Fiat 500 : Als wär’s ein Stück von uns

Wir finden, er ist das Auto des Jahres. Der neue Fiat 500 ist ein Glück, und wer ihn bestellt, muss ziemlich lange darauf warten. Mit seiner kleinen Form und seiner großen Geschichte ist das Mäuschen ein Sympathieträger sondergleichen – es ist, als habe vielen etwas gefehlt

Peter von Becker

Was für eine Auferstehung! Einst waren die Kleinsten von Fiat eine Legende. Dann wurden sie rare Oldtimer, und jedes Mal, wenn ich ihn wiedersehe, überkommt mich die staunende Rührung. Es ist dieser winzige weiße Fiat 500 mit dem schwarzen Rollstoffschiebedach, den abgewetzten roten Lederstühlchen, die man kaum Sitze nennen kann, und dem urtümlichen italienischen Nummernschild, Weiß auf Schwarz, mit dem Ortskennzeichen „FI“. Für Firenze alias Florenz. Das Autochen mit seinen runden Kinderaugen als Frontlichtern, dieser Blechhüpfer, der einem grad zur Hüfte reicht, steht ab und an noch wie ein märchenhaftes Spielzeug in meiner Nachbarschaft in Charlottenburg. Und wird dort weiter bewegt. Fiat wups.

Neulich bin ich in seinem Nachnachnachfolgemodell gesessen, sozusagen im Urenkel jenes Fiat 500, der einst als „Topolino“, als das italienische Mäuschen, ein Liebling vor allem der Damenwelt war. Nun sind wir in Berlin mit dem neuesten Fünfhunderter – auch er ein Blickfang in Weiß – ins eher grüne, nicht eben völlig automobilbegeisterte Kreuzberg gefahren, haben die neue Maus vor einem Café geparkt und bei einem Cappuccino von innen geschaut, ob was passiert.

Darauf muss man nicht warten. Es stutzen und schauen Fußgänger jeden Alters, parkende Besitzer größerer Karossen umkreisen den blitzenden Neuling, auch Radfahrer mit dem Ströbele-„Ich fahr nur Fahrrad“-Schal werfen Blicke ins Wageninnere, und als wir zurückkommen, möchte ein junges Paar nach der scheuen Frage, ob man „den“ schon kaufen könne, sogleich mal probesitzen.

Sie merken, das wird eine Erfolgsstory. Und als wir mit dem neuen Fiat 500, bei dem einem als einziger Vergleich nur der Mini einfällt, ein bisschen auf der Autobahn unterwegs sind und nach gemütlichem Gondeln plötzlich mit 150 und mehr auf die Überholspur wechseln, da sind verblüffte Gesichter und neugierig gewendete Köpfe in den größeren Limousinen, auch bei den erst überholenden und dann doch auf Augenhöhe bleibenden, offenbar unvermeidlich. Ein maximaler Effekt – für eine Miniatur. Für die Knutschkugel auf vier Rädern.

Das liegt natürlich an der postmodernen Inszenierung. Ein Auto aus dem Jahr 2007 zitiert in der koketten Aura und im Design, das retroraffiniert bis ins Detail mit dem Gestern und Morgen spielt, den Mythos des berühmten Mäuschens. Strenggenommen war der echte Topolino allerdings nur der Vorgänger des in den fünfziger Jahren durch die frühen Italienreisewellen, durch Filme und Filmstars so populär gewordenen „Fiat Nuova Cinquecento“. Aber das Mäuschen blieb er im Volksmund, und wenn sich in dem Minigefährt so aus- und einladende Menschenkatzen wie Sophia Loren oder Gina Lollobrigida durchs weit offene Cabrio lächelnd reckten, dann strahlte das aus. Weit über Italien hinaus.

Gleichsam ein Nachhall dieses rührenden Ruhms wurde vor drei Jahren zu einer kurzen Sternstunde des deutschen Talkshow-Fernsehens. Zwei durchaus korpulente Künstler, er ein weltberühmter Schriftsteller, Regisseur und komödiantischer Virtuose, sie eine gefeierte Operndiva, sitzen beisammen und spielen eine Fahrt im alten Cinquecento: Spielen dabei nicht nur das liebevoll nebeneinandergedrängte Paar am Steuer und auf dem Beifahrersitzchen, sondern auch das ganze Auto mit; also den ächzenden, hoppelnden, schnurrenden Motor, die Mäusehupe, das beim allzu temperamentvollen Schalten quietschende Getriebe. Mit nichts als Kehllauten, Zungenakrobatik, schnaubenden Backen, rollenden Augen, zuckenden Armen und Ellbogen und einem Krückstock als Steuerknüppel dargeboten, war dies eine Glanznummer von Peter Ustinov und Cecilia Bartoli – von beiden ein paar Monate nur vor Ustinovs Tod in einem Bremer Fernsehstudio hinreißend improvisiert.

Auch da war die Botschaft: Für Italien bedeutete der kleine Fiat nicht einfach nur ein Fortbewegungsmittel. Vielmehr ein Landessymbol, ein kollektives Lebens- und Fortlebensmittel. Denn das Auto war für alle, die noch bei La Mama wohnten und sich kein Hotel leisten konnten, lange Zeit der beliebteste Ort des vorehelichen Verkehrs – und vermutlich wurden ein paar Generationen Italiener auf der sanft knarzenden Rückbank des Cinquecento gezeugt. Wenn es also je einen Grund gab, den legendären Latin Lover zu bewundern, dann wegen seiner angesichts der Mäuschen-Maße wirklich hinreißenden Gelenkigkeit.

Ein Mythos eben. Man muss sich darum erinnern: Die 1899 in Turin von der Familie Agnelli gegründete Firma Fiat suchte Mitte der 1930er Jahre nach einem durchschlagenden Erfolg. Große Flugzeugmotoren oder behäbige Blechkarossen in kleiner Serie reichten nun nicht mehr aus. In den USA hatte Ford bereits mit der Fließbandproduktion von Automobilen begonnen, und in Deutschland sann der „Führer“ auf den ersten Volkswagen. Da wollte auch Fiat auf dem Weg ins massenmobile Zeitalter dabei sein. Weil die Massen in Italien aber noch ärmer (und auch kürzer gewachsen) waren als nördlich der Alpen, sollte es ein Kleinstwagen sein. Doch einer, der eindeutig mehr bot als jenes überdachte Motorrad, das im Süden bis heute noch in Gestalt der dreirädrigen, vor allem bei Bauern beliebten „Ape“ überlebt.

Und: Italiens Volkswagen sollte nicht mehr als damals 5000 Lire kosten. Heraus kam so 1936 der Ur-Topolino, zunächst als Zweisitzer, nach dem Krieg auch als Viersitzer und Kombi angeboten und gegen alle Hitze und Enge mit dem (später von Citroën bei seiner 2CV- „Ente“ kopierten) Stoffrolldach ausgestattet. Dreizehn PS und 569 Kubik hatte das etwa 90 Kilometer schnelle erste Mäuschen, das 1957 vom neuen Cinquecento abgelöst wurde, dessen Zweizylindermotor nunmehr wie beim VW-Käfer im luftgekühlten Heck saß. Insgesamt hat es von diesen verschiedenen, in immer neuen Varianten familiär verzweigten Mausmodellen etwa vier Millionen Exemplare gegeben, bis in die frühen 70er Jahre.

Seitdem bauten die nunmehr vom eigenen Wirtschaftswunder gesegneten Italiener auch zunehmend größere Wagen – aber irgendwann ging’s mit dem italienischen Design, was die flotten Karossen betraf, immer mehr bergab. Ob Alfa, Fiat oder Lancia, die Blechkleider wurden plumper, die schnittigeren und zudem besser verarbeiteten Modelle aus Deutschland oder Japan auch in Italien immer populärer. Fiat, der Turiner Gigant, geriet in die Krise, zur Jahrtausendwende sah’s duster aus, die alten Fiatfabriken waren längst zu Museen oder Abbruchstätten geworden.

Wenigstens die kleine, feinste Fiat-Tochter Ferrari hatte gegen Ende der 1990er Jahre dank Michael Schumacher und vor allem dem neuen Ferrari-Chef Luca di Montezemolo noch die Kurve gekriegt. Inzwischen hat der energisch smarte Montezemolo auch bei Fiat das Erbe des 2003 verstorbenen Gianni Agnelli, des letzten Tycoons der glanzvollsten italienischen Industriellenfamilie, übernommen und den Turiner Konzern wieder in die schwarzen Zahlen gesteuert. Und sein jüngstes Erfolgsmodell ist der im eigenen Haus entworfene und im polnischen Tychy gebaute Fiat 500, der seit seinen Präsentationen am 4. Juli in Italien, am 50. Jahrestag des ersten „Nuova 500“, und am 14. Juli in Paris, dem französischen Nationalfeiertag, Furore macht.

Die ersten 120 000 Stück sind längst verkauft, die Wartelisten in ganz Europa lang. Das liegt am Design, das mit den Kulleraugen-Leuchten am Bug, dem Mini-Cooperhaft bulligen Heck auf Dynamik und mit den innen und außen ornamentierten „alten“ Chromleisten auf Retroromantik setzt oder beispielsweise mit drei Druckknöpfen in der Mitte des Armaturenboards die drei ersten Knipsschalter des Topolino ironisch-funktional zitiert. Gäbe es noch ein richtiges Handschuhfach für den Beisitzer und läge der Hebel zur Fahrersitzverstellung nicht verwechslungsnah direkt neben der Handbremse, wäre der Kleine perfekt. Dafür gibt’s für den Käufer eine halbe Million Kombinationen seines individuell wählbaren Innendesigns.

Natürlich ist der 500er längst ein weich und zügig fahrender Vierzylinder: mit bis zu 100 PS – und der Überraschung, dass er drinnen so viel größer wirkt und bequemer ist, als man außen ahnt. Sogar zwei mittellange Erwachsene können zumindest auf Kurzstrecken im Fond platziert werden. Aber besser fährt man ihn nur vorne zu zweit. Auch als German Lover.

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