Lancia Flavia Cabrio im Test : Immer schön gediegen

Einst durch und durch US-Boy ist aus dem Chrysler 200 Convertible, ganz früher mal Sebring, nun ein Lancia Flavia geworden. Der konzertiert sich aufs Wesentliche, nämlich auf das Cabrioerlebnis zu viert. In anderen Kategorien weiß er nicht ganz so zu überzeugen.

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Einst als Chrysler Sebring geboren, dann als 200C wiedererstanden segelt der US-Boy nun als Lancia Flavia durch Europa.
Einst als Chrysler Sebring geboren, dann als 200C wiedererstanden segelt der US-Boy nun als Lancia Flavia durch Europa.Foto: Hersteller

Fast 100 000 Cabrios wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen. Bei immer noch mehr als drei Millionen Neuzulassungen sind das rund drei Prozent an neuen Autos auf Deutschlands Straßen, die kein Dach haben. Das ist also schon immer noch etwas Exklusives, so oben ohne durch die Gegend zu fahren. So richtig exklusiv wird es dann mit einem Lancia Flavia Cabrio. Seit dem Neustart des Modells im letzten Frühjahr wurde bis Ende Juli 195 Flavias zugelassen. Damit dürften neugierige Blicke auf dem Parkplatz garantiert sein, denn diese Cabrios sieht man sicher nicht an jeder Ecke.

Allzu ambitionierte Zahlen wird man in der Fiat-Zentrale in Turin, von wo die traditionsreiche Marke Lancia gesteuert wird, allerdings ohnehin nicht im Visier gehabt haben. Denn das Modell ist eigentlich der Nachfolger des Chrysler Sebring Convertible, der einst noch in der Ära von DaimlerChrysler gebaut wurde. In Europa war das Cabrio über drei Generationen auf dem Markt. Der Vorgänger war das LeBaron Cabrio, das in seiner letzten Generation mit Schlafaugen daher kam. Hier beschränkte man sich auf den kleinen Sportwagen Chrysler Crossfire, den es als Coupé und Roadster gab. Und der hatte im Straßenbild auch eher Seltenheitswert, war aber stets ein Blickfang. Der Auftritt der Marke Chrysler in Europa hingegen war nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte. Vor allem die Modelle Voyager und die große Limousine 300C brachten es auf dem deutschen Markt auf nennenswerte Stückzahlen. Aber auch der PT Cruiser war auf unseren Straßen einige Jahre desöfteren zu sehen.

Seit der Übernahme von Chrysler durch Fiat vor fünf Jahren, fährt die Zukunft der Marke in Europa fährt als Lancia vor. Und in Sachen Cabrio hält nun der Lancia Flavia die Flagge hoch. Auch den Chrysler 200 Convertible gibt es in Amerika erst seit 2011 wieder zu kaufen. Ein Jahr später wurde das Modell in Europa als Lancia Flavia vorgestellt und soll auf diese Weise den hiesigen Kunden näher gebracht werden.

Für Fiat ist es schlicht eine günstige Methode ein Cabrio ins Programm zu bekommen, auch wenn das unter anderer Flagge segelt. Seit der ehrwürdigen Barchetta hat man in Turin dieses Segment völlig aufgegeben. Weder ein Lancia noch ein Fiat selbst ist seitdem ohne Dach zu haben, nimmt man mal den kleinen Fiat 500C raus. Der umfirmierte Chrysler kommt da gerade recht um sich auf diesem Markt wieder auszuprobieren. Für uns Grund genug das schöne Wetter zu nutzen und den Italo-Amerikaner zu einer Probefahrt auszuführen. Wie viel Dolce Vita steckt da wirklich drin und kann sich der Lancia Flavia mit der heimischen Konkurrenz messen.

Draufschauen:

Der erste Eindruck: Der kann sich schon sehen lassen. Ob mit oder ohne Stoffmütze, der Lancia Flavia ist von den Proportionen her recht nett anzuschauen. Die Fahrzeugfront ist im Vergleich zu einem Crossfire geradezu unaufgeregt. Lichtkanten ziehen sich vom Kühlergrill bis zur Windschutzscheibe, andere von den Leuchten bis zum Abschluss des Kofferraumdeckels. Das ist ganz gefällig und polarisiert kaum. Mit der Stoffmütze sieht er ganz gut aus, als Open-Air-Version wird er richtig hübsch. Das Ganze sitzt serienmäßig auf Leichtmetallfelgen im Format 18 Zoll. In der Summe steht da ein stilvolles Auto auf der Straße, das zum sommerlichen Lustwandeln einlädt.

