Folgen des VW-Abgasskandals : Die Götterdämmerung des Diesel

Der Abgasskandal bei VW könnte der Anfang vom Ende für den Diesel-Antrieb werden. Der Kostenvorteil schwindet und der gute Ruf ist weg.

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Quo vadis, Diesel? Der Selbstzünder galt lange als Heilsbringer in Sachen CO2-Vermeidung. Mit dem Abgasskandal bei VW ist das Image schwer beschädigt. Auf lange Sicht könnte die Technik, bei der die deutschen Autobauer führend sind, wegen der hohen Schadstoffemissionen ins Abseits fahren.
Quo vadis, Diesel? Der Selbstzünder galt lange als Heilsbringer in Sachen CO2-Vermeidung. Mit dem Abgasskandal bei VW ist das...Foto: REUTERS

Was für ein Desaster! Der Abgasskandal, den sich Volkswagen mit üblen Manipulationen eingehandelt hat dürfte langfristig alle europäischen Autobauer hart treffen. Denn der Diesel-Antrieb hat nicht nur einen Image-Schaden erlitten. Der Skandal könnte aus der Zukunft betrachtet der Wendepunkt für die Selbstzünder im Pkw-Bereich gewesen sein. Was haben insbesondere die deutschen Autobauer nicht alles versucht, um den Diesel-Antrieb besonders in den USA, aber auch im Rest der Welt salonfähig zu machen. Ausgedehnte Werbetouren, ganze Kampagnen bauten darauf den Amerikanern endlich schmackhaft zu machen, worauf die Europäer schon lange stehen: Sparsame Diesel-Motoren statt spritschluckende, großvolumige Benziner im Auto. Und nun das. Mit einem Streich sind alle Bemühungen dahin. Der Diesel wird über Nacht zum Paria. Besonders Volkswagen trifft das hart, denn die Wolfsburger führen im Kern ihres Angebots für alle Marken den Vierzylinder-Diesel als Allzweckwaffe.

Der eigentliche Niedergang des Selbstzünders hat wohl aber schon viel früher angefangen. Und das hat einen simplen Grund: Der Diesel-Motor ist als Antriebstechnik weitgehend ausgereizt, das Potenzial so gut wie am Ende. Früher waren Diesel einfach konstruiert, von der Leistung her eher schwach auf der Brust. Aber sie konnten mit ihrem früh anliegenden Drehmoment gut schwere Lasten vom Fleck ziehen und hielten extrem lange. Ideal für Lkw und andere Nutzfahrzeuge. Moderne Diesel dagegen sind die komplexesten Motoren, die es derzeit auf dem Markt gibt.

Komplexe Technik moderner Diesel

Selbst Plug-in-Hybride nehmen sich dagegen fast wie ein Baukasten von Lego Technik aus. Ein Diesel der neusten Generation mit Common-Rail-Technik arbeitet in der Regel mit Einspritzdrücken von 2000 bar und mehr. Dadurch wird Sprit gespart, auch weil feindüsiger injiziert werden kann. Dadurch entsteht Hitze und zahlreiche Bauteile des Motors, vor allem die Zylinder, müssen deutlich robuster ausgelegt werden um dieser dauerhaften Belastung standzuhalten. Dickere Wände bedeuten aber auch mehr Gewicht und höhere Kosten in der Produktion. Dennoch hält ein moderner Diesel im Normalfall bei guter Pflege höchstens noch 200 000 Kilometer, während die alten Selbstzünder im Normalfall meist 500 000 Kilometer und mehr abspulten.

Diesel auf dem Abstellgleis? Für VW ist der Diesel-Antrieb, besonders die nun ins Zwielicht geratenen 1,6- und Zwei-Liter-TDIs, der Kern des Produkt-Portfolios der verschiedenen Konzernmarken.
Diesel auf dem Abstellgleis? Für VW ist der Diesel-Antrieb, besonders die nun ins Zwielicht geratenen 1,6- und Zwei-Liter-TDIs,...Foto: REUTERS/Dado Ruvic

Seit der Einführung strengerer Abgaswerte in Europa kommt eine aufwendige Abgasreinigung hinzu (siehe Kasten). Das macht die Diesel nochmals komplexer und damit noch teurer. Im Mittel kann davon ausgegangen werden, dass ein Diesel-Motor im Schnitt in der Herstellung etwa doppelt so teuer ist wie ein vergleichbarer Benziner. Diesen Kostennachteil können die Hersteller nicht mal in Gänze weitergeben. Ein Golf TDI mit 1,6 Litern Hubraum und 110 PS Leistung kostet laut Preisliste 21 875 Euro. Der entsprechende Benziner mit nur 1,2 Litern Hubraum und gleicher Leistung ist dagegen 2500 Euro billiger. Und selbst dieser Aufpreis ist nur aufgrund der Skaleneffekte durch hohe Stückzahlen darstellbar. Ein Grund, warum die Japaner zum Beispiel die Produktion von Diesel-Motoren weitgehend aufgegeben haben und nur durch zugekaufte Motoren oder Kooperationen Selbstzünder im Angebot haben.

Preisvorteil des Diesel schwindet

Durch die höheren Kosten wird der Spareffekt gleichzeitig immer geringer. Hinzu kommt: In Europa fährt der Diesel mit einem Steuerbonus. Der Unterschied beträgt in Deutschland etwa 18 Cent pro Liter. Dennoch wird der Abstand zum Benzin, besonders bei Hoch-Preisphasen, immer geringer. In Sommermonaten, wenn halb Europa mit seinen Dieseln auf Achse ist, waren beiden Spritsorten aufgrund der hohen Nachfrage gar schon mal auf dem gleichen Preisniveau. Hinzu kommt eine höhere Kfz-Steuer, was in der Summe dazu führt, dass die jährliche Fahrleistung, ab der sich ein Diesel lohnt, immer höher wird. Studien zufolge werden im Jahr 2020 wohl mindestens 30000 Kilometer im Jahr vonnöten sein, bis sich ein Diesel in der Gesamtbilanz amortisiert hat. Bei sinkenden Stückzahlen weltweit dürften sich die Preisnachteile sogar noch ausweiten.

„Der Diesel ist in einer schwierigen Situation“, bestätigt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM). Der Antrieb habe durch den VW-Skandal sehr viel Glaubwürdigkeit eingebüßt. Das ist insofern problematisch, als dass die Diesel-Antriebe ein zentraler Bestandteil der europäischen CO2-Strategie sind. Deshalb glaubt Christian Buric vom ADAC auch nicht an ein schnelles Aus: „Der Diesel wird auf jeden Fall auch in Zukunft wichtig bleiben für das erreichen der CO2-Ziele“, sagt der Technik-Experte. Nur: Nicht erst die jüngsten Vorgänge belegen: Wer den Diesel sauberer machen möchte, der beraubt ihn seiner Vorteile beim Verbrauch. Deshalb ist Autoexperte Bratzel der Meinung, dass der Antrieb „seinen Höhepunkt überschritten hat.“ Einen Vorteil könnte das Ganze aber haben: Der Niedergang des Diesel dürfte Plug-in-Hybriden und sogar Elektroautos neuen Schwung verleihen. Damit wäre dann immerhin bessere Luft für unseren Städten wirklich erreichbar.

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