Geländewagen : Cherokee III: Was für ein Dreck

Es gab eine Zeit, da sprachen die Kinder von einem Jeep, wenn sie einen Geländewagen sahen. Marken-Tradition allein reicht aber nicht: Wir fuhren den Cherokee III im ehemaligen Tagebau.

Roland Koch

DIE BÜHNE

Eine Reise zum Mond ist von Berlin aus gar nicht so weit. Man fährt einfach 130 Kilometer Richtung Süden. Dort wartet eine atemberaubende Kraterlandschaft aus Sand und Gestein. Auch Kohle gibt es hier zuhauf. Doch die wird seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr abgebaut, und so ist hier eine eigentümliche Welt übrig geblieben – riesige Brachen und Baggerlöcher, die teilweise kilometerlang sind. In den kommenden Jahren werden sie geflutet, um Touristen anzuziehen. Doch bevor die Zukunft der künstlichen Seeplatte beginnt, ist in der ehemaligen Tagebauregion Zeit für allerlei Zwischennutzungen. Für Offroad-Fans zum Beispiel ist so ein Gebiet ein wunderbarer Abenteuerspielplatz. Was liegt da näher, als Geländewagen auf Herz und Matsch zu testen? Nichts, sagte sich Jeep und stellte die dritte Generation des Cherokee, die seit Anfang September bei den Händlern steht, in der Lausitz vor.

DAS AUTO

Auf den buckligen Pisten, in den überdimensionalen Sandkästen und an den steilen Hängen, die die Abraumbagger im jetzigen Besucherbergwerk F 60 in Lichterfeld hinterlassen haben, sollte der Neue zeigen, ob auch in ihm ein echter Jeep steckt. Äußerlich gibt’s da keine Frage: Die klassischen Formen sind geblieben, der legendäre Kühlergrill mit seinen sieben Lüftungsschlitzen, die kantige Karosserie, die ausgestellten Radkästen. Auch dieser Cherokee steht fest auf vier Rädern im Leben, mehr noch, die Optik ist eine kraftvolle Einladung: Herkommen, reinsetzen, Spaß haben. Da lässt man sich nicht lange bitten.

Allerdings – beim Herkommen gibt es eine erste Irritation. Die Türgriffe entpuppen sich als plumpe, schwarze Kunststoffteile. Das passt nicht wirklich zum Image des unverwüstlichen Geländewagens, der seine Fahrgäste zugleich mit luxuriösem Ambiente umschmeicheln soll. Drücken wir also den dicken Plastikknopf und steigen hinauf in breite, bequeme Polstermöbel. Sitzt wie angegossen, Seitenhalt ist genügend da. Das Cockpit ist aufgeräumt, die Bedienung der Schalter und Hebel hat man im Handumdrehen drauf. Ein Griff vor dem Handschuhfach erleichtert unbeweglicheren Zeitgenossen das Einsteigen auf der Beifahrerseite. Insgesamt finden fünf Personen bequem Platz.

Doch das trostlose Türgriffdesign findet innen seine Fortsetzung – Plastik, wohin das Auge fällt. Das dürfte eher eingefleischte Fans in der Heimat des Jeeps ansprechen. Für europäische Verhältnisse sind diese Oberflächen, sagen wir, gewöhnungsbedürftig. Ein gelungenes Detail ist hingegen das auf Wunsch lieferbare Sky-Slider-Stoff-Faltdach. Mit ihm wird der Cherokee (fast) zum Cabrio. Und, es lässt sich in verschiedene Positionen bewegen – luftig kann man es also hinten oder vorne haben. Kostenpunkt für die helle Freude: 1430 Euro extra.

DER MOTOR

Die Wahl der Motorisierung macht keine Mühe. Bei uns wird der 4,49 Meter lange Cherokee ausschließlich mit einem 2,8 Liter großen, 177 PS starken Common-Rail-Diesel angeboten. Der beschleunigt den Wagen nicht gerade sportlich, aber mit dezenter Geräuschkulisse und immerhin noch flott: mit dem sechsstufigen Schaltgetriebe in 11,5 und mit der Fünfgang-Automatik in 10,5 Sekunden auf Tempo 100. Bei 180 km/h ist Schluss mit dem Vortrieb. Der Verbrauch soll zwischen 8,5 und 9 Litern liegen. Für ein zwei Tonnen schweres Gerät dürfte das jedoch ein theoretischer Wert sein.

DER FAHREINDRUCK

Ein Jeep ist nicht zum Porschejagen gebaut. Er soll sich durchs Gelände kämpfen. Also ab ins Baggerloch. Der Weg dahin führt über holprige Feldwege. Die steckt das Fahrwerk locker weg. Mit dem zuschaltbaren Allradantrieb muss man auch Schlammlöcher nicht fürchten. Durch die frisst sich der Fünfsitzer ebenso mühelos wie durch den Sandboden durch. Und dann stehen wir am Rand des ehemaligen Kohleabbaus und vor uns geht es steil bergab.

Jetzt sind die Grenzbereiche von Geländewagen nicht mehr weit. Und für diese ist der Cherokee auf dem Datenblatt bestens geeignet. Permanentes Vierradantriebssystem. Sensoren regeln die Drehmomentverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse. Geländeuntersetzung. Bergabfahrkontrolle. Bergabfahrkontrolle? Ja, die gibt’s jetzt auch im Cherokee. Die Hill Descent Control ist in den Automatikversionen eingebaut. Wird sie aktiviert, soll der Geländewagen ganz langsam in einer von vier vorgegebenen Geschwindigkeiten weiterrollen – und zwar in jedem Gefälle. Der Fahrer muss weder Gas geben noch Bremsen, verspricht Jeep. Besonderer Clou: Man kann mitten im Hang eine andere Geschwindigkeitsstufe wählen. So geht es dann langsamer oder schneller weiter. Das probieren wir natürlich gleich aus – und es funktioniert tadellos. Der Jeep klettert abwärts wie eine Bergziege, hat jederzeit Grip, bietet volle Kontrolle, auch wenn die Passagiere schon im Sicherheitsgurt hängen. Was vorwärts so wunderbar klappt, sollte doch rückwärts auch kein Problem sein, denken wir uns und legen den Rückwärtsgang ein: Ohne Murren, ohne Mucken kraxelt der Cherokee, das Heck voran, den Hang wieder hinauf: Jawohl, dieser Jeep ist ein Jeep.

DER PREIS

Serienmäßig ist der Cherokee ordentlich ausgestattet, Serie sind sechs Airbags, Leichtmetallräder und Klimaautomatik. 420 Liter fasst der Kofferraum, bei umgelegter Rücksitzlehne 1400 Liter. Er wird in drei Innenausstattungen angeboten, die günstigste ist die Version Sport, die ab 31 990 Euro kostet. Dafür gibt es ein technisch interessantes Auto fürs Gelände, mit dem man auf dem Boulevard durchaus punkten kann. Roland Koch

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