Reinschauen:

Im Interieur gibt es keine Kompromisse beim Lancia Flavia Cabrio. Leder oder nichts, heißt die Devise. Zweifarbig in schwarz-weiß ist das Gestühl bei unserem Testfahrzeug bespannt. Auf der Mittelkonsole thront die Uhr, die man bereits aus der anderen Chrysler-Adaption, dem Lancia Thema, kennt. Darunter sitzt mit dem 6,5 Zoll großen Touchscreen-Display ebenfalls ein Element der Basisausstattung. Das ist durchaus eine Seltenheit, wenn es ein Navigationssystem inklusive gibt. Auch die Soundanlage von Boston mit 276 Watt und sechs Lautsprechern wird immer verbaut. Das spart natürlich eine Menge Geld beim Transfer der Fahrzeuge aus den USA nach Europa. Zu viele Konfigurationsmöglichkeiten wären wohl schlicht zu teuer. Dem Kunden kann das recht sein, denn das Navigationssystem Uconnect steht zwar jetzt nicht an der Spitze der technologischen Entwicklung, aber es erfüllt seinen Zweck und das Soundsystem hört sich gut an.

Auch mit geschlossenem Dach hat er noch seine optischen Reize. Das Verdeck ist daneben sauber gearbeitet und sorgt für eine angenehme Akustik im Innern.
Auch mit geschlossenem Dach hat er noch seine optischen Reize. Das Verdeck ist daneben sauber gearbeitet und sorgt für eine...Foto: Hersteller

Der Rest an Bedienelementen ist relativ übersichtlich gehalten. Wer eine gediegene Sitzposition bevorzugt, der kann gut die Regler der Klimaanlage erreichen. Bei der Bedienung des Multimediasystems braucht es schon etwas Körperspannung, denn das Touchscreendisplay ist ein Stückchen weiter weg. Dafür reagiert es recht flott im Vergleich zu anderen Systemen dieser Art. Die Tasten auf dem Lenkrad hingegen sind funktional gehalten und die Anzahl beschränkt sich auf das notwendige Minimum. Gleiches gilt für die Bedienstöcke und das Cockpit. Da ist nicht mehr dran und steht nicht mehr drauf, als muss. Das ist aber auch in Ordnung so.

Praktisch ist der USB-Port im unteren Teil der Mittelkonsole, weil sich direkt darunter eine Ablagefläche für Telefon oder MP3-Player befindet. Ansonsten sind Ablagen eher rar gesät. In der Seitentasche lässt sich eine Ein-Liter-Flasche unterbringen und unter der Armlehne findet sich Platz für kleinere Dinge, ebenso wie im Handschuhfach. Dass sich in diesem Auto us-amerikanische Gene wiederfinden, zeigen die beiden Cupholder im Fond.

Platz nehmen:

Eine der wesentlichen Verkaufsargumente für das Lancia Flavia Cabrio sind die vier vollwertigen Sitze. In diesem Bereich gibt es unterhalb der oberen Mittelklasse nur wenig im Angebot. Der Audi A3 beispielsweise oder sein Bruder, das VW Golf Cabrio, wären offene Modelle mit vier Plätzen. Daneben gibt es noch den Peugeot 308 CC als Konkurrenten. Der Rest vom Markt an Cabrios mit vier Sitzen spielt vom Preis her eine Liga höher.

Das Lancia Flavia Cabrio macht das mit den vier Sitzen recht ordentlich. Vorne gibt es am Raumangebot nichts zu beanstanden. Hinten ist der Platz für Erwachsene aber überschaubar. Lancia kommuniziert das auch offen und sieht eher die vierköpfige Familie als vier Erwachsene in dem Auto. Das ist realistisch. Selbst im Fond einer Mercedes E-Klasse als Cabrio fühlen sich Erwachsene nicht wirklich wohl. Von einem offenen Golf ganz zu schweigen. So geht im Vergleich mit der Konkurrenz auch das Platzangebot hinten in Ordnung. Für längere Fahrten im Fond muss man sich aber schon etwas arrangieren.

Eine Problemzone für jedes Cabrio mit voll versenkbarem Dach ist der Kofferraum. 198 Liter passen da rein, wenn das Textilverdeck im Heck versenkt wurde. Das hört sich aber besser an, als es sich in der Praxis als nutzbar erweist. Denn die Auffangschale unter dem Deckel lässt für Taschen nur eine relativ schmale Lücke, durch die Gepäck geladen werden kann. Die Liter verteilen sich recht flach darunter, weshalb selbst kleinere Taschen da gerade so darunter passen. Wer wirklich etwas mitnehmen möchte wird daher das Dach wohl schließen müssen. Dann entstehen 377 Liter Platz unter dem Kofferraumdeckel. Das ist ein recht ordentlicher Wert, denn dann bietet der Italiener mehr Platz als beispielsweise das bisherige BMW 3er Cabrio.

Losfahren:

Wir setzen uns rein, lassen die Badetasche zu Hause und drehen eine Runde unter der Sonne Brandenburgs. Was zunächst auffällt ist der raue Sound, der sich nach dem Dreh am Schlüssel zu Wort meldet. Er verstummt zwar schnell wieder, kommt aber an jeder zweiten Kreuzung lautstark zu Ohr, wenn etwas mehr Leistung angefordert wird. Daran hat auch die Sechsgang-Automatik ihren Anteil. Unrhythmisch sind die Gangwechsel, langsam der Kupplungsvorgang und manchmal auch nicht ganz nachvollziehbar die Schaltvorgänge. Eines wird schon nach wenigen Metern klar: Hektisch mag er nicht, der Lancia Flavia.

Zweifarbiges Leder gibt es als Serienausstattung. Das Platzangebot ist recht gut für ein Cabrio.
Zweifarbiges Leder gibt es als Serienausstattung. Das Platzangebot ist recht gut für ein Cabrio.Foto: Hersteller

Gut, verlassen wir die Stadt und starten eine Landpartie in den Fläming. Auf der Landstraße macht sich das Ganze deutlich besser. Relativ zügig wird in den sechsten Gang geschaltet, der lang als Overdrive ausgelegt ist. Solange es linear nach vorne geht verrichtet die Wandlerautomatik ihre Dienste sehr ordentlich. Die Schaltvorgänge sind etwas langatmig, kommen aber zum richtigen Zeitpunkt um den Vortrieb in Form von Drehmoment am Leben zu halten. Steht aber ein Überholvorgang an und es wird mehr Leistung über das Gaspedal angefordert, dann schaltet die Automatik erst einen und dann den zweiten Gang runter, lässt den Motor etwas unwirsch aufheulen und schließlich kommt mit Verzögerung die Kraft der 170 PS des Motors auch an den angetriebenen Vorderrädern an. Unwillkürlich erscheint das Bild von des Cowboys auf dem bockenden Pferd vor dem geistigen Auge und beim nächsten Mal liegt der Gedanke nahe sich den ganzen Aufriss zu sparen, selbst hinter einem Traktor herzuzuckeln und lieber die schöne Landschaft Brandenburgs zu genießen.

Das zahlt sich nicht nur in innerer Entspanntheit sondern auch an der Tankstelle aus. Denn ein Sparmeister ist der Vierzylinder mit seinen 2360 Kubikzentimeter Hubraum dann leider auch nicht. Schon der Normverbrauch von 9,4 Liter lassen ahnen, dass dieser Otto-Motor ordentlich Stoff zum Leben braucht. Auch wenn die Umerziehung durch den Lancia Flavia angesichts der hochsommerlichen Tage bei uns schnell gefruchtet hat und wir meist brav wie die Lämmchen auf der Landstraße gecruist sind, kamen wir nach dem Tanken auf 11,4 Liter für 100 Kilometer. Das ist nicht gerade ein Wert, der Freudentränen in die Augen treibt. Auch wenn der Lancia Flavia seine 1781 Kilogramm leer vom Fleck zu ziehen hat.

Das Fahrwerk schließlich ist dem Gesamtkonzept jedenfalls angepasst und daher lässt es sich im Grunde auch nicht darüber beschweren. Für manche ist die Auslegung möglicherweise etwas weich, aber dafür kommt im Innenraum von dem Unbill der Straßen auch wenig an. Eine leichte Hecklastigkeit des Fahrzeugs darf unter „konstruktionsbedingt“ gebucht werden und liegt absolut im grünen, sprich für jedermann beherrschbaren Bereich.

Lobend erwähnt werden sollte in diesem Abschnitt noch das Stoffverdeck, das qualitativ einen sehr guten Eindruck macht. Vor allem aber ist es akustisch wertig und hält selbst bei Geschwindigkeiten jenseits der 160 km/h die Windgeräusche zufriedenstellend draußen. Auf und zu geht dabei allerdings ausschließlich im Stand und das Ganze benötigt rund 20 Sekunden. Es ist allerdings ganz spektakulär anzusehen, wie sich der mächtige Deckel des Kofferraums und die große Stoffmütze schluckt.

Helfen lassen:

In Sachen Assistenten und Helferlein bietet der Lancia Flavia sozusagen eher eine Basisausstattung, die es dafür aber komplett serienmäßig gibt. Das gilt vor allem, wie bereits erwähnt, für Navigationssystem und Soundanlage. Aber auch Bordcomputer und Klimaanlage werden vom 6,5 Zoll großen Display gesteuert.

Lang zieht sich das Heck des Lancia Flavia. Darunter versteckt sich die Stoffmütze des Cabrios.
Lang zieht sich das Heck des Lancia Flavia. Darunter versteckt sich die Stoffmütze des Cabrios.Foto: Hersteller

An Fahrassistenzsystemen ist der Lancia Flavia eher monothematisch ausgerichtet. Ein konventioneller Tempomat erleichtert beispielsweise das Einhalten von Tempolimits oder monotone Autobahnfahrten. Darf bei einem amerikanischen Auto natürlich keinesfalls fehlen. Ansonsten ist aber Schmalkost angesagt. Aufwendige Assistenten sucht man vergebens. Ein Grund mehr sich auf die schöne Landschaft zu konzentrieren.

Hören und sehen:

Hinter dem Touchscreendisplay des "UConnect", wie das System bei Lancia heißt, steckt eine Festplatte mit 40 Gigabyte Platz für Musik und wem das nicht reicht, der kann neben dem Telefonieren über Bluetooth auch noch seine eigene Musik vom Mobiltelefon abspielen. Wer sich lieber verkabelt, dem stehen Aux-Eingang und besagter USB-Anschluss zur Verfügung. Und natürlich finden Apfel-Freunde auch einen Anschluss für iPod und Co. vor. Im Grunde also alles vorhanden für die Beschallung unter freiem Himmel. Laut genug ist es im Zweifelsfall auch. Wir haben "Ascheregen" von Casper auf die ein oder andere brandenburgische Allee geschmettert und das mit viel Freude.

Nachrechnen:

"All inclusive" wurde einst auf Kreuzfahrten als Begriff geprägt. Das passt auch ganz gut zum Lancia Flavia Cabrio, das auf seine Art auch ein Kreuzfahrtdampfer mit Sonnendeck ist. Ein Motor fünf Sonderlackierungen für je 800 Euro und das war es. Wer hier länger als zwei Minuten für die Konfiguration benötigt sollte dringend einen Termin bei einem Verhaltenstherapeuten buchen. Das Ganze gibt es für 36 900 Euro oder eben 800 Euro mehr. Einfacher geht es wirklich nicht.

Der Lancia Flavia hat durchaus seine Vorzüge. Motor und Getriebe sind aber etwas aus der Zeit gefallen.
Der Lancia Flavia hat durchaus seine Vorzüge. Motor und Getriebe sind aber etwas aus der Zeit gefallen.Foto: Hersteller

Wer zum Vergleich die Konkurrenten heranzieht, der befindet sich in einer schwierigen Lücke. Beispiel Audi: Eine vergleichbare Motorisierung gibt es für etwas mehr als 30 000 Euro. Wer hier aber Leder und Fahrwerk reinkonfiguriert, der landet schnell in der Region des Lancia Flavia. Vom Raumangebot her kann der Ingolstädter allerdings nicht mithalten. Da käme schon eher das Audi A5 Cabrio in Frage. Aber das gibt es erst ab mindestens 39 000 Euro. Der kurze Ausflug verdeutlicht, dass dieses Modell durchaus eine Nische finden könnte, denn direkte Konkurrenten gibt es kaum. Nur drüber oder drunter werden die Kunden fündig, müssen sich aber mit weniger Platz, nicht nur im Fond, oder deutlich weniger Geld im Portemonnaie anfreunden.

Abwägen:

Tatschlich hat das Lancia Flavia Cabrio sein Potenzial. Der große Haken aber sind Motor und Getriebe. Schade, denn in den übrigen Disziplinen macht der Italo-Amerikaner seine Sache gar nicht schlecht. Er bietet ausreichend Platz, ist gut ausgestattet und hat ein wertiges Verdeck. Wichtige Attribute für ein Cabrio. In den USA wird das Modell mit einem 3,6 Liter großen V6-Motor angeboten. Das wäre auch hierzulande eine Überlegung wert. Dann würde sich sicherlich noch der ein oder andere Kunde einer Fremdmarke für das Auto interessieren. Auch einer der bewährten Diesel aus dem Fiat-Regal wäre eine Alternative. Im Diesel-freundlichen Europa auch keine schlechte Idee. So ist der Lancia Flavia wirklich etwas Spezielles. Ein Auto für Leute, die es sehr gediegen mögen und dennoch offen unterwegs sein wollen. Die Kunden gibt es, aber davon eben nicht so viele.

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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