Praxistest Nissan Pulsar 1.2 DIG-T Visia : Ohne Zicken durch den Alltag

Nach dem Misserfolg des Tiida und den nur mäßigen Verkaufszahlen des Sunny und Almera wollen sich die Japaner keinen weiteren Flop auf dem europäischen Kompaktklasse-Markt leisten. Der neue Hoffnungsträger heißt nun Nissan Pulsar 1.2 - er soll die Lücke im Modellprogramm schließen. Doch kann der in der Golf-Liga mitspielen?

von
Kompakt und schnittig: Der neue Nissan Pulsar macht eine gute Figur. Unter dem Blech steckt die Technik des Kompakt-SUV Juke.
Kompakt und schnittig: Der neue Nissan Pulsar macht eine gute Figur. Unter dem Blech steckt die Technik des Kompakt-SUV Juke.Foto: promo

Nissan ist sich untreu geworden. Vor sieben Jahren machten die Japaner einen radikalen Schnitt, der von großem Mut zeugte: Statt eines weiteren neuen Kompaktklasseautos brachten sie damals ein kompaktes SUV. Das Risiko wurde belohnt: Der Qashqai wurde trotz seines für viele unaussprechlichen Namens (dieser spielt auf das im Iran ansässige Nomadenvolk der Kaschgai an) ein Riesenerfolg. Vier Jahre später kippte er den erfolglosen Kompakten Tiida aus dem europäischen Verkaufsprogramm. Zuvor schon hatten die Modelle Sunny und Almera versucht, in der heiß umkämpften Golf-Klasse ein Stück weiter nach vorn zu kommen. Mit bescheidenem Erfolg.

Nun, nach vier Jahren Abstinenz, wollen die Japaner erneut bei den Kompakten mitmischen. Denn Nissans Verantwortliche hat der Erfolg des Qashqai nicht blind gemacht. Sehr wohl hat man die Lücke im Modellprogramm gesehen: Zwischen dem Minivan Note (ab rund 14000 Euro) und dem SUV Qashqai (ab knapp 20000) gab es bislang nur den abgefahrenen Juke (ab 16000 Euro) für Freaks. In diese Lücke soll nun der neue Pulsar (ab 18000 Euro) fahren, der quasi als Qashqai im Flachformat von dessen Erfolgsaura profitieren soll. Doch mittlerweile geht es in der Golf-Klasse viel härter zu; über 30 Modelle ringen jetzt um die Gunst der Kundschaft. Ein Neuer in dieser Runde muss schon etwas wirklich Neues bieten, um aufzufallen und anzuziehen. Kann dies der neue Pulsar? Auf diese Frage antwortet unser Praxistest mit dem Basismodell des neuen Kompakten, dem Pulsar 1.2 DIG-T Visia mit 115 PS.

Außen und Innen

Das haben die Japaner geschickt gemacht. Der Pulsar sieht aus wie ein zu heiß gewaschener Qashqai, der zum Trocknen durch die Mangel gedreht und so flach gemacht worden ist. Ähnlichkeiten mit Nissans SUV-Erfolgsmodell sind erwünscht. Der Pulsar ist deshalb optisch wuchtig geraten, auch wenn er mit seinen 4,39 Metern Länge gerade mal elf Zentimeter länger als ein Golf geworden ist. Der Unterbau stammt vom flippigen Juke, ganz konventionell: vorn eine McPherson-Aufhängung, hinten eine einfache Verbundlenkerachse. Das Besondere ist der auf 2,70 Meter gestreckte Radstand, der dem Pulsar zu einem für die Kompaktklasse nahezu konkurrenzlosen Raumangebot verhilft. Quasi das Alleinstellungsmerkmal des Japaners. Doch leider hat Nissan zu wenig daraus gemacht, wie wir im nächsten Kapitel noch erläutern werden.

Das Innenraumdesign ist an den Markenbruder Qashqai angelehnt. Allerdings kommt beim Pulsar mehr Kunststoff zum Einsatz - aus Kostengründen.
Das Innenraumdesign ist an den Markenbruder Qashqai angelehnt. Allerdings kommt beim Pulsar mehr Kunststoff zum Einsatz - aus...Foto: promo

Im Innenraum findet man ebenfalls Anklänge an den erfolgreichen Qashqai,  mit dem geschwungenen Armaturenbrett, das jedoch hier größtenteils aus Hartplastik besteht. Nur die Oberseite ist weich hinterschäumt. Doch das stört nicht weiter, da die Kunststoffe gut verarbeitet sind. Die klaren und gut ablesbaren Instrumente stammen aus dem Qashqai. Dass es sich bei unserem Testwagen um das Basismodell handelt, wird schnell deutlich. Das Lenkrad schmückt kein handschmeichlerisches Leder; der Lenkradkranz besteht aus rutschigem Kunststoff. Auch die Türinnengriffe bestehen statt aus Chrom nur aus einfachem schwarzen Kunststoff,  welcher an der Innenseite nicht richtig entgratet wurde. Das unausgekleidete Handschuhfach ist zwar recht klein geraten, dafür fallen die Türtaschen schön groß aus, und in der Mittelkonsole gibt es noch weitere praktische Ablagen.

Sitzen und Laden

Den Pulsar zeichnet eine Besonderheit aus, die ihn gerade für Ältere zu einem interessantern Auto werden lassen. Die Vordersitze sind für ein normales Kompaktauto vergleichsweise hoch eingebaut, so das man sehr bequem ein- und aussteigen kann. Und da sie nur kleine Wülste an den Seiten haben (dafür jedoch wenig Seitenhalt), rutscht man einfach darüber weg. Fast so bequem wie in einem SUV. Nach dem ersten Kontakt scheinen die großen Sitze zunächst etwas zu weich zu sein. Doch nach vielen Kilometern Autobahnfahrt wird klar, dass der erste Eindruck eine Täuschung war: Die Pulsar-Sitze stützen mit ihrer angenehmen Polsterung auch auf längeren Strecken gut. Sie sind voll langstreckentauglich.

Die Beinfreiheit in der zweiten Reihe ist so groß wie in einer viel größeren Mercedes E-Klasse.  Leider ist die Rückbank selbst recht kurz,  so dass Lange auf langen Strecken eher unbequem sitzen. Beim gegenüber dem VW Golf minimal größeren Kofferraum (385 bis 1385) hat man die Möglichkeiten, die ein neues Modell bietet, Chancen leider nicht genutzt: So gibt es weder einen doppelten Ladeboden noch Verzurrösen. Und nur die Rücksitzlehne lässt sich umklappen, dann jedoch entsteht eine 20 (!) Zentimeter hohe Stufe, welche hinderlich ist beim Verstauen längerer Gegenstände. Diese müssen auch erst mal über eine mit 70 Zentimetern vergleichsweise hohe Ladekante gehievt werden, und beim Ausladen dann wieder über eine gut 15 Zentimeter hohe innere Stufe gehoben werden. Ergo: Für ein brandneues Auto bietet der Pulsar hier einfach zu wenig Variabilität.

Mit 1265 Kilogramm Leergewicht ist Nissans neuer Kompakter leicht geraten; dafür kann er hohe 485 Kilogramm zuladen. Allerdings neigt dann die Federung auf schlechten Straßen bisweilen zum Durchschlagen.

Fahren und Tanken

Die Fahrt beginnt mit einer Irritation. Das Lenkrad steht leicht schief, ist nach links geneigt. Nach einer Weile gewöhnt man sich an diese Besonderheit – und freut sich dafür über den Motor. Im neuen Gehäuse fühlt sich der kleine Turbobenziner von Renault,   welcher in vielen Modellen des Nissan-Renault-Konzerns arbeitet, pudelwohl. Im vergleichsweise leichten Pulsar geht der 115-PS-Benziner geradezu freudvoll zu Werke. Der Pulsar wiegt immerhin gut 200 Kilogramm weniger als der Qashqai, mit dem der kleine 1,2-Liter-Turbo in einem früheren Test zuweilen seine liebe Mühe hatte. Und deshalb gönnt er sich einige Schlucke weniger als im Qashqai. Statt 7,1 Liter wie im SUV waren es am Ende der 1400 Kilometer Testfahrt im Pulsar nur glatte sechs Liter Super pro 100 Kilometer – bei deutlich besseren Fahrleistungen. Da freut man sich.

Hält man sich allerdings an die Schaltempfehlungen, wird der Pulsar irgendwie zum Schmidtchen Schleicher,  weil die Elektronik bereits unterhalb von 2000 Touren zum Hochschalten mahnt. Wir sind mal so ein längeres Stück auf diese Weise gefahren und haben da nur 5,3 Liter Super auf 100 Kilometer verbraucht. Super! Man kann so fahren, muss es aber nicht immer. Im Alltag bei Landstraßentempo und bei gemäßigter Autobahnfahrt um die 120 km/h schnurrt der kleine Vierzylinder zufrieden vor sich hin – und knausert mit dem Sprit. Flotte Autobahnfahrt um die 150 km/h hingegen fördert die Lust am Durst. 7,8 Liter waren es nach einer längeren Autobahnetappe mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 128 km/h. Doch auch das geht noch in Ordnung.

Große Klappe - der Pulsar darf knapp 500 Kilogramm zuladen. Das Kofferraumvolumen liegt bei knapp 400 Litern, das ist in etwa Golf-Niveau.
Große Klappe - der Pulsar darf knapp 500 Kilogramm zuladen. Das Kofferraumvolumen liegt bei knapp 400 Litern, das ist in etwa...Foto: promo

Für das gute, grüne Gewissen ist ja noch die überdurchschnittlich gut agierende serienmäßige Stop-Start-Automatik da. Sie zeigt im Info-Display im Stop-Start-Modus die jeweils eingesparte CO2-Menge in kg/km an.

Dank seines kleinen Wendekreises von 10,2 Metern lässt sich der Pulsar ohne große Probleme rangieren. Ein Kurvenräuber  allerdings will er nicht sein, er gibt eher den beflissenen und besonnenen Begleiter, der nicht zu Ausbrüchen neigt. Dafür sorgt schon der recht früh eingreifende elektronische Schleuderschutz ESP. Sicher ist sicher.

Der Pulsar lässt sich zwar handlich bewegen, doch eine sportliche Gangart ist nicht seine seine Stärke. Dazu fehlt dem Nissan schlicht die Präzision eines Seat Leon im Umsetzen der Lenkbefehle sowie dessen messerscharfe Reaktion bei der Rückmeldung,  wie sich Auto und Straße gerade zueinander verhalten.

Die Federung ist komfortabel abgestimmt, weil hier im Basismodell 16-Zoll-Räder mit besserer Eigendämpfung montiert sind, keine 19-Zoll-Räder wie im Qashqai, die zwar schick aussehen, aber den Federungskomfort spürbar verschlechtern, weil sie jede Unebenheit gnadenlos weitergeben. Zudem hilft der lange Radstand  des Pulsar, Straßenunebenheiten sauber wegzubügeln. Nur bei kurzen Stößen reagieren die Dämpfer etwas unsensibel. Insgesamt erweist sich der Pulsar beim Fahren – und das ist klar als Kompliment gemeint – als unkompliziertes und leicht handhabbares Auto, das im Alltag keine Zicken macht.

Hören und Sehen

Dieser Nissan gehört zu den  übersichtlicheren Autos. Das ist gut, denn für das Basismodell Visia sind weder hintere Parkpiepser noch Rückfahrkamera lieferbar. Da muss man sich eben auf die eigenen „Sensoren“ verlassen. Serienmäßig hingegen ist ein guter Geräuschkomfort. Meistens hört man in diesem Auto kaum etwas vom Motor,   nur wenn dieser eher selten mal richtig gefordert wird, geht er kernig zur Sache. Auch die Abrollgeräusche halten sich vornehm zurück. Bereits beim Einstiegsmodell ist ein CD-Radio serienmäßig an Bord,  doch der Empfang ist eher mäßig und der Klang recht dünn. Schade.

Wählen und Zahlen

Für 17940 Euro bekommt man bei Nissan mit dem Pulsar einen sehr geräumigen Kompakten mit einem 115-PS-Benziner inklusive schon guter Ausstattung wie fünf Türen, vier elektrische Fensterheber, Stop-Start-Automatik, manuelle Klimaanlage, CD-Radio samt Anschluß für MP3-Player, Bluetooth-Schnittstelle für Mobiltelefone, höhenverstellbarer Fahrersitz, Lenkradfernbedienung für Audio- und Fahrerinformationssystem sowie für den ebenfalls bereits serienmäßigen Tempomat mit Geschwindigkeitsbegrenzer. Zum Vergleich:  Bei Kia verlangen sie für ihren eben erst überarbeiteten Kleinwagen Rio mit vergleichbarem 109 PS starken Benziner bereits 19790 Euro.

Wer beim Pulsar das Basismodell wählt,  hat allerdings keine Wahl mehr. Für das von uns gefahrene Basismodell bietet Nissan nämlich außer einer Metalliclackierung für 550 Euro keine weiteren Extras an! Also weder das günstige Navigationssystem, noch die Rückfahrkamera, noch das tolle und in dieser Klasse einzigartige Fahrersicherheitspaket Safety Shielt für 360 Grad Rundumsicht, das wir in einem früher gefahrenen Testwagen als äußerst hilfreich empfanden. Nicht einmal die taghellen LED-Scheinwerfer sind für das Basismodell bestellbar. Das ist schon aus diesem Grunde schade, weil das serienmäßige Halogenlicht des Basis-Pulsar  die Fahrbahn nur mäßig ausleuchtet. Diese sicherheitsfördernden LED-Hauptscheinwerfer würden für den Basis-Pulsar zusätzliche 4240 Euro kosten! Denn man muss die nächst höhere Ausstattung Acenta wählen, die gleich 20580 Euro kostet, und dann noch mal 1150 Euro extra für LED-Scheinwerfer zahlen, die es nur im Paket mit 17-Zoll-Alurädern und abgedunkelten Seitenscheiben gibt.

Gutes und Schlechtes

Für ein brandneues Auto in der Kompaktklasse bietet der Pulsar in der Basisversion Visia ohne die zubuchbaren reizvollen Sicherheitsextras der teureren Versionen nichts grundlegend Neues. Wer einen unauffälligen, bei entsprechender Fahrweise sehr sparsamen, überdies ausgesprochen geräumigen und insgesamt  praktischen Kompakten sucht, mit dem er weder protzen noch rasen will, der ist mit diesem Nissan sehr gut bedient. Dazu muss er allerdings bereit sein, Verzicht zu üben, weil der Basis-Pulsar nur so ohne alles angeboten wird, und ohne jegliche Extras.

Das Fazit nach gut 1400 Kilometern Testfahrt? Kein Überflieger, der Herzen erwärmt, sondern ein durch und durch vernünftig-praktisches Auto zu einem sehr guten Preis, das ihn ohne Zicken durch den Alltag bringt. Was will man eigentlich mehr?

Stärken

Sehr gutes Platzangebot

Günstiger Preis

Einfache Bedienung

Schwächen

Federung schlägt bei voller Zuladung durch

Keine Extras lieferbar

Mäßiges Halogenlicht

Konkurrenz

VW Golf

Hyundai i30

Peugeot 308

Technische Daten

Nissan Pulsar 1.2 DIG-T Visia

Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)

4,39/1,77/1,52 Meter

Leergewicht

1265 Kilogramm

Kofferraumvolumen normal/Rückbank umgelegt

385 Liter

Maximale Zuladung

485 Kilogramm

Sitzplätze5
Tankvolumen

46 Liter

Motor

Reihen-Vierzylinder-Otto-Motor mit Direkteinspritzung und Abgasturbolader, Stop-Start-Automatik serienmäßig

Hubraum

1197 Kubikzentimeter

Getriebe6-Gang-Handschaltgetriebe
Leistung (kW/PS)

85 / 115

Drehmoment

190 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen/Min

Beschleunigung 0 - 100 km/h

10,7 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit

190 km/h

Verbrauch laut Hersteller (innerorts / außerorts / kombiniert)

4,3/6,3/5,0 Liter

Verbrauch im Test

6,0 Liter

Typklassen (KH/VK/TK)

15/20/19

Preis als Basisfahrzeug

17.490 Euro

Preis des Testwagens

18.040 Euro

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben