Geburtstagsfeier : Im Bulli zu Niki

60 Jahre VW-Bus – das wird groß gefeiert. Auch unser Autor hat mit dem legendären Wagen einiges erlebt.

Andreas Conrad
VW_Bus
Herzlichen Glückwunsch. Der Bulli wird 60. -Foto: Volkswagen

Zum Glück kamen keine Feldjäger. Die hätten an der sektseligen Szene auf einem Rastplatz der Autobahn Bremen-Hannover wohl Anstoß genommen: drei junge Männer, deren kurzes Haar – wir schreiben das Jahr 1973 – auf Soldaten schließen ließ, zumal einer noch korrekt in der Uniform steckte. Mit Schampusflaschen bewaffnet, anderen Autos zuprostend, umstanden sie ihr Fahrzeug, einen blauen VW-Bulli mit Doppelkabine und Pritsche, umfunktioniert zur Theke – kein Dienst-, sondern ein Firmenwagen aus dem väterlichen Betrieb des Uniformierten.

Obwohl, wer hätte ihnen die Ausgelassenheit verwehren können, die Freude über die Versetzung in die Heimatstadt? Und war nicht im Marschbefehl nur davon die Rede, dass sie diese auf kürzestem Wege ansteuern sollten? Von der Dauer stand da nichts.

An ihr Transportmittel verschwendeten die drei keinen Gedanken, es war nicht gerade ein Traumauto. Praktisch, das schon, ihr Gepäck schleppte der Bulli problemlos weg, sogar ein Sessel hatte in der hinten freigeräumten Doppelkabine Platz, in dem einer der trinkfesten Kameraden später sanft einschlummerte. Aber Emotionen waren mit solch einem Wagen nicht verbunden. Keiner hätte sich träumen lassen, dass dieser 34 Jahre später als Legende gepriesen würde und mehr als 30 000 Schaulustige zum traditionellen Produktionsort Hannover locken könnte, um „60 Jahre Bulli“ zu feiern. Mit dieser Größenordnung kalkuliert jedenfalls der Volkswagen-Konzern und hat daher fürs kommende Wochenende auf dem Messegelände Hannover reichlich Parkraum für das Internationale VW-Bustreffen gebucht. Über 3500 Bullis aus 21 Ländern, darunter sogar Australien, haben sich angemeldet. In Themenpavillons gibt es noch einmal 100 Fahrzeuge zu bestaunen, ergänzt durch zahlreiche Stände, Open-Air-Kino und zwei Bühnen, auf denen am Samstagabend als Höhepunkt, für die angemeldeten VW-Bus-Fahrer live, für die anderen Besucher auf einer Riesenleinwand, die Band The Who auftritt – Pete Townshend, Roger Daltrey und Bulli vereint zu „My Generation“. Und garantiert spielen sie auch „Going Mobile“ , den Song, den Gitarrist Townshend 1971 über ihren VW-Bus, dieses „rollende Hippie-Heim“, schrieb: „Well, I’m gonna find a home on wheels“.

Der Besitz des Bullis erforderte Muskelkraft

Drei Tage also wird das Messegelände erfüllt sein vom Geblubber der alten Benziner, vom Genagel der Diesel, und die Luft wird schwirren von Erinnerungen an längst verrostete Automobile, abenteuerliche Fahrten, aber auch schmerzende Gelenke. Die bekam man leicht, wenn man das Transportgut mit Muskelkraft auf die Ladefläche wuchtete. Durch den Heckmotor lag sie unbequem hoch.

Zu verdanken war die Plackerei einem gewissen Ben Pon, Autohändler und VW-Importeur in den Niederlanden. Der sah 1947 im Wolfsburger Werk ein kurioses Fahrzeug, das sich die Arbeiter zum Transport schwerer Lasten selbst gebastelt hatten, mit Käfer-Achsen und -antrieb, 25-PS-Motor im Heck und darüber einer Sitzbank, davor die Ladefläche. Diese Begegnung gilt als Geburtsstunde des Bullis, dessen populärer, nie offizieller Name aus „Bus“ und „Lieferwagen“ zusammengesetzt worden sein soll. Pons erster Versuch, für das Fahrzeug eine Betriebserlaubnis zu erhalten, schlug fehl, doch seine Beharrlichkeit wurde zuletzt von der VW-Spitze mit einem Entwicklungsauftrag belohnt, der 1950 in der Serienproduktion des ersten Transporters mündete, nach wie vor mit Heckmotor.

