Ford bestückt dem Focus mit einem Drilling : Meine Güte, nur drei Zylinder?

Ford wagt sich mit einem Experiment in die Kompaktklasse. Erstmals wird ein Focus von einem Dreizylinder-Motor angetrieben. Ein Versuch, dem sich unser Autor anfangs skeptisch näherte, der ihn am Ende aber doch überzeugen konnte.

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Ein Dreizylinder in einem Kompakten? Erstaunlicherweise geht das bei Ford ganz gut zusammen.
Ein Dreizylinder in einem Kompakten? Erstaunlicherweise geht das bei Ford ganz gut zusammen.Foto: Hersteller

Beim Wort Dreizylinder rümpfen viele die Nase: Man kennt sie als laut rasselnde Gesellen mit unkultiviertem Schütteln und schlapper Leistungsentfaltung. Nur was für Kleinwagen. Nichts für richtige Autos. Und so waren kleinvolumige Dreizylinder-Benziner in einem Kompaktwagen bislang so selten wie die blaue Mauritius. Nur in der Ex-DDR machte man eine Ausnahme, weil aus der Not eine Tugend: Von 1956 bis 1988 wurde der Wartburg mit einem nur einen Liter großen Dreizylinder-Benziner angeboten. Der arbeitete nach dem Zweitaktprinzip und sorgte so für die spezielle Duftnote auf ostdeutschen Straßen.

24 Jahre später traut sich Ford als erster Hersteller, ebenfalls einen Dreizylinder-Benziner mit nur einem Liter Hubraum in einen Kompaktwagen zu stecken. Allerdings keinen stinkenden Zweitakter, sondern einen hochmodernen Viertakter, der sich im großen Motorraum unter Schlauchgewirr versteckt. Dieses hässliche Motörchen könnte jedoch eine neue Ära einläuten. Denn dieses Mini-Aggregat, das ab sofort bestellt werden kann, straft alle Vorurteile Lügen. Nach dem Start klingt es wie ein sehr gut gedämmter Diesel. Und der Drilling gibt sich keineswegs rappelig. Sonor grummelt er vor sich hin – so wie der legendäre Fünfzylinder von Audi.

Hohe Drehzahlen? Ungern!

Er wirkt nicht so schwachbrüstig wie andere Dreizylinder. Und so, wie er klingt, fährt er sich auch: Fast wie ein Diesel! Schon ab 1500 Touren legt sich die 100-PS-Maschine spürbar ins Geschirr. Gleichmäßig und unspektakulär. Am wohlsten fühlt sie sich zwischen 1400 und 4000 Touren; da liegt das maximale Drehmoment von immerhin 170 Newtonmetern an. Hohe Drehzahlen kann der Dreizylinder, mag sie aber nicht. Eben wie ein Diesel. Man wundert sich immer wieder, wie flott sich damit der gut 1300 Kilogramm schwere Focus bewegen lässt; wie sauber das Start-Stopp-System reagiert. Und man freut sich über die moderate Geräuschkulisse, die so gar nichts vom bekannten Dreizylinder-Sound hat.

Ford bietet beim Focus jetzt einen 1,0-Liter-Dreizylinder an. Der leistet 74 kW/100 PS und soll dank Benzindirekteinspritzung, Start-Stopp-System, Turboaufladung und variabler Ventilsteuerung 4,8 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen, was einem Schadstoffausstoß von 109 g/km entspricht. Eine zweite Leistungsstufe mit 92 kW/125 PS kommt auf einen Normverbrauch von 5,0 Liter (CO2-Ausstoß 114 g/km). Das maximale Drehmoment von 170 Newtonmeter liegt zwischen 1400 und 4500 Umdrehungen an. Dank des 55 Liter fassenden Tanks sind so Reichweiten von bis 1000 Kilometer möglich.
Ford bietet beim Focus jetzt einen 1,0-Liter-Dreizylinder an. Der leistet 74 kW/100 PS und soll dank Benzindirekteinspritzung,...

