Auto : Fernost, nicht fernab

China wird immer mehr zum Nabel der Auto-Welt – kein Zufall also, dass auf der Auto Shanghai einer Weltpremiere die nächste folgt

In Reih und Glied.
In Reih und Glied.Foto: AFP

China ist für die Autoindustrie der alles dominierende Wachstumsmarkt. Daran lässt die Statistik keinen Zweifel: Mehr als 11 Millionen Zulassungen pro Jahr machen die Chinesen schon heute zu einer der größten Automobilnationen der Welt, sagte Prof. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. „Und allein in diesem Jahr kommen 11 Prozent hinzu.“ Kein Wunder also, dass die Fahrzeughersteller auf der Auto Shanghai (noch bis 28. April) fast genauso viele Neuheiten präsentieren wie bei den Branchengipfeln in Paris oder Detroit.

Zwar gibt es in China längst eine eigene Automobilindustrie. Und neben kuriosen Kopien und schillernden Studien zeigen Marken wie Geely, Roewe oder BYD sogar eine Reihe ernstzunehmender Kleinwagen und Familienkutschen, die sich auch in Europa bewähren könnten. Doch weil der Nachholbedarf der Autokäufer im eigenen Land so immens ist, sind die Expansionspläne der Chinesen noch vergleichsweise zaghaft, sagen Analysten auf der Messe. Aus der internationalen Perspektive geben deshalb die ausländischen Hersteller in Shanghai den Ton an – und der klingt ziemlich deutsch.

Alle Hersteller aus Deutschland sind am Huangpu River mit einer Weltpremiere vertreten. „Das ist das neue Gravitationszentrum der Autoindustrie“, sagte VW-Chef Martin Winterkorn. Deshalb haben sich die Wolfsburger die vielleicht wichtigste Neuheit des VW-Jahres für Shanghai aufgehoben: den Beetle (siehe erste Mobil-Seite). Die zweite Neuauflage des legendären Käfers ist stilistisch näher am Original als der Vorgänger. Sie soll deutlich sportlicher und sparsamer werden und im Herbst zu Preisen unter 20 000 Euro in den Handel kommen, sagte ein VW-Sprecher.

Während VW auf Traditionen setzt, will Mercedes in Shanghai damit brechen: Die Studie Concept A ist laut Vorstandschef Dieter Zetsche der Vorbote einer Neuauflage der A-Klasse mit gestrafftem Design und entstaubtem Interieur. Das Serienmodell wird allerdings erst in einem Jahr enthüllt. Neuland betritt auch Audi und baut seine SUV-Palette nach unten aus. Nach Q7 und Q5 zeigen die Bayern auf der Auto Shanghai zum ersten Mal den Q3. Technisch eng verwandt mit dem VW Tiguan, soll das SUV im Sommer zu Preisen ab rund 30 000 Euro in den Handel kommen – wir haben das Modell im Tagespiegel der vergangenen Woche bereits vorab vorgestellt.

Das Geschäft mit Autos brummt in China vor allem in der wachsenden Mittelschicht, stellen Analysten wie August Joas von der Münchener Managementberatung Oliver Wyman fest. Doch es gibt in dem Milliardenvolk einige Milliardäre und noch mehr Millionäre. Mercedes verkauft dort mehr S-Klassen und Audi mehr A8 als im Rest der Welt. Luxusmodelle und PS-Giganten spielen deshalb auf der Messe eine wichtige Rolle.

So gibt BMW in Shanghai mit dem mehr als 408 kW/555 PS starken Concept M5 einen nach Aussage von M-Chef Kay Segler sehr konkreten Ausblick auf die nächste Generation der Hochleistungslimousine. Und Porsche enthüllt mit dem Panamera Turbo S die schnellste Luxuslimousine der Welt: Mit seinen 405 kW/550 PS schafft der Viersitzer 306 km/h. Davon werden die Chinesen aber wenig haben: Auf ihren Straßen ist maximal Tempo 120 erlaubt.

Nicht nur die deutschen Importeure und ihre lokalen Partner treten in China groß auf. Auch die Franzosen sind mit vollen Containern nach Shanghai gekommen. So zeigt Citroën auf der Messe zum ersten Mal den DS5, der als luxuriöse Alternative zur Familienkutsche im Herbst die noble DS-Familie nach oben abrunden soll. Und bei Peugeot steht mit dem SxC ein ebenso feudaler wie sportlicher Geländewagen, der den aktuellen 4007 vergleichsweise alt aussehen lässt.

Chevrolet zeigt die nächste Auflage seines viel verkauften Malibu, der japanische Hersteller Subaru die seriennahe Studie des Impreza XV. Der Fünftürer stammt aus der neuen Kompaktklasse-Generation. Das fertige Auto soll im September auf der IAA enthüllt werden. Mit der Studie Universe gibt Volvo einen Ausblick auf ein neues Topmodell. Die Luxuslimousine hat eine für die Schweden ungewohnt runde, organische Form.

Neben konventionell angetriebenen Wagen spielen in China Elektroautos eine besondere Rolle: Die Regierung investiert enorme Summen in die Entwicklung und schafft Kaufanreize für Endkunden. „Bis 2020 will China weltgrößter Produzent von Elektrofahrzeugen werden“, sagte der Analyst Joas. Auf der Auto Shanghai gibt es kaum einen Stand ohne Hybrid- und E-Mobile aus lokaler Produktion. Auch ausländische Hersteller präsentieren dort mit oder ohne chinesische Partner entsprechende Modelle – darunter ein 5er BMW mit Plug-in-Hybrid und eine Elektroversion der Audi-A3-Studi.

Wie selbstbewusst die Autonation China inzwischen ist, zeigt eine gewisse Ignoranz bei der Messeplanung: Erstmals überschneidet sich die Auto Shanghai mit dem traditionellen Termin der New York Auto Show. Und weil die gesamte Fachwelt nach China schaut, bleiben für die alte Autonation Nummer eins nur ein paar zweitrangige Premieren wie der überarbeitete Mercedes E 63 AMG, ein Facelift für den Jaguar XF und die nächste Generation des Nissan Tiida. Kleiner Trost für die Amerikaner: Nur wenige Stunden nach der Weltpremiere in Shanghai lassen Autos wie der VW Beetle oder der Mercedes Concept A in New York einfach noch mal die Hüllen fallen. tmn

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