Garmin Varia Vision : Die Brille mit Durchblick für Radfahrer

Mit der Datenbrille Garmin Varia Vision haben Radler alle Navigations-Infos direkt vor Augen.

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Immer im Bilde. Der Datenaufsatz spiegelt die Infos direkt auf die Gläser.
Immer im Bilde. Der Datenaufsatz spiegelt die Infos direkt auf die Gläser.Foto: Promo

Es ist schon erstaunlich, wie ausgezeichnet selbst die ganz winzigen Informationen zu Temperatur und Uhrzeit im Mini-Display der Datenbrille Garmin Varia Vision abzulesen sind. Die Rede ist von einem kleinen Zusatzgerät für ein Fahrrad-Navigationssystem, das an einem der Bügel einer Sonnenbrille so befestigt wird, dass der kleine Bildschirm oben vor einem Auge platziert wird. Eine spezielle Lupe vergrößert das Bild so, dass Infos gut lesbar sind, auch für Brillenträger und sogar bei hellstem Sonnenlicht. Varia Vision ähnelt damit der Datenbrille Google Glass, allerdings ohne Kamera, Mikrofon und die damit verbundenen Datenschutzbedenken, die vorerst zur Einstellung des Projektes führten.

Der Varia-Vision-Aufsatz ist eines der interessantesten technischen Produkte, die in diesem Jahr auf dem Markt der Navigationssysteme für Radfahrer auf den Markt kommen. Es enthält eine Sende-Empfangs-Einheit, die per Funk mit einem kompatiblen Garmin-Navi gekoppelt wird. Bedient wird das Gerät über eine Touch-Fläche an der Seite. Das eigentliche Mini-Display befindet sich an einem beweglichen Bügel an der Funkeinheit. Kurz gesagt: Mit dem Varia Vision hat der Radfahrer die wichtigsten Daten immer direkt im Blick, ohne die Straße aus dem Auge zu verlieren, weil er auf das am Lenker befindliche Navi schauen muss.

Wir haben die Datenbrille zusammen mit dem Garmin Edge 1000 getestet. Varia Vision zeigt vier verschiedene Bildschirme. Auf dem ersten werden Zeit und zurückgelegte Distanz sowie der Geschwindigkeitsverlauf als Grafik angezeigt. Bildschirm zwei zeigt unter anderem die Höhendifferenz und den Kalorienverbrauch an. Auf dem dritten Bildschirm werden die nächsten drei Abbiege-Hinweise mitsamt Straßen-/Wegnamen eingeblendet. Der vierte und letzte Bildschirm dient dazu, bei Trainingsrunden anzuzeigen, wie weit man den bisherigen Werten voraus oder hinterher ist.

Noch ein paar Kinderkrankheiten

Befindet man sich knapp vor einem Punkt, an dem abgebogen werden muss, wird dies über einen grünen Pfeil dargestellt. Daneben steht der Name der Straße. Der Abbiegepfeil wird auf jedem Bildschirm eingeblendet, egal ob man vorher noch einen Blick auf den Geschwindigkeitsverlauf oder auf den Kalorienverbrauch geworfen hat. Streckenabweichungen sowie die Unterbrechung oder Wiederaufnahme einer Trainingseinheit oder Tour werden ebenfalls hervorgehoben dargestellt.

So überzeugend die Idee erscheint, derzeit hat die Datenbrille noch einige Kinderkrankheiten. Garmin versucht, diese durch Updates zu beheben, doch mitunter treten dadurch neue Probleme auf. Nach einem Update wurden Entfernungen nur noch in Fuß und Meilen angezeigt, obwohl im Navi das metrische System eingestellt war. Auch das Zusammenspiel von Navi und Brille hakte in unserem Test mitunter. Wird die Route kurzzeitig verlassen, kann es vorkommen, dass das Navi auch nach der Rückkehr auf den richtigen Weg die Strecke nicht wiederfindet, in der Brille werden dann falsche Abzweigungen angezeigt.

Überhaupt verhält es sich beim Edge genauso wie bei anderen Navigationssystemen: Bevor man sich auf sie verlassen kann, muss man sich auf deren Eigenheiten einstellen. So hinkt die Anzeige der GPS-Position der realen Position um einige Meter hinterher. Während sich das Fahrrad bereits auf der Abbiegeposition befindet, zeigt das Varia Vision noch einige Meter bis zum Abbiegen an.

Das Garmin-Edge-System ist sowohl für Routen als auch für die Punkt-zu-Punkt-Navigation ausgelegt. Doch speziell die Navi-Funktion trübt den ansonsten guten Gesamteindruck. Bei der Berechnung der Strecke zu einem vorgegebenem Ziel arbeitet sich das Garmin Edge ausschließlich an der Straßenkarte ab, obwohl die Karte auch Informationen über Radwege und grüne Strecken – beispielsweise durch den Berliner Tiergarten – enthält. Begründet wird dies von Garmin damit, dass im wichtigen US-Markt die Radrennfahrer den Ton angeben, die Straßennavigation also im Fokus liege. Zum anderen fehle es an flächendeckenden Informationen über Offroad-Wege und deren Beschaffenheit, um diese zuverlässig für die Streckenberechnung zu verwenden, wird argumentiert.

Überzeugende Hardware für stolzen Preis

In Berlin und Brandenburg können Radfahrer zum Glück auf den Dienst BBBike (im Web und als App) zurückgreifen, um sich je nach individuellen Vorlieben für Straßentyp und -belag navigieren zu lassen. Die daraus resultierenden Tracks können gespeichert und zum Garmin-Navi übertragen werden. Beim Edge 1000 ist dies per W-Lan oder Bluetooth allerdings nicht möglich, obwohl es sogar über die nötigen Schnittstellen verfügt und mit dem Smartphone gekoppelt werden kann. Derzeit ist das nur per Kabel und Computer möglich. Ein Tipp: Um sich individuelle Routen zusammenzustellen oder sich von den Routen anderer Tourenfahrer inspirieren zu lassen, ist auch die Webseite GPSies.com eine hervorragende Adresse.

Mit GPX-Tracks von diesen Quellen gespeist, ist ein wasserdichtes Rad-Navi für ambitionierte Tourenfahrer oder Radrennfahrer eine sinnvolle Anschaffung. Gut gelungen beim Edge 1000 ist das Energiemanagement: Während der normalen Fahrt ist die Hintergrundbeleuchtung aus Stromspargründen ausgeschaltet, das Displaybild ist aber noch gut zu erkennen. An entscheidenden Stellen der Strecke wird die Beleuchtung aktiviert, zugleich wird die Darstellung so vereinfacht, dass man sich nicht verfahren kann.

Fazit: Für die Garmin-Datenbrille Varia Vision müssen rund 400 Euro auf den Tisch gelegt werden, das Rad-Navi Edge 1000 kostet noch einmal ebenso viel. Die Hardware überzeugt voll und ganz, das Navi kann mit diversen Sensoren für Cardio, Tempo und Trittkadenz und sogar einen rückwärtigen Auffahrwarner gekoppelt werden. Der Brillenaufsatz beschränkt die Sicht nur marginal, das Gewicht beeinträchtigt den Tragekomfort der Brille nicht und kommt auch dem Helm nicht ins Gehege. Bei der Varia-Vision-Software wäre hingegen etwas mehr Entwicklungszeit wünschenswert gewesen, doch Garmin wollte offensichtlich den Saisonstart nicht verpassen und lässt das Produkt per Updates beim Kunden reifen. Ein Wunsch dazu: Individuell anpassbare Bildschirme. Die Akku-Reichweite ist dagegen selbst für die längsten Touren ausreichend. Die Einsatzmöglichkeiten für die Navi-Erweiterung sind enorm, sowohl für Touren- als auch für Rennradler. Das neue Gadget ist nicht unverzichtbar, doch richtig eingesetzt kann es die Sicherheit erhöhen, weil der Fahrer die Straße besser im Blick behält und dennoch über alle wichtigen Informationen verfügt. Datenfreaks und Fitnessfreunde können ihre Erfolge zudem online über Garmin-Connect aufbereiten.

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
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