Feinstaub : Wohl dem, der weiterfahren darf

Die Umweltzone war Hauptthema der „Business Mobil“ – sie kann für manche zur Existenzfrage werden.

Stefan Jacobs

Auf der Flanke eines Peugeots klebt eine übergroße Umweltzonenplakette, ein Opel hat ein stilisiertes Erdgasmolekül auf der Motorhaube und hinter der Frontscheibe eines Saabs liegt ein Blatt mit der Aufschrift „Ich tanke auch Bioethanol“. Das Thema der Stunde war nicht zu übersehen auf der „Business Mobil“, der vom Tagesspiegel organisierten Nutzfahrzeugmesse am vergangenen Wochenende. Kein Wunder: Für viele von jenen, die bei schönstem Herbstwetter auf dem Tüv-Gelände an der Alboinstraße unterwegs waren, sind umweltfreundliche Autos kein Modethema, sondern existenziell wichtig. Denn Lieferwagen & Co. mit ihren zumeist ungefilterten Dieselmotoren sind von der bevorstehenden Einführung der Umweltzone weitaus stärker betroffen als Privatautos.

Typischerweise wüssten die Leute gar nicht, ob und wie lange sie noch in die Berliner Innenstadt fahren dürfen, berichtet Andreas Paetsch, Nutzfahrzeugverkäufer bei der Fiat-Niederlassung Ollenhauerstraße. Offenbar hätten gerade Handwerker keine Muße, sich zu informieren. Dabei würden viele die Senatspläne für sauberere Luft durchaus akzeptieren, sagt Paetsch. Eine Erfahrung, die sein Kollege Wolfgang Bernhardt nicht bestätigen mag: Er ist Technik-Experte bei Iveco und berichtet von Kosten um 4000 Euro, die für die Abgas-Nachrüstung großer Lastwagen üblich seien. „Absolut unwirtschaftlich“ sei das, „da war die Politik etwas zu schnell, ohne die Folgen für kleinere Betriebe zu bedenken.“ Bernhardt fürchtet ein böses Erwachen, wenn erst die Hinweisschilder aufgestellt sind und der Jahreswechsel naht.

Gert Augstin vom Vorstand der Kfz-Innung kennt dank regelmäßiger Kontakte zu Taxifahrern auch das neueste Gerücht: Die Umweltzone werde am Geld für die Schilder scheitern, erzählten sich manche – und kauften deshalb auch keine Plaketten, ohne die ab 2008 niemand mehr in den Bereich innerhalb des S-Bahn-Rings fahren darf. Allerdings dürfte die Taxifahrerprognose sehr gewagt sein, weil die Landesregierung nicht daran denkt, das Projekt zu verschieben. Auch um die für 2010 geplante Verschärfung der Normen wird der Senat kaum herumkommen, denn in jenem Jahr tritt eine EU-Richtlinie zur Stickoxidbelastung – ein typisches Dieselabgas – in Kraft. Der künftige Grenzwert wird an Berliner Hauptstraßen bislang viel deutlicher überschritten als der schon seit 2005 verbindliche für den Feinstaub. Ab 2010 soll die Innenstadt für Fahrzeuge mit roten und gelben Plaketten tabu sein – obwohl die vereinzelt erst im Jahr 2006 zugelassen worden und damit in gut zwei Jahren noch so gut wie neu sind.

Während draußen die Erwachsenen Probleme diskutieren und Kinder sorglos in der Mal-Ecke sitzen, verkauft Tüv-Prüfer Karsten Sperlich eine Umweltzonenplakette nach der anderen. Insgesamt seien hier in der Prüfstelle schon 10 000 der Aufkleber à 5,50 Euro verkauft worden – „mit stark zunehmender Tendenz in letzter Zeit“. Auch Sperlich hat beobachtet, dass Privatleute oft gut informiert seien. „Aber gewerbliche Kunden – ob Schlüsseldienst oder Installateur – wissen nicht Bescheid. Dass die Landesregierung eine informative Broschüre herausgegeben und alle Informationen ins Internet gestellt hat, sei kaum bekannt.

Eine Ecke weiter überrascht Scholz- Auto mit einem ungeahnten Ausweg aus dem Plakettendilemma. Die „Ape „(Italienisch für „Biene“, die dreirädrige Nutzversion der „Vespa“) ist zwar ein wahrer Stinker, aber dank Moped-Technik nicht von der Plakettenregelung betroffen.

Wieder versöhnt mit der Welt sind die Besucher beim Anblick des nagelneuen Fiat 500, der aus seiner Parklücke am Rande der Messe lächelt. Vor allem die Frauen lächeln verzückt zurück. Und der Verkäufer, der den Kleinen bewacht, berichtet: „Wir kommen mit dem Schreiben der Bestellungen kaum hinterher.“ Und fügt noch eine gute Nachricht hinzu: Zum Marktstart Ende Oktober sollen alle Versionen schon die künftige Abgasnorm Euro 5 erfüllen. Grüner geht’s kaum.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar