Fahrzeugmärkte : Messe Auto-China, der deutsche Boom und der elektrische Flop

Autoverrückt, diese Chinesen – eine Messe und eine ganze Stadt steht im Stau. Auf der Auto China in Peking werden die krassen Gegensätze Chinas offenbar. Leider auch die Tatsache, dass der lange Marsch zu Elektromobilität erst mal Pause macht.

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Andrang auf den Luxus: Auf der Auto China in Peking drängeln sich die Chinesen um die Statussymbole unserer Zeit. Foto: dpa
Andrang auf den Luxus: Auf der Auto China in Peking drängeln sich die Chinesen um die Statussymbole unserer Zeit.Foto: dpa

Der Verdacht liegt nahe. Die Deutschen verkaufen in China einfach zu viele Autos. Peking steht. Und wer mit dem Bus zur Messe fährt, wird vom Fahrer eingeladen, zwei Kilometer vor den Kassenhäuschen auszusteigen und den Rest in einem langen Marsch zu erledigen. Nur so kann man dem Stau entkommen – jedenfalls dem auf Rädern. Der auf Füßen schließt sich gleich an: Die Chinesen stürmen die Hallen gleich am ersten Tag, knäulen sich von Stand zu Stand, lächelnd, begierig, euphorisch. Es scheint, als kenne die Begeisterung für neue Autos keine Grenzen. Dafür ist der Wohlstand zu frisch, das Wachstum zu andauernd.

Dass es neben der Armut in den Provinzen immer mehr Reiche in den Städten gibt, erklärt, warum gerade die deutschen Premiumhersteller vom Boom profitieren: Ihre für China verlängerten Limousinen in der Mittel- und Oberklasse verkaufen sich prächtig – und zunehmend gilt das auch für SUV und Sportwagen. Die Messe in Peking ist inzwischen fast so groß wie die IAA in Frankfurt; den meisten Platz belegen die Deutschen; der Volkswagen-Konzern präsentiert seine Marken gar in einer eigenen Halle.

Geballte Macht aus Wolfsburg

Was im Wolfsburger Kosmos im einzelnen gezeigt wird, ist gar nicht so entscheidend: Ein Edel-SUV von Lamborghini namens Ursus. Tiefergelegte Studien von den hochgelegten Audi Q3 und Porsche Cayenne. Eine hübsche, auch für Deutschland avisierte Kompaktlimousine von Skoda, der "Rapid". Oder die offene Version des E-Beetles, die so wohl nie in Serie geht. Nein, entscheidender ist die Symbolik, die dem Familien-Auftritt innewohnt: Volkswagen ist mehr als eine Marke, Volkswagen ist die geballte Macht – wild entschlossen, dem Rest der Welt zu demonstrieren, wo man seinen Platz auf dem wichtigsten Automarkt der Welt hat und haben wird – ganz vorne.

Geballte Power aus dem Wolfsburger Imperium: Volkswagen belegt mit seinen Konzernmarken eine ganze Halle. Foto: dpa
Geballte Power aus dem Wolfsburger Imperium: Volkswagen belegt mit seinen Konzernmarken eine ganze Halle.Foto: dpa

Die einheimischen Hersteller stehen am anderen Pol: Während die Deutschen, die Japaner und die Südkoreaner ein Werk nach dem anderen hochziehen, weisen die Absatzkurven der chinesischen Autobauer immer weiter nach unten – aller Plagiate und aller ernsthaften Anstrengungen zum Trotz. "Foreign brands are seen as better", stand zur Eröffnung der Peking Autoschau in der "Daily China" zu lesen: Die ausländischen Marken haben bei den Chinesen den besseren Stand. Auch bringen die Gäste immer mehr Vielfalt ins Land und damit mehr Konkurrenz in die Nische: Wer in China einen A1 oder einen Smart fahren will, bekommt inzwischen auch den.

Elektro-Flop vs. Super-Exklusivität

Dennoch: Wer meint, genau zu wissen, wo die Reise im Riesen-Reich hingeht, sollte sich anschauen, wie es um die Elektromobilität steht: Viel, viel schlechter, als noch vor zwei Jahren angenommen. In Deutschland zeigten die Merkel-Kritiker damals mit dem Finger nach China: Seht, die machen es richtig mit ihren fetten Zuschüssen für Elektro-Autos. Tatsächlich sind kaum Stromer und Hybride unterwegs. Statt einer halben Million Fahrzeuge, die für 2012 geplant waren, sind es nur einige Zehntausend geworden. Die Gründe für den Flop sind die gleichen wie hierzulande: Akkus zu schwer, Autos zu teuer, unterm Strich zu wenig Reichweite.

In Peking juckt das allerdings keinen: Die alternativen Antriebe stehen im Schatten. Die Hauptrollen sind eher klassisch besetzt: Ein Beispiel für die Schnellen liefert der Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse, ein irres Cabrio, in dem man bei Tempo 250 selbst dann noch mit dem Beifahrer parlieren kann, wenn das Verdeck offen ist. Victoria Beckham herself hat einen der Schönen mitgestylt: Land Rover zeigt in Peking ein gleichnamiges Modell des SUV Evoque: In silbernem Mattlack, mit Gold am Schaltknauf und Mohair auf dem Boden. 200 Exemplare werden gebaut, mehr als 100.000 Euro kostet das Stück. Zehn kommen nach Deutschland. Fast alle anderen gehen nach China.

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1 von 25Foto: dpa
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