Weniger Gewicht fürs Fahrrad : Es zählt jedes Gramm

Ein leichtes Fahrrad lässt sich schneller beschleunigen, besser durchs Treppenhaus schleppen und so den Fahrer oft entspannter ankommen. Gerade an Alltagsrädern kann man viel einsparen - wenn man planvoll vorgeht, sogar ohne hohe Kosten und Sicherheitsrisiken.

Heiko Dilk
Auch am Gepäckträger lässt sich Gewicht sparen. Dabei muss man nicht mal komplett auf ihn verzichten.
Auch am Gepäckträger lässt sich Gewicht sparen. Dabei muss man nicht mal komplett auf ihn verzichten.Foto: dpa

Auch Fahrradfahrer kommen um die Gesetze der Physik nicht herum. Je schwerer der Drahtesel, desto mehr Energie ist notwendig, um ihn zu beschleunigen, auf einen Berggipfel zu bringen oder in den vierten Stock zu hieven. Dank moderner Materialien und Fertigungsmethoden sind Fahrräder heute deutlich leichter als früher, doch man kann sie noch optimieren. Gerade an der Bereifung lassen sich erstaunliche Effekte erzielen. „Hier bringt Leichtbau am meisten, weil das rotierende Massen sind“, sagt René Filippek vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Je weiter außen das Gewicht sinkt, desto mehr bringt es.“ Entsprechend ist auch für Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad der „Haupt-Tuning-Tipp“ die Bereifung. Ein großer Vorteil liege darin, dass sich isoliert Gewicht einsparen lässt. „Ein neuer Reifen, ein neuer Schlauch - oder schlauchlose Reifen, falls möglich - neues Felgenband. Fertig.“

In anderen Bereichen besteht eher die Gefahr, dass Bauteile nicht zusammenpassen, was Folgekosten verursacht. Außerdem gibt es bei den Reifen erhebliche Gewichtsunterschiede, wie Fehlau sagt. Das Spektrum reicht von Rennradreifen mit nur 200 Gramm bis zu breiten Mountainbikereifen mit an die 1000 Gramm. Doch ADFC-Mann Filippek gibt zu bedenken, dass man sich in der Stadt eher für einen unplattbaren Reifen entscheiden sollte. „Da sind Scherben, Nägel oder Rollsplitt an der Tagesordnung, so dass ein Reifen mit extra Pannenschutz viel Ärger ersparen kann.“ Aber er wiegt mehr als ein Leichtbaureifen. „Ein Drittel kann das ausmachen“, so Filippek.

Leichtbau beim Fahrrad bedeutet oft auch schnelleren Verschleiß

Nicht jeder Reifen passt auch auf jede Felge, weshalb man beim Neukauf auf die angegebenen Reifendimensionen achten muss. Vorsicht ist bei älteren Felgen mit Felgenbremsen geboten, die verschlissen sind. „Wer auf einen Rennradreifen mit hohem Druck wechselt, dem kann auch mal die Felge platzen“, so Fehlau. Neue Modelle haben oft einen Verschleißindikator, bei alten sollte man den Fachhändler überprüfen lassen, wie viel Material die Flanke noch hat. Wer gleich die komplette Felge gegen eine leichtere austauschen will, sollte berücksichtigen, dass Leichtbauteile meist dünnwandiger sind und entsprechend schneller verschleißen. „Da braucht man womöglich früher Ersatz“, sagt Filippek.

Sparen ohne Risiko: An den Reifen lässt sich viel Gewicht sparen, doch gerade in der Stadt sollte man auf Pannenschutz Wert legen.
Sparen ohne Risiko: An den Reifen lässt sich viel Gewicht sparen, doch gerade in der Stadt sollte man auf Pannenschutz Wert legen.Foto: dpa

Bei den Speichen indes haben leichte Exemplare oft sogar einen baulichen Vorteil: „Leichtbauspeichen sind außen und innen stärker ausgeführt, verjüngen sich zur Mitte hin aber“, erklärt Filippek. Sie seien genauso stabil, aber flexibler. „Das Problem dabei ist, dass es sehr aufwendig und teuer ist, ein Laufrad einzuspeichen“, gibt Filippek zu bedenken. Der Ersatz lohnt sich also eher, wenn ohnehin neue Laufräder fällig sind. „Da kann man durchaus mal probieren, selbst neue Laufräder einzuspeichen“, sagt er. „Das ist zwar anspruchsvoll, aber auch kein Hexenwerk.“

Zwei Schlösser sparen Gewicht auf dem Rad

Schlossendlich: Wer beim Rad aufs letzte Gramm achtet, sollte über zwei Schlösser nachdenken - eins kann man am Zaun vorm Büro anschließen, eins zu Hause.
Schlossendlich: Wer beim Rad aufs letzte Gramm achtet, sollte über zwei Schlösser nachdenken - eins kann man am Zaun vorm Büro...Foto: dpa

