmoniert. Ein souveräner Antrieb für die lange Reise ebenso wie für die kurze Stadttour. Und mit einem realen Verbrauch von 6,9 Liter nur minimal durstiger als der kleinere Benziner. Noch mal souveräner gibt sich zwar der große Diesel mit der Sechsgang-Doppelkupplungsautomatik, aber wegen des heftigen Aufpreises ist diese Kombination nur etwas für Vielfahrer jenseits der 30000 Kilometer pro Jahr.

Praktischer Ausparksensor

Damit der Sportsvan sich seinen Namen auch verdient, ist der Golf-Plus-Nachfolger erstmals auch mit adaptiver Fahrwerksregelung DCC (1000 Euro Aufpreis) zu haben. Mit diesem System lässt sich der Sportsvan bei Bedarf tatsächlich richtig sportlich bewegen. Und der Comfort-Modus verwandelt den Hochsitz-Golf in einen veritablen Schmuse-Frachter ohne (Seekrankheit-) Nebenwirkungen.

Erstmals setzt VW in einem Modell einen neuen Ausparksensor (840 Euro) ein. Eine ganz praktische Sache, wie wir festgestellt haben: Parkt man rückwärts aus seiner Garagenausfahrt aus, braucht es keinen Einweiser mehr. Der Assistent erkennt  seitlich herankommende Autos oder Personen und warnt davor. Droht eine Kollision, wird automatisch abgebremst. 

Abbremsen muss man sich auch beim Studium der langen Aufpreisliste mit all den Komfortextras und Fahrassistenzsystemen,  sonst landet man schnell im Bereich zwischen 35000 und 40000 Euro – und erschrickt erst mal. Um dann einige Häckchen schnell wieder zu entfernen.

Der neue Sportsvan ist im Grunde seines Wesens zwar ein alter Golf Plus geblieben – nur eben nicht mehr so spießig und vor allem  sportlicher. Wenn er auch nie ein Sportler wie der GTi werden wird. Doch das ist gut so, denn so können sich die 50+ nun getarnt bewegen, und sich dabei immer wieder freuen, solch ein Auto für ihre Generation zu fahren, das gar nicht danach aussieht. Das muss erst mal ein anderer Hersteller  nachmachen. Und vielleicht klappt es mit diesem Auto ja sogar, die Jungen auf den Hochsitz-Geschmack der Alten zu bringen. Hippe Typen im Sportsvan? Kein Ding der Unmöglichkeit mehr

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