Geschichte : B wie Bertha, B wie Benz

Als Patent-Motorwagen lernte das Auto fahren: Wie vor 125 Jahren knatternd alles begann.

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Er ist nicht der schönste Oldtimer, nicht der wertvollste und auch nicht der schnellste. Dennoch gebührt ihm eine absolute Sonderstellung. Die Rede ist vom Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1, einem Dreirad mit dem knatternden Einzylinder, das 2011 genau 125 Jahre alt wird. Es gilt gemeinhin als das erste Auto der Welt – das Datum der Patentanmeldung am 29. Januar 1886 als sein Geburtstag und die Patentschrift Nummer 37435 als Geburtsurkunde des Automobils.

Damit kam Carl Benz nur wenige Wochen seinem späteren Mitstreiter Gottlieb Daimler zuvor, der einen Verbrennungsmotor in eine Kutsche montierte und damit ebenfalls Automobilgeschichte schrieb. Doch mit einem Auto im heutigen Sinne hat der Motorwagen bis auf das Funktionsprinzip nur wenig gemein. Fahrer fanden auf einer hölzernen Bank Platz, mangels Dach gab es für sie keinen Schutz vor Wind und Wetter.

Ins Rollen kam der Wagen auf fingerdünnen Speichenrädern und dank eines Motorblocks von stolzen 100 Kilogramm, der gemächlich mit 400 Umdrehungen pro Minute tuckerte. Gestartet wurde mit einem Schwungrad. Was der Motor mit einem Liter Hubraum und nur einem Kolben dann freisetzte, lässt sich kaum in Pferdestärken messen: Mit unter einem PS war die Leistung beziffert. Atemberaubend nach damaligen Maßstäben war die Höchstgeschwindigkeit des 270-Kilo-Vehikels von 16 km/h.

Nachgestellt. Bertha Benz fuhr 1888 zu den Eltern nach Pforzheim. Der Trip im Patent-Motorwagen gilt als erste Langstreckenfahrt der Automobilgeschichte. Fotos: Daimler/dpa/tmn
Nachgestellt. Bertha Benz fuhr 1888 zu den Eltern nach Pforzheim. Der Trip im Patent-Motorwagen gilt als erste Langstreckenfahrt...Foto: dpa-tmn

 Seine ersten Fahrten absolvierte Benz Ende 1885 aus Gründen der Geheimhaltung im Mannheimer Fabrikhof. Nach draußen traute er sich nur bei Nacht und Nebel. Anfangs schaffte er auf der Straße nur wenige hundert Meter, aber bald wurden es mehr. In seinen Erinnerungen schrieb der Pionier: „Jede Ausfahrt stärkte mein Vertrauen, bei jeder Ausfahrt lernte ich aber auch neue Tücken des Motors kennen.“    Mit Skepsis reagierte zu Beginn die Bevölkerung auf das eigentümliche Dreirad. Benz hielt fest: „Das Staunen und Bewundern schlägt um in Mitleid, Spott und Hohn. Wie kann man sich in einen unzuverlässigen, armseligen, lautlärmenden Maschinenkasten setzen, wo es doch genug Pferde gibt auf der Welt.“

Doch der Erfinder ließ sich nicht beirren. Einen Durchbruch markiert allerdings erst die berühmte Fahrt seiner Frau Bertha im August 1888. Mit dem Modell Nummer 3 bewältigt sie ohne Wissen ihres Mannes die mehr als 100 Kilometer Strecke zum Elternhaus nach Pforzheim. Der Ausflug gilt als erste Langstreckenfahrt der Automobilgeschichte. Zwar mussten die Söhne Eugen und Richard bergauf häufig schieben. Doch der Trip hatte Werbeeffekt: Im Anschluss konnte Benz immerhin 25 Patent-Motorwagen verkaufen.

Benz selbst baute vom Modell Nummer 1 nur ein einziges Exemplar. „Doch schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurden von diesem Patent-Motorwagen die ersten Nachbauten angefertigt“, sagt Winfried Seidel, der das Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg leitet und eine der Repliken in den alten Benz’schen Werkshallen ausstellt. Weitere elf Exemplare habe Mercedes zum 100. Geburtstag des Automobils 1986 nachbauen lassen.

Auch Privatkunden können einen Nachbau erstehen. Rund 150 bis 200 Exemplare habe eine Firma aus England mit Mercedes’ Segen gebaut, sagt Seidel. Für rund je 65 000 Euro könne eine dieser Repliken bei Mercedes erstanden werden. Gebraucht würden sie für ungefähr zwei Drittel des Preises auch im Internet, bei Auktionen oder mittels Kleinanzeigen gehandelt.

Selbstständig bewegen – das ist die Bedeutung des Wortes Automobil. Doch zum Fahren schaffen sich Liebhaber einen der Patentwagen nur selten an. „Die meisten stehen in Museen oder bei privaten Sammlern“, sagt Seidel. Im Freundeskreis allerdings hat der Museumsleiter eine prominente Ausnahme: Jutta Benz. „Schließlich waren Carl und Bertha Benz meine Urgroßeltern“, sagt die Nachfahrin, die noch immer in Mannheim wohnt. Im Alltag fahre sie zwar einen neueren Mercedes. Doch für Veranstaltungen schwinge sie sich regelmäßig auf die kleine hölzerne Bank. tmn

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