Deutlich einfacher ist demgegenüber Leichtbau durch Weglassen. „Was nicht dran ist, wiegt auch nichts. Und ich muss es nicht bezahlen“, sagt Fehlau. Wer sein Rad ohnehin meist an der Laterne oder an einem Geländer anschließt, kann zum Beispiel auf den Ständer verzichten. „Da lassen sich 200 bis 400 Gramm sparen“, so Fehlau. Noch größer ist das Potenzial beim Gepäckträger. „Wenn ich der Rucksack- oder Kuriertaschen-Typ bin, sind schnell 500 bis 800 Gramm gespart.“ Und auch Radler, die mit seitlichen Packtaschen unterwegs sind, können ein paar Gramm loswerden. „Die brauchen kein Modell mit Auflagefläche, sondern kommen mit Streben aus“, sagt Filippek.
Auf die Schutzbleche sollten Radler indes nur in Ausnahmefällen verzichten. „Das ergibt nur für reine Sommerfahrer Sinn“, sagt Fehlau. Auch bei der Lichtanlage lässt sich unter Umständen abspecken. Einfache Nabendynamos im unteren Preissegment sind oft schwer und schwergängig. Gute Modelle sind zwar teurer, doch der Gewichtsunterschied kann bis zu 300 Gramm betragen.
Großes Abspeckpotenzial besteht laut den Experten auch bei der Federgabel. „Viele einfache Modelle federn zwar heftige Stöße einigermaßen ab, reagieren aber kaum auf kleine Unebenheiten, die in der Stadt viel mehr stören“, sagt Filippek. Ein breiter Reifen an einer Starrgabel könne die komfortablere Lösung sein - und fast ein Kilo einsparen. Vergleichsweise günstig ist eine Gewichtsersparnis am Sattel zu haben. Und laut Filippek sogar ohne Komforteinbußen.

Gewicht sparen beim Sattel, nicht bei de Stütze

„Gerade Tourenfahrer bevorzugen oft dünner gepolsterte Sättel, weil die auf Dauer komfortabler sind.“ Während ein Standardsattel 400 Gramm wiegen kann, liegen Sportsättel teilweise bei nur 150 Gramm. Deutlich weniger bringt eine Leichtbausattelstütze. „Hier sollte man lieber darauf achten, dass die Sattelklemmung solide mit zwei Schrauben ausgeführt ist, als auf das letzte Gramm zu schielen“, sagt Filippek. Überhaupt, die Sicherheit: „Man kann davon ausgehen, dass das, was bei seriösen Händlern und von namhaften Herstellern angeboten wird, auch sicher verwendet werden kann“, sagt Siegfried Neuberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Allerdings müsse man die Teile auch bestimmungsgemäß verwenden, betont er. „Teile fürs Rennrad sind auf andere Belastungen ausgelegt als Teile fürs Mountainbike.“

Sehr schweren Fahrern rät er, sich im Zweifel vom Fachhändler beraten lassen oder beim Hersteller nachzufragen. Bestimmte Gewichtsgrenzen für einzelne Komponenten gibt es jedoch in der Regel nicht. „Bei Kompletträdern findet man das zulässige Gesamtgewicht in der Betriebsanleitung“, so Neuberger. „Bei einzelnen Komponenten kann man schwer sagen kann, welche Kräfte da wirken.“ Grundsätzlich rät er bei Leichtbauteilen, deren Herkunft unklar ist, zur Vorsicht.

"Systemgewicht" beim Fahrrad nicht aus den Augen verlieren

Doch auch sonst ist Leichtbau ohne Kompromisse kaum machbar, ist Gunnar Fehlau überzeugt. „Im Radsport sagt man salopp: Gramm kosten Euro.“ Deshalb könne man sich von drei Wünschen immer nur zwei erfüllen. „Was leicht und stabil ist, ist nicht billig, stabil und günstig ist nicht leicht. Und leicht und günstig ist nicht stabil.“ Fehlau rät dazu, nicht das „Systemgewicht“ aus den Augen zu verlieren. „Wenn ich täglich mit einer dicken Aktentasche zur Arbeit fahre, lohnt es sich nicht, am Rad das letzte Gramm rauszukitzeln“, sagt er.

Allerdings lässt sich auch beim Gepäck eine Menge sparen. „Zum Beispiel mit zwei Schlössern. Eines davon schließt man zu Hause am Fahrradstellplatz an, eines vorm Büro.“ Dann muss man keines davon mit sich herumtragen. Manche Hersteller bieten auch Schlösser im Doppelpack an, für die man nur einen Schlüssel braucht. Und noch etwas gehört zum Systemgewicht: Fahrer oder Fahrerin. Hier Gewicht zu sparen, erfordert zwar ein wenig Disziplin, aber dafür kostet es nichts. Effektiv ist es trotzdem, denn, so Fehlau: „Der eigene Bauch muss ja auch noch verstoffwechselt werden.“ (dpa)

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