Comeback der Rahmenbauer in Berlin : Die neuen Straßen-Künstler

Das Fahrrad als Lifestyle-Produkt, Statussymbol und Accessoire: Die Suche nach dem Besonderen, Einzigartigen lässt kleine Radmanufakturen aufblühen. Rahmenbau gilt als die Königsdisziplin und immer mehr Fahrradschrauber aus Berlin nehmen die Herausforderung an.

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Filigrane Arbeit: Daniel Pleikies, auch "WheelDan" genannt, bei der Arbeit mit dem heiklen und vor allem teuren Material Titan.
Filigrane Arbeit: Daniel Pleikies, auch "WheelDan" genannt, bei der Arbeit mit dem heiklen und vor allem teuren Material Titan.Foto: promo

Rahmen können eine Handschrift tragen, auch ohne Label. Daniel Santucci und Yuji Kimura jedenfalls erkennen den „Pinselstrich“ des jeweils anderen auf Anhieb. Seit einem Jahr sind die beiden Rad-Enthusiasten Partner und jeder für sich eine Ein-Mann-Manufaktur für funktionale Stadträder im Retro-Stil.

Vor einigen Monaten haben sie einen gemeinsamen Showroom und eine Werkstatt in der Danziger Straße in Prenzlauer Berg eröffnet. Wenige Tage vor der Fahrradschau wird es hier noch einmal hektisch. Die beiden verpassen ihren neuesten Werken den letzten Schliff. Schließlich geht es um den wichtigsten Termin im Jahr. Die Messlatte liegt hoch: Im letzten Jahr erregte Kimuras „Corona“, ein Stadtrad mit Korbhalterung vorne, Hammerschlag-Schutzblechen, geflochtenen Korb-Griffen und grell-gelbem Farbton viel Aufsehen. „Darüber reden die Leute heute noch“, sagt Santucci.

Rahmenbauer sind das Herz der Berliner Fahrradschau

Die Berliner Fahrradschau, früher eine Fachmesse für Fixie-Freunde, begrüßte an diesem Wochenende zwar auch große Marken wie Canyon, Specialized und Giant. Doch eigentlich sonnen die sich nur im Glanz der kleinen Manufakturen. Denn genau die sind seit Anfang an das Herz der Messe in der Station am Gleisdreieck – und es pumpt immer stärker frisches Blut in die Szene.

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Berliner Fahrradschau am Gleisdreieck
Berliner Fahrradschau am Gleisdreieck

Besonders erstaunlich: Sogar der aufwändige Rahmenbau kehrt zurück nach Deutschland. Jedes Jahr stoßen drei, vier neue Rahmenbauer zur Schau dazu, erzählen die Organisatoren. Nur der Bereich Urban Lifestyle wachse noch schneller, sagt BFS-Kurator Götz Haubold. Zu den Newcomern zählen dieses Jahr auch einige Berliner Marken, zum Beispiel Rakete, Troica und Fern Rad. (siehe Portraits unten)

Sie bauen Dinge, die es vorher nicht gab

„Berlin ist die Hauptstadt der Fahrrad-Schrauber“, glaubt Santucci. Wie er fanden viele seiner Kollegen erst über Umwege zu ihrer Berufung. Der US-Amerikaner arbeitete zehn Jahre in einer Software-Firma, stieg dort bis zum Produktmanager auf. Doch seine Leidenschaft war schon immer die Straße. „Radfahren bedeutete für mich immer Freiheit“, sagt Santucci. Seit 2009 stellt er Räder her, die seinen Namen tragen. Zuerst nur für Freunde. Dann für Freunde von Freunden. Und schließlich für völlig Unbekannte. „Da hat sich ein Fenster geöffnet und ich habe es genutzt“, sagt Santucci im Rückblick.

Work in Progress: Die Werkstatt von Fernrad.
Work in Progress: Die Werkstatt von Fernrad.Foto: promo

Geschichten wie diese findet man häufig auf der Fahrradschau. Man trifft auf ehemalige oder aktive Radsportler, die nach maßgeschneiderten Lösungen suchten und sie nicht fanden. Man begegnet findigen Rad-Enthusiasten, die eigentlich „nur mal was zum Spaß ausprobieren“ wollten – und dabei etwas Geniales erfanden. Man trifft auf Händler, die sich im Korsett etablierter Marken nicht mehr wohl fühlten. Sie bauen Dinge, die es vorher nicht gab, experimentieren mit Materialien und sind doch eigentlich nur auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Radler-Glück.

Alles fing mit ein paar Gebrauchträdern im Hinterhof an

„Der Stahlrahmenbau erlebt im Moment ein vorsichtiges Comeback“, stellt Jan Ungerer von der Kreuzberger Radspannerei erfreut fest. Die Werkstatt feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Angefangen hat alles mit einigen Gebrauchträdern im Hinterhof. Seit 2011 gibt es dort auch die Eigenmarke Paripa zu kaufen. Geboren wurde Paripa aus dem Versuch, Rennräder für die Stadt zu modifizieren. „Dabei haben wir  gemerkt, dass man immer viele Kompromisse machen muss“, erzählt Ungerer. Das Fahrgefühl sei einfach nicht das gleiche gewesen. Ein speziell entwickelter Rahmen sollte Abhilfe schaffen.

Schlank und schlicht sollte er sein, wie bei den klassischen Rädern. „Unser Ziel war immer, ein Fahrrad zu bauen, das du als Nutzer selbst reparieren kannst.“ Das Ergebnis: „Wir werden gerne mit dem Adjektiv 'retro' etikettiert“, sagt Jan Ungerer und wirkt darüber gar nicht unglücklich.

