• Früher waren sie einfach nur praktisch: Große Inszenierung - Zwei neue Kombis in der umkämpften Mittelklasse

Früher waren sie einfach nur praktisch : Große Inszenierung - Zwei neue Kombis in der umkämpften Mittelklasse

Der neue A4 Avant ziert derzeit das größte Plakat Berlins - wir haben uns angeschaut, wie Audi die Platzfrage im Auto gelöst hat.

Paul-Janosch Ersing

Wie lässt sich ein Auto verbessern, das in der Vorgängerversion schon zu den beliebtesten seines Segments gehörte? Bei der Entwicklung des neuen Audi A4 Avant hatten die Ingenieure ein Luxusproblem. Die Lösung: Neben zahlreichen technischen Neuerungen holten die bayerischen Fahrzeugbauer eine ganze Reihe optischer Raffinessen aus der Schublade und formten einen Kombi, der nicht nur nützlich ist, sondern auch richtig gut aussieht.

Allein in die Wortschöpfungen scheint dabei eine Menge Energie geflossen zu sein: Wer den Worten von Audi-Designer Wolfgang Egger lauscht, hört von der so genannten Tornadolinie unterhalb der Schulter des Avant – auf deutsch eine leicht nach hinten abfallende Bügelfalte im Blechkleid, die auch die A4-Limousine ziert. Dazu geben die früh wieder absinkende Dachlinie und die vergleichsweise stark nach vorn geneigten Hecksäulen dem Wagen beinahe die Silhouette eines gestreckten Coupés. Es muss ja nicht immer ein Kasten sein.

Immerhin zwölf Zentimeter länger als sein von 2004 bis 2008 verkaufter Vorgänger ist der neue A4 Avant geworden. Jetzt misst er 4,70 Meter, was vor allem den Hinterbänklern zu mehr Beinfreiheit verhilft. Mit 1,44 Metern ist er samt serienmäßiger Dachreling weiterhin niedriger als viele seiner Wettbewerber. Die Front bietet Altbekanntes: den übergroßen chromumrandeten Kühlergrill mit den vier Ringen und künstlerisch inszenierte Scheinwerfer unter der verhältnismäßig nüchtern geformten Klarglasabdeckung. Wer Xenon-Plus-Leuchten ordert (975 Euro Aufpreis), kann sich zudem am Anblick des markanten Tagfahrlichts freuen, erzeugt von je 14 weißen, schwungvoll verlegten Leuchtdioden.

Am Heck prangen zur Fahrzeugmitte spitz zulaufende Rücklichter, die optisch mit einer horizontalen Linie verbunden werden. Darunter hat die Heckklappe eine deutliche Einbuchtung, in der – ähnlich wie beim bayerischen Kontrahenten, dem BMW 3er Touring – das Kennzeichen seinen Platz findet.

Die technisch aufwändigste Neuerung dürfte die um 15 Zentimeter nach vorn verlagerte Vorderachse sein. Der nun kürzere Überhang am Bug erlaubt eine ausgewogenere Verteilung der Achslasten. Das spürt man beim Fahren. Oder sollten wir sagen: Das spürt man nicht? Denn das größte Kompliment, das man einem Kombi machen kann, ist ja angeblich die Behauptung, man spüre keinen Unterschied zur Limousine. Und genau so ist es beim A4 Avant. Auf einer ersten Testfahrt lenkte sich der rund anderthalb Tonnen schwere Wagen äußerst leichtfüßig über kurvenreiche Bergstraßen. Dies ist sicherlich auch ein Verdienst des grundlegend überarbeiteten Lenksystems: Lag es beim Vorgänger noch hoch und weit hinten, ist es jetzt weit vorn und tief, knapp unterhalb der Vorderachse platziert. Bei den stärkeren Motorisierungen ab 190 PS ist zudem eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung an Bord. Sie erfreut den Fahrer bei Einparkmanövern mit angenehmer Leichtgängigkeit – und auf flotter Autobahnfahrt mit Präzision.

Das Platzangebot im Inneren des neuen Avant ist mitgewachsen; vorn und hinten sitzt es sich sehr bequem. Das Verarbeitungsniveau der Schalter, Knöpfe, Fächer und Ablagen könnte anderen Herstellern als Messlatte dienen. Das Cockpit wirkt klar und aufgeräumt, zwischen den großen Rundinstrumenten zeigt ein 6,5-Zoll-Bildschirm dem Fahrer die wichtigsten Daten an. Wer ein Navigationssystem ab Werk einbauen lässt, bekommt dafür 15 Knöpfe zur Bedienung auf den Mitteltunnel zwischen die Vordersitze platziert. Wir empfehlen einige Übungseinheiten vor dem ersten Fahrtantritt! Einen Handbremshebel sucht man im A4 Avant übrigens vergebens, er wurde durch eine elektromechanische Parkbremse ersetzt, die sich mit einem einfachen Schalter ansteuern lässt.

Kommen wir zum Herzstück eines jeden Kombis: dem Gepäckraum. 490 Liter sind es, die der neue Avant mit stehender Bank und Beladung bis zur Fensterkante schlucken kann – das sind fünf mehr als im Rivalen C-Klasse-Kombi und gleich 30 mehr als im 3er BMW Touring. Allerdings kann der Avant mit dem schwäbischen Konkurrenten nicht ganz mithalten, wenn die Rückbank umgelegt wird: 1430 Liter stehen dann beim Audi zu Buche, der Benz mit seiner ausgeprägten Kastenform schafft noch einmal 70 mehr. Dafür trägt der Audi ein praktisches Detail ab Werk: ein Wendeladeboden, bei dem die eine Seite mit Teppichboden bezogen ist, die andere aus einer wasserdichten Wanne besteht – hier können Schuhe oder nasse Gartenutensilien verstaut werden. Dazu ist das Teil komplett herausnehmbar, was einen Transport von nicht ganz steriler Fracht ins Haus vereinfacht. Dass sich die Heckklappe gegen Aufpreis auch noch elektrisch hebt und senkt, buchen wir einfach mal als Luxusdetail einer großen Inszenierung.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben