Fahrbericht BMW X6 M : Angriff auf die Massenphysik

Der BMW X6 ist ganz sicher nicht der dezenteste Wagen auf der Straße. Als X6 M ist er noch einmal extremer: 575 PS machen das Gelände-Coupé zum Beschleunigungswunder. Und Elektronik sei Dank wirkt er erstaunlich leichtfüßig, wenn er auf der Rennstrecke um die Ecken wedelt.

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Kraftprotz der Superlative: Das BMW-Modell X6 M hat einen V8-Motor unter der Haube, der 575 PS leistet.
Kraftprotz der Superlative: Das BMW-Modell X6 M hat einen V8-Motor unter der Haube, der 575 PS leistet.Foto: dpa

Schauplatz "Circuit of the Americas" in Austin. Die aktuelle Formel-1-Rennstrecke in Texas. Der Instruktor schraubt mich in den Sitz; per Knopfdruck fixieren mich die pneumatischen Polster. "Wir fahren zwei Einführungsrunden, dabei zeige ich Ihnen die Ideallinie. Dann folgen drei schnelle, in denen wir uns steigern, dabei wählen wir das Programm M1 am Lenkrad, in dem der elektronische Schleuderschutz etwas gelockert wird. Anschließend, wenn ich es Ihnen sage, gehen wir ins Programm M2, wo wir mit den Paddels am Lenkrad schalten und das ESP Ihnen nochmals mehr Spielraum zugesteht. Zum Schluss gibt es eine langsame Auslaufrunde,  um die Bremsen abzukühlen." Nach dieser Ansage des Instruktors geht es los. Er heißt Marco Wittmann und ist der aktuelle DTM-Meister.

Eine Kampfansage an den Zeitgeist

Der Achtzylinder brüllt los, erbarmungslos presst es einen in den Sitz. Das "Sportgerät" ist jedoch kein klassischer Sport- oder Tourenwagen. Beim ihm handelt es sich um ein 2,3 Tonnen schweres Ungetüm, das eigentlich auf einer Rennstrecke nichts zu suchen hat. Und doch macht es hier eine bessere Figur als mancher von uns erwartet hat.

Dieses Auto ist eine Kampfansage an das grüne Gewissen, an die nachhechelnde Konkurrenz und an den Zeitgeist. Ein eigentlich überflüssiges Trumm, das der Zeit gefallen scheint. Aber nur, so lange man es nicht gefahren hat und danach sogar bereit ist, alte Vorstellungen über Bord zu werfen. Und es ist vor allem – den BMW-Ingenieuren sei Dank – ist der M6 M ein Angriff auf die Massenphysik. Wenn das 4,4 Liter große V8-Triebwerk mit 575 PS und bis zu 750 Nm Drehmoment brachial anschiebt, schmelzen die 2,3 Tonnen Leermasse zu gefühlten 1,8 Tonnen ab. Außer Kraft setzen kann der X6 M die Massenphysik freilich nicht, wohl aber dank ausgeklügelter Regelelektronik bei Fahrwerk, Motor und Fahrerassistenzsystemen sie in einen Bereich verschieben, der vor Jahren für einen 2,3-Tonner-Hochsitz wie diesen noch undenkbar gewesen wäre.

Technik und Komfort vom Feinsten

Es macht einfach riesigen Spaß, mit dieser Schrankwand um den Formel-1-Kurs zu hetzen. Es ist jetzt keine Zeit, grünen Gedanken nachzuhängen. Denn die Achtgang-Steptronic fordert den ganzen Fahrer. Im M2-Modus kann der Pilot per Schaltpaddels die Elektronik komplett übergehen. Selbst im dunkelroten Drehzahlbereich legt sie den nächst höheren Gang nicht ein. Da kommt man schon ins Schwitzen. Damit dies dem Triebwerk nicht passiert, kümmert sich ein im Serienbau einmaliges Hochleistungs-Kühlsystem mit insgesamt zehn Kühlern, fünf Kühlpumpen und vier Kühlkreisläufen um das thermische Wohlbefinden des Bi-Turbo-V8.  

Ein Hochleistungs-Kühlsystem mit insgesamt zehn Kühlern, fünf Kühlpumpen und vier Kühlkreisläufen sorgt für die richtige Betriebstemperatur des X6 M.
Ein Hochleistungs-Kühlsystem mit insgesamt zehn Kühlern, fünf Kühlpumpen und vier Kühlkreisläufen sorgt für die richtige...Foto: dpa

Doch der X6 M kann auch praktisch: Bis zu 1.525 Liter Gepäck fasst der Kofferraum des X6 M, in den X5 M passen noch 345 Liter mehr hinein. Und mit einer maximalen Anhängelast von knapp drei Tonnen empfiehlt er sich als Zugfahrzeug für Extrovertierte. Im Innenraum gibt er sich mit Leder und Luxus eher zurückhaltend. Fahrer und Beifahrer sitzen bequem und haben viel Platz. Der Fahrkomfort in diesem Hochleistungssportler ist so überraschend hoch, dass man Lust bekommt, diesen konservativen amerikanischen Bundesstaat in diesem auffälligen Auto am Stück zu durchqueren.
Dieses Auto ist schlichtweg der Wahnsinn. Und der hat Methode bei BMW, schon seit vielen Jahren. Immer wieder fanden die Münchner Nischen, wo es zuvor keine gab – und machten dann ein neuartiges Angebot, dem sich viele nicht entziehen konnten. Ein Coupé vom Geländewagen? Das geht doch gar nicht. Doch, es geht. Als BMW vor sechs Jahren zum ersten Mal ein schräges X-Modell zur noch schrägeren M-Variante aufrüstete, sei das sehr gewagt gewesen, sagt der damalige Chef der M GmbH, Ludwig Willisch.

American Lifestyle

Heute ist er Chef des US-Geschäfts bei BMW und kann sich nun ständig auf die Schenkel klopfen. Denn inzwischen machen die X-Typen ein Viertel aller M-Modelle aus – und die meisten davon fahren in den USA. Ein 575-PS-Über-SUV mit geradezu furchterregendem Auftritt in einem Land der Restriktionen, wo bereits 15 Meilen über dem Tempolimit geradewegs ins Gefängnis führen? Und das geht bei diesem Trumm ganz schnell. Ein Gasstoß und der Bolide sprintet auch auf der mit 55 Meilen (80 Kilometer pro Stunde) limitierten Straße urplötzlich in gefährliche Bereiche vor. Kein Wunder, die nahezu perfekte Kombination des um 70 auf 750 Newtonmeter erstarkten Triebwerks mit dem High-Tech-Fahrwerk und der aufmerksamen Achtgang-Automatik übt einen ständigen Anreiz aus, es "mal kurz zu versuchen". Vielleicht ist kein Cop in der Nähe.

Doch wir widerstehen lieber dieser Versuchung – in dem Wissen, der 4,91 Meter lange und 2.340 Kilogramm schwere X6 M könnte in 4,2 Sekunden auf Landstraßentempo 100 schießen und wird gegen Aufpreis erst bei Tempo 280 von der Elektronik eingebremst. Aber nicht hier. Also reihen wir uns artig in die Armada der Ford Pickup und der GM-Geländewagen ein. Der typisch amerikanische Verkehr rollt mit ein 30, 40 Meilen pro Stunde monoton über die Landstraße. Doch selbst bei dieser Bummelfahrt, wo der Bordcomputer einen Verbrauch von 12,7 Liter Super Plus anzeigt, verschafft sich der BMW optisch und akustisch Respekt.

Auch innen stark: Der SUV-Bolide aus Bayern bietet Hightech und Komfort vom Feinsten.
Auch innen stark: Der SUV-Bolide aus Bayern bietet Hightech und Komfort vom Feinsten.Foto: dpa

Das Geheimnis des X6 M-Erfolgs in den USA lüftet ein Amerikaner an der Rennstrecke: "Bei uns ist das anders. Da schließen sich X6M-Fans zu Fahrgemeinschaften zusammen, mieten eine Rennstrecke wie diese hier – und haben einen Tag ihren Spaß. Vier bis fünf Mal im Jahr testen sie auf Rennstrecken ihren Boliden und sich selbst aus – und finden das völlig normal". Klar, in einem Land, wo der Liter Sprit derzeit 40 Cent kostet.

Wahnsinnskarre, Wahnsinnspreise

Ab 11. April werden die deutschen Kunden die ersten der im US-Werk Spartanburg (US-Bundesstaat South Caroline) hergestellten X6 M kaufen können – und mindestens 117 700 Euro dafür bezahlen müssen. Nach oben sind dem Geldausgeben kaum Grenzen gesetzt. Der X6 M kostet aberwitzige 35 000 Euro mehr als der normale X6. Dabei sitzt unter Haube fast der gleiche Triebsatz wie beim  bisherigem Top-Modell,  dem X6 50i mit "nur" 125 PS weniger. Und dann gibt es ja noch die vielen Extras, welche schnell den Gesamtpreis eines Mittelklasseautos erreichen. Beispiele gefällig? Weicheres Leder 4500 Euro. Multifunktionssitze mit gutem Seitenhalt 2000 Euro. Das Navigationspaket samt Connected Drive Services 3500 Euro. Der Gipfelpunkt: Die BMW M GmbH verlangt für einen Aschenbecher 50 Euro extra. Arme Raucher.

Wer nicht so viel Mut zu automobilem Proll hat, der kann ja auch den zeitgleich lieferbaren X5 M wählen. Der ist ebenso schnell unterwegs, trinkt ebenso ungeniert, hat jedoch mehr Platz und kostet überdies 3400 Euro weniger. Das gesparte Geld reicht immerhin für gut 23 000 zivil gefahrene Kilometer.

Die Konkurrenz schläft nicht

Der BMW X6 M hat den Wettbewerb in dieser abenteuerlichen Region entfacht. Vernunft hin, Prestige her. Die potenten Konkurrenten – Porsche, Mercedes, Audi stehen schon in den Startlöchern, um die neue Runde des Wettrüstens mitzumachen. Wie der 166 696 Euro teure Porsche Turbo S, dessen aufgeladener Achtzylinder den 2235 Kilogramm schweren SUV mit 570 PS und einem maximalen Drehmoment von 800 Newtonmetern nach vorne peitscht. In nur 4,1 Sekunden erreicht das Trumm aus dem Stand die 100-km/h-Marke und lässt erst bei 284 km/h locker.

Schau mir in die Augen Kleines: BMWs neue Hochleistungsmodelle X5 M und X6 M sind ab April in Deutschland erhältlich.
Schau mir in die Augen Kleines: BMWs neue Hochleistungsmodelle X5 M und X6 M sind ab April in Deutschland erhältlich.Foto: dpa

Ein anderer Krawallmacher kommt aus Schwaben als feiste Kopie des X6 M. Die S-Version des GLE 63 AMG übertrumpft den Bayern um zehn PS. Von Null auf Tempo 100 schafft es die "nur" zwei Tonnen schwere S-Version mit ihren 585 PS in 4,2 Sekunden; bei 250 km/h ist allerdings Schluss. Und sogar die VW-Edelmarke Bentley will künftig bei den Power-SUV mitmischen. Ab 2016 soll der mindestens 200 000 Euro teure Bentayga von den Bändern am britischen Stammsitz Crewe rollen. Mit einem 610 PS und 800 Newtonmeter starken Sechsliter-W12-Twinturbomotor! Vor Jahren wäre dies unter der Bentley-Gemeinde völlig undenkbar gewesen. Doch wo ein verrücktes Produkt auftaucht, wird es auch Verrückte geben, die es unbedingt haben wollen. Koste es, was es wolle. Der Wahnsinn hat Methode. Nicht nur bei BMW.

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