4,8 Liter gibt Ford an; wir kamen laut Bordcomputer auf 5,8 Liter. Topp. Wer öfter längere Autobahnetappen fährt, ist mit der exakt 1000 Euro teureren 125-PS-Version allerdings besser bedient. Vor allem der sattere Durchzug sowie der zusätzliche sechste Gang erlauben eine souveränere Fortbewegung. Mit dieser Dreizylinderversion gefällt uns der Focus als angenehmes Reiseauto, das auch bei Geschwindigkeiten über 150 km/h leise bleibt. Wer hätte dies noch vor Jahren für möglich gehalten? Ford gibt hier 0,2 Liter mehr an; unser Bordcomputer zeigte 6,2 Liter an. Ein guter Wert – allerdings hat Ford beide Motoren extrem auf Sparsamkeit getrimmt. Deshalb ist das elektronische Gaspedal so weich eingestellt, dass der Motor auf jede einzelne Gaspedalbewegung immer etwas verzögert reagiert. So, als würde man in Watte treten.

200 Euro Aufpreis

Die Preise? Los geht es beim 1.0 EcoBoost mit 100 PS ab 18.050 Euro. Für die 125-PS-Version des 1.0 EcoBoost (erst ab mittlerer Ausstattung verfügbar) verlangt Ford 20.700 Euro. Damit greifen die Kölner dem Kunden erfreulicherweise nicht zu tief in die Tasche für seinen Neuen. Jeweils nur 200 Euro beträgt der Aufpreis gegenüber den weiter angebotenen Vierzylindern mit 105 und 125 PS. Dafür gibt es nicht nur das sparsamere Triebwerk, sondern auch ein effizientes Start-Stopp-System serienmäßig dazu.

Rechnet man also die geringere Kfz-Steuer sowie den Verbrauchsvorteil von gut einem Liter pro 100 Kilometer mit ein, hat man diese 200 Euro Mehrpreis nach ein paar Monaten wieder herausgefahren – und spart dann wirklich. Bei 15000 Kilometer jährlicher Fahrleistung lassen sich allein bei den Spritkosten bis zu 500 Euro gegenüber dem weiter angebotenen Vierzylinder einsparen.

Neues Mädchen für Alles

Kein Wunder, dass Ford mit dem Kleinen Großes plant. Deshalb wurden 134 Millionen Euro in die Modernisierung des Kölner Motorenwerkes gesteckt. Bis zu 350.000 Aggregate sollen einmal dort jährlich vom Band laufen. Schließlich soll dieser Dreizylinder inklusive seiner Ableitungen zum Mädchen für alles im Konzern aufgebaut werden. Der Focus macht nur den Anfang. Ab September wird dieser Dreizylinder auch den Kompaktvan C-Max antreiben; und einen Monat danach den brandneuen B-Max auf Fiesta-Basis, das ist der mit den neuartigen hinteren Schiebetüren und integrierter B-Säule. Doch es geht noch weiter. Im nächsten Jahr folgt eine Version dieses Dreizylinders ohne Turboaufladung mit einer Leistung von 80 PS. Sie wird den überarbeiteten Fiesta antreiben.

Dass man mit modernen sparsamen Dreizylindern neue Kunden anlocken kann, haben auch andere Hersteller begriffen. So arbeitet BMW derzeit ebenfalls an einem turbobefeuerten Drilling für die nächste Generation von Mini und Einser, die in zwei Jahren an den Start gehen. Letzterer wird übrigens, ein weiterer Tabubruch bei den Bayern, erstmals mit Frontantrieb ausgestattet sein. Und einen weiteren Aufschrei wird es geben, wenn der erste BMW-Dreier mit einem Dreizylinder (auch als Diesel!) ab 2015 angeboten werden wird. Tabubrüche auch beim Rivalen Mercedes. In die neue A-Klasse ziehen ebenfalls Dreizylinder ein – von Renault! In einer Turboversion soll das französische Exportgut 2014 sogar das neue Basismodell der Mercedes C-Klasse antreiben. Wenn das Carl Benz wüsste …

Schließlich: 2013 kann auch der neue VW Golf VII mit einem Dreizylinder geordert werden; einer Turbovariante des bekannten Motors aus dem Mini Up. Genau das ist unsere automobile Zukunft: Ohne sechs muss es auch gehen. Na ja, wenn die neuen Dreier der anderen ebenso dreizylinderuntypisch werkeln wie die von Ford, kann man gut damit leben. Denn es sieht ja keiner, wie wenig sich drunter befindet. Also lassen Sie auch keinen unter die Haube schauen. Optisch eindrucksvoll sieht die Zukunft mit verloren wirkendem Dreizylinder unter Schlauch- und Kabelgewirr nämlich nicht aus.

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