Eine Erfolgsgeschichte begann, der des Käfers ebenbürtig. Wurde dieser zum Mobilitätssymbol des Wirtschaftswunders, so war der Bulli dessen Lieferwagen. Und in der Flower-Power-Zeit mutierte er zum Reisemittel einer ganzen Generation, zum blechgewordenen Zeitgeist, der noch Jahrzehnte später im Disney-Animationsspaß „Cars“ nachklang, in der Figur des stets leicht bekifft wirkenden Bully („Ey Leute, ihr solltet mal meinen total süffigen Biotreibstoff antesten“).

1989 war auch für den Bulli das Jahr der Wende

Der Trickfilm-Bus entsprach im Modellstammbaum des Konzerns der Ur-Serie T1, während die Chaosfamilie in dem Oscar-prämierten Hollywood-Hit „Little Miss Sunshine“ schon im T2 nach Kalifornien aufbrach. Mittlerweile ist VW beim T5 angekommen, wobei auch hier 1989 zum Jahr der Wende wurde, als man das Prinzip des Heckmotors aufgab, dem doch der Bulli sein charakteristisches, irgendwie bulliges Aussehen verdankte.

Zu diesem Zeitpunkt war der blaue, einst als Militärtransporter zweckentfremdete Firmenwagen längst ausgesondert worden, ersetzt durch ein größeres Konkurrenzmodell. Aber die Erinnerungen an den zuverlässigen Lastesel, fürwahr ein Auto mit Charakter, waren geblieben. Zum Beispiel an seinen Auftritt im Formel-1-Rennzirkus 1975: Der Sohn des Bulli-Besitzers hatte seine Uniform an den Nagel gehängt, studierte nun in Göttingen und hatte mit zwei Freunden beschlossen, mit dem Firmenwagen zum Nürburgring zu fahren, um den Großen Preis von Deutschland und Niki Laudas Sieg zu erleben. Eine Strapaze, das war von vornherein klar. Die unbequemen Sitze ließen den Nacken bald schmerzen, zudem war dieser 3. August ein heißer Tag, mit den herunter gekurbelten Fenstern als einziger Linderung – eine Tortur bei maximalen 120 km/h, selbst bergab. Weiß der Teufel, warum VW dem Bulli einen Drehzahlbegrenzer verpasst hatte.

Aber in jugendlichem Alter bedeutet so etwas Herausforderung, nicht Stress. Die drei Freunde ließen sich auch von einem Auffahrunfall direkt neben ihnen auf der Überholspur nicht beirren und rollten pünktlich auf den Parkplatz am Nürburgring, wo die anderen Formel-1-Fans wegen des für diesen Anlass doch unpassenden Reisemobils irritiert guckten. Lauda im Ferrari hat dann übrigens nicht gesiegt, vielmehr Carlos Reutemann im Brabham. Kennt heute kaum noch einer.

Das Auto

Plattenwagen – so nannten die VW-Arbeiter 1947 den von ihnen zusammengebastelten Prototyp des Bullis. Der niederländische Importeur Ben Pon entwickelte ihn weiter: Schon sein erster Entwurf zeigt alle charakteristischen Merkmale des VW-Busses: Frontlenker, Heckmotor, dazwischen eine glatte Ladefläche. Bulli durfte das im Frühjahr 1950 in Produktion gehende Fahrzeug offiziell nie heißen: Die Mannheimer Traktorenfirma Lanz hatte sich den Namen für eines ihrer Fahrzeuge schützen lassen. 1956 wurde die Produktion des VW-Busses von Wolfsburg nach Hannover verlegt.

Die Feier

Das Internationale VW-Bus-Treffen findet vom 5. bis 7. Oktober auf dem Messegelände Hannover statt. Sonnabend ist der Haupttag, mit Wettbewerben, Talkrunden und Konzerten. Gegen 18 Uhr tritt Sasha auf, ab 20 Uhr spielen The Who. Barbara Schöneberger moderiert. Informationen unter www.vwn.de. ac

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