Wertvolle Rahmen aus Titan von WheelDan

Die Rahmen lässt Ungerer nach eigenen Entwürfen in kleiner Auflage in Tschechien schweißen. Über den Hersteller  sagt Ungerer: „Er ist einer der letzten verbliebenen in Europa, die so etwas machen.“

Der Showroom von Santucci und Kimura.
Der Showroom von Santucci und Kimura.Foto: promo

Auch Daniel Pleikies, genannt „WheelDan“, gilt als eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er ist der einzige in Berlin, der Räder aus wertvollem Titan baut. „Titan rostet nicht und es ist nicht so hart und kalt wie Stahl, sondern leicht und elastisch“, schwärmt Pleikies. „Es vermittelt ein Stück Ewigkeit.“ Er mag den rohen Look des Metalls, das sich nicht unter Lack zu verstecken braucht.

Rahmenbau mit Titan beherrschen nur eine handvoll Leute in Europa

Dass er in einem früheren Leben mal Architekt war, merkt man vor allem Pleikies aufwändigen Zeichnungen an. Der Lehrgang im Titan-Rahmenbau in Italien war ein lang gehegter Traum. Seither ist Pleikies auf sich gestellt. Denn nur eine handvoll Menschen in ganz Europa beherrschen diese Kunst.

Manche Teile sind aus Titan zehn Mal so teuer wie Stahl. Stahl kann man löten und schleifen. Titan aber verzeiht keine Fehler. Auch nach Jahren rauft sich Pleikies manchmal die Haare, weil er viel Geld für teures Material und Spezialwerkzeug verpulvert.

Es gibt noch Platz auf dem Berliner Markt

Doch die Kollegen loben ihn hoch. Vielleicht, weil er ohnehin konkurrenzlos ist? Haubold von der Berliner Fahrradschau glaubt, dass die Nachfrage nach Unikaten ist groß genug und noch viel Platz ist auf dem Berliner Markt für neue Rahmenbauer ist. „Leute, die das gut können, müssen sich nicht sorgen“, sagt er. „Viele haben volle Auftragsbücher – mit Wartelisten über Jahre hinaus.“

Titan als Material ist leicht und gleichzeitig stabil. Ideal für den Bau von Fahrradrahmen. Aber es ist auch teuer und nicht einfach zu handhaben.
Titan als Material ist leicht und gleichzeitig stabil. Ideal für den Bau von Fahrradrahmen. Aber es ist auch teuer und nicht...Foto: promo

Der Handmade-Fraktion geht es nicht darum, fertige Lösungen zu verkaufen. Sie will die Geschichten hinter den Produkten erzählen und ihr Wissen teilen. Daniel Pleikies etwa versorgt seine Kunden mit regelmäßigen Foto-Updates und dokumentiert akribisch den ganzen Entstehungsprozess.

Wer tiefer in die Materie einsteigen will, findet sogar Rahmenbaukurse. Für Einsteiger bieten sich die Workshops von Ozon an. Auch auf der Messe konnte der Besucher live zusehen, wie so ein Rahmen entsteht.

Rahmenbauer als kostenlose Ideenlieferanten für die Industrie

„Der Prozess, sich ein Fahrrad bauen zu lassen ist ein Hin und Her, machmal über viele Monate hinweg“, erklärt Haubold. Die Nähe zum Produzenten ist da ein großer Vorteil. Man kauft also nicht nur aus Regionalstolz in Berliner Manufakturen ein.

Kleine Manufakturen finden oft Lösungen, die später von der Industrie aufgegriffen werden. Normalerweise dauert es etwa zwei Jahre, bis die Idee auf den Massenmarkt ankommt. Der Fat Tire-Trend beispielsweise wurde so losgetreten. Dass sie oft als kostenloser Ideenlieferant für die Industrie herhalten müssen, stört die Erfinder dann aber kaum noch. Sie genießen vielmehr die Freiheit, noch mehr auszuprobieren – und pfeifen auf das Risiko. „Eine große Firma muss sich immer überlegen: Lohnt es sich überhaupt, ein Rad in dieser Farbe herzustellen? Werden es genug Leute kaufen?“, sagt Santucci. „Solche Entscheidungen müssen wir nicht treffen. Wir machen es einfach.“

Die Bohème der Zweirad-Szene

Allerdings: „Reich wird man dabei nicht“, sagt WheelDan. Seine Räder wechseln zwar zu stolzen Preisen zwischen 6000 und 8000 Euro den Besitzer. Doch die Gewinnspanne ist gering. „So ein Fahrrad ist halt kein T-Shirt“, so Pleikies. Man entwirft es nicht einmal und stellt es dann tausendfach billig her.

„Ich hoffe, dass es gelingt, in Deutschland eine solche Handmade-Szene zu etablieren wie in den USA“, sagt Ungerer von Paripa. Seine Marke ist zwar heute schon eine kleine Erfolgsstory. Den meisten Gewinn macht aber immer noch die Werkstatt und der Laden. Ohne den wäre das ganze Unternehmen vermutlich  „ökonomisch bekloppt“, gibt Ungerer zu. „Aber es macht halt mehr Spaß.“

Mit wenig Geschäftssinn und viel Leidenschaft fürs Rad sammeln die Tüftler auf jeden Fall Sympathie-Punkte. Sie sind die Bohème der Zweirad-Szene. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten zu Quasi-Rockstars aufsteigen.

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