Fahrbericht Bentley Mulsanne : Fahren, First Class

Darf es ein bisschen mehr sein? Was für eine Frage bei einer britischen Edel-Limousine? Vor allem, wenn es sich um einen Bentley Mulsanne handelt, den vielleicht besten Kompromiss aus Fahrerlimousine und Sportwagen.

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Der will fahren: Unter den Luxus-Limousinen ist der Mulsanne wahrscheinlich die fahraktivste Variante. Das Auto bietet dazu jedenfalls den nötigen Fahrspaß.
Der will fahren: Unter den Luxus-Limousinen ist der Mulsanne wahrscheinlich die fahraktivste Variante. Das Auto bietet dazu...Foto: Promo

Mit einem dumpfen „Klack“ geht die Tür zu und die Welt da draußen ist plötzlich ganz weit weg. Wer in den Mulsanne einsteigt, der entert ein Reich der Ruhe, so der erste Eindruck bei der Begegnung mit dem Luxusgefährt englischer Bauart. Egal ob klassisch hinten oder eher aktiv hinterm Steuer Platz genommen wird, der Bentley hält erst mal all den Unbill der Welt da draußen konsequent ab. Ruhe für die gestressten Passagiere in der Business Class.

Staatstragende Limousine

Der Bentley Mulsanne ist eines von vier Modellen der überschaubaren Angebotspalette der traditionsreichen englischen Marke. Geboren wurde das Modell in der Zeit, als Rolls Royce und Bentley noch zusammen unter dem Dach des Vickers-Konzerns arbeiteten. Die erste Generation des Mulsanne war dementsprechend baugleich mit dem Rolls Royce Silver Ghost. Lediglich das Etikett unterschied die beiden Modelle.

Das sollte sich mit der Neuauflage im Jahr 2009 grundlegend ändern. Der Mulsanne beerbte den Arnage als große Limousine der Marke. Aus der einstigen Bruderschaft mit dem Silver Ghost wurde nun Konkurrenz, denn der Mulsanne nahm direkt die Rolle als staatstragende Limousine ein. Aber Bentley war schon immer eine fahraktive Marke, was in diesem Segment nicht unbedingt selbstverständlich ist. Und das ist dem Modell durchaus anzusehen, denn schon die bullige Optik der Fahrzeugfront zeigt, dass hier einer reichlich Kraft hat und die auch gerne auslebt. Die Formensprache mit den beiden Rundscheinwerfern und den ausgestellten vorderen Kotflügeln hat das Modell vom Continental GT, der den neuen Auftritt der Marke bereits 2002 etablierte. Und ähnlich sportlich wie beim Luxus-Coupé der Marke ist auch der Auftritt des neuen Mulsanne.

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Bentley Mulsanne: Testfahrt in der Edellimousine
Bentley Mulsanne: Testfahrt in der Edellimousine

So ist es auch kein Frevel in einer Limousine dieser Art erst mal vorne Platz zu nehmen. Und hier erwartet den geneigten Fahrer bereits Luxus im Überfluss. Ein holzgetäfeltes Armaturenbrett umschmiegt die beiden vorderen Plätze, belederte Sitze nehmen die Fahrgäste auf und ein aufgeräumtes Cockpit begrüßt den Piloten. Dass es Bentley mit der fahraktiven Limousine ernst meint, zeigen die drei Rundinstrumente in der Mittelkonsole, die über Öldruck, Uhrzeit und Wassertemperatur Auskunft geben. Darunter findet sich die nicht unkomplexe Steuerung der Klimaanlage, die dafür alle erdenklichen Einstellungen bereit hält, inklusive Sitzheizung und –belüftung. Gediegen, aber keine Lounge-Atmosphäre bietet sich den Insassen. Dieses Auto bringt den Anspruch gefahren werden zu wollen, durchaus klar rüber.

Beschleuniger: In Windeseile geht es auf die 200 km/h, und selbst bei 230 kann dieser Brite noch mal richtig zulegen.
Beschleuniger: In Windeseile geht es auf die 200 km/h, und selbst bei 230 kann dieser Brite noch mal richtig zulegen.Foto: Promo

200 km/h in Windeseile

Tun wir ihm den Gefallen und fahren los. Im Innenraum ist von dem startenden V 8 unter der schier endlos langen Haube kaum etwas zu hören. Draußen schon, wie die Blicke der Passanten verraten. Die Hand führt zum „B“, das auf dem Wählhebel der Achtgang-Automatik von ZF prangt. Schon ein kleiner Druck auf das Gaspedal lässt erahnen, dass hier Kraft im Überfluss vorhanden ist. Unsinnig viel für die Stadt, weshalb unser Weg geradezu zum nächsten Autobahnzubringer führt. Dort angekommen, lassen wir den 1020 Newtonmetern des 6,75 Liter großen Achtzylinders erstmals freien Lauf. Und das ist absolut beeindruckend, wenn die losgelassen werden. Der 512 PS starke Motor, der sich mit den 2,6 Tonnen des dicken Briten kaum müht, schiebt die Fuhre nach vorne, als sollte das Ganze gleich auf einer Startbahn anheben.

Im Fond wird es richtig gemütlich: Entertainment gibt es in der Rücklehne, und die Sitze bieten Belüftung sowie Massagen an.
Im Fond wird es richtig gemütlich: Entertainment gibt es in der Rücklehne, und die Sitze bieten Belüftung sowie Massagen an.Foto: Promo

Auf der A9 angekommen, kommen wir erst mal in den Bereich, wo es keine Geschwindigkeitsbegrenzung mehr gibt. Um den üppigen Verbrauch – Schon auf der Normrunde fielen 16,9 Liter an – zumindest etwas zu begrenzen, hat man bei Bentley eine Zylinderabschaltung integriert. Die ist zwar kaum spürbar, doch jetzt sind alle acht Töpfe gefragt. In Windeseile geht es auf die 200 km/h, und selbst bei 230 kann dieser Brite noch mal richtig zulegen. Die Spitzengeschwindigkeit von 296 km/h werden schnell absolut glaubhaft. Die 5,3 Sekunden, in denen der Mulsanne die 100 km/h erreichen soll, scheinen subjektiv fast untertrieben.

Keine Frage, der Chauffeur dieses Autos darf sich nicht nur über einen ausgesprochen luxuriösen Arbeitsplatz freuen. Er wird desöfteren mal frei bekommen, wenn der Chef selbst hinter dem Steuer Platz nehmen möchte. Dank Luftfederung mit adaptiver Steuerung bleibt der Bentley auch in Kurven recht gut beherrschbar. Die Grenzen der Physik lassen sich aber auch damit nicht nachhaltig überwinden, denn eine leichte Neigung zum Übersteuern zeigt, dass mit dem üppigen Gewicht eben auch nicht zu spaßen ist. Der Mulsanne ist von seinem Aufbau kein Auto, das man bis in den Grenzbereich bewegen sollte.

"Das hier ist die Premier League"

Machen es die Materialien und der Auftritt nicht schon ausreichend deutlich, spätestens im Fond wird klar: Das hier ist die Premier League. Zwei Einzelsitze erwarten die Passagiere und lassen ihnen, dank 5,58 Metern problemlos, eine außerordentliche Beinfreiheit. Auf Wunsch gibt es Massage, fast naturgemäß eine eigene Zwei-Zonen-Klimaanlage und optional noch Entertainment. Ausklappbare Holztische bieten natürlich auch den notwendigen Freiraum zum Arbeiten. Keine Frage, hier lässt es sich gut aushalten und selbst für die Liga, in der der Bentley Mulsanne spielt, setzt der edle Brite noch Ausrufezeichen.

Das gilt letzten Endes dann allerdings auch für den Preis. Schon das Grundmodell kostet 248.240 Euro. In unserem Testwagen findet sich dazu Optionales im Wert von 44.905 Euro. Für dieses Geld ist durchaus schon ein Audi A6 oder eine E-Klasse von Mercedes zu haben. Alleine 9140 Euro kostet das Premium-Paket, das so nette Spielereien wie eine Zweitschlüssel für den Parkservice, ein aus handgemachten Leder gefertigten Etui für den iPod-Adapter oder die besagten Rundinstrumente in der Mittelkonsole umfasst.

So wird letzten Endes klar, was den Mulsanne von beispielsweise einer normalen S-Klasse unterscheidet: Es sind die kleinen Dinge, die den Edel-Briten zu einem Ausnahme-Auto machen. Und das will dann auch bezahlt werden. Immerhin: Den exklusiven Auftritt und die interessierten Blicke gibt es dann aber kostenlos.

Stärken:

Kraftvoller V8-Motor, hochwertige Verarbeitung, großes Raumangebot, übersichtliches Cockpit

Schwächen:

Hoher Preis, hoher Verbrauch, teure Extras

Technische DatenBentley Mulsanne
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe) 5,58 / 1,92 / 1,52 Meter
Leergewicht2685 Kilogramm
Kofferraumvolumen normal443 Liter
Maximale Zuladung515 kg
Sitzplätze5
Tankvolumen96 Liter
Motor6,75-Liter-Twinturbo V8
Hubraum6750 Kubikzentimeter
GetriebeAchtgang-Automatik
Leistung (kW/PS)377 / 512
Drehmoment1020 Newtonmeter bei 1750 Umdrehungen/Min.
Beschleunigung 0 - 100 km/h5,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit296 km/h
Verbrauch laut Hersteller (innerorts / außerorts / kombiniert)25,3/11,8/16,9 Liter
Verbrauch im Test18,5 Liter
Garantie2 Jahre
Typklassen (KH/VK/TK)- / - / -
Preis als Basisfahrzeug248 240 Euro
Preis des Testwagens293 145 Euro

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