Geschichte des Berliner Automobilbaus : Die wilden Zwanziger in Wittenau

Im Norden Berlins wurden einst Fahrzeugaufbauten und sogar Elektroautos gebaut. Ein Nachfahre der Firma Dittmann erinnert sich.

Riskanter Arbeitsplatz. Eine Fabrikhalle wie die der Wittenauer Fahrzeugfabrik F.G. Dittmann mit vielen freilaufenden Transmissionsriemen ist heute undenkbar. Die Fabrikanlage wurde 1913/14 gebaut, wenige Jahre danach dürfte diese undatierte Aufnahme entstanden sein.
Riskanter Arbeitsplatz. Eine Fabrikhalle wie die der Wittenauer Fahrzeugfabrik F.G. Dittmann mit vielen freilaufenden...Foto: privat

Experten für moderne Arbeitssicherheit stünden beim Anblick dieser historischen Fotografien vermutlich die Haare zu Berge: eine Fabrikhalle aus Urgroßvaters Zeiten, immerhin gut ausgeleuchtet dank großzügig geschnittener Fensterreihen; an der Decke rotierende Wellen, die sich über die ganze Länge der Halle erstrecken – die Kraftquellen für die auf dem Hallenboden aufgereihten Maschinen; als Verbindung aber, und das ist heute undenkbar, meterlange Transmissionsriemen, die ungeschützt Wellen und Maschinen verbinden. In rasendem Lauf erfüllen sie tagein, tagaus ihre Funktion, bis der Feierabend naht – oder so ein emsig hantierendes Menschlein, sei es aus Unachtsamkeit oder Erschöpfung, mit einem Finger, einer Hand, einem Arm oder auch dem Arbeitskittel an solch einen Riemen gerät und mitgerissen wird. Eine riskante Technik, aber in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts gang und gäbe.

Nein, das hat er selbst nicht mehr so gesehen, erzählt Stefan Grzimek. Aber in Betrieb hat der 70-Jährige, Nachkomme des Firmengründers, die Fahrzeugfabrik F. G. Dittmann in der Lübarser Straße 40 in Wittenau noch erlebt. Er erinnert sich gut, wie der Rauch aus dem heute längst stillgelegten Schornstein der Schmiede quoll, an die Glut in der Esse, wenn die Arbeiter für ihn die Klappe öffneten und er hineingucken durfte. Aber auch den traurigen Abschied des letzten Vorarbeiters hat er nicht vergessen, als die Firma Anfang der fünfziger Jahre endgültig dichtgemacht und das Werksgelände veräußert wurde.

Ein Zeuge vergangener wirtschaftlicher Prosperität also, von der noch eine Handvoll Fotos berichtet, die Grzimek aufs alte Werksgelände mitgebracht hat – aus Potsdam, wo am Ufer des Griebnitzsees noch die Villa der ehemaligen Fabrikantenfamilie steht, die ihr nach der Wende zurückerstattet wurde. Die Fotos sind ein Stapel voller schwarz-weißer Erinnerungen: eine alte Zeichnung, wohl von einem alten Firmenbriefkopf, die die frühere Größe der Anlage zeigt; Außen- und Innenansichten des repräsentativen Verwaltungsgebäudes; Werkshallen für verschiedene Produktionszweige; die Kantine und die Sanitärräume mit den ordentlich aufgereihten Spinden; schließlich eine Halle mit großrädrigen Kutschen und ein hydraulisch betriebener Kippanhänger, als Beispiele aus der frühen und der späten Produktliste.

Die Fahrzeugfabrik F. G. Dittmann
Fahrzeugbeu in Wittenau bei der Firma Dittmann. Die undatierte Aufnahme dürfte kurz nach dem Bau der Produktionsstätter 1913/14 entstanden sein.Alle Bilder anzeigen
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03.01.2015 19:00Fahrzeugbeu in Wittenau bei der Firma Dittmann. Die undatierte Aufnahme dürfte kurz nach dem Bau der Produktionsstätter 1913/14...

Das ist spannend auch für Ralf-Otto Limbach, ehemals in führenden Positionen bei verschiedenen Konzernen der Autoindustrie tätig, Oldtimer-Enthusiast und Initiator des von ihm vor gut einem Jahr auf dem alten Dittmann-Gelände gegründeten Auto Classic Clubs, mit dem er zugleich an die Tradition des Ortes anknüpfen wollte. Denn wenngleich die Firma Dittmann nie so etwas Schickes wie den von Limbach gefahrenen Aston Martin DB4 produzierte – Technikgeschichte wurde auch in Wittenau geschrieben. Schließlich versuchte man sich dort schon früh an der Produktion von Elektroautos.

Die denkmalgeschützten Backsteinbauten in der Lübarser Straße wurden 1913/14 nach einem Entwurf des auf Industriebauten spezialisierten Architekten Bruno Buch errichtet. Die schon eine ganze Weile existierende und offenkundig florierende Firma sei damals aus der Berliner Innenstadt in den Vorort umgezogen, weiß Grzimek. Mit Kutschen hatte es angefangen, die weitere Produktpalette spiegelte den technischen Fortschritt wider: Aufbauten, Chassis, nach dem Zusammenschluss 1922 mit der AG für Elektromobilfabrikation auch komplette Elektro- und Benzinfahrzeuge sowie Fahrzeugteile. 1929 wurde mit der Fabrik für Blechemballage O. F. Schaefer Nachf. AG fusioniert, doch die Wirtschaftskrise zwang auch die F. G. Dittmann AG, wie sie inzwischen hieß, in die Knie. Im Internet stößt man noch gelegentlich auf von Sammlern angebotene Aktien des Unternehmens, das 1931 in die Insolvenz ging. Immerhin konnte der Schwiegervater des Firmeninhabers Otto Dittmann die Insolvenzmasse erwerben, und so blieb die Firma in Familienbesitz.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Unternehmen ohne einen Kratzer, so erzählt Grzimek, Urenkel des Firmengründers, dessen Mutter eine geborene Dittmann war. In den ersten Nachkriegsjahren gab es immerhin noch rund 400 Mitarbeiter, die Firmenleitung hatte die Tante seiner Mutter inne. Anfangs kamen Reparaturaufträge von den Amerikanern für deren Lastwagen, auch der Kippanhänger, von dem sich ein Foto erhalten hat, stammt aus dieser Zeit. Aber das Auftragsvolumen sank, es war wohl auch kein Nachfolger für die Chefin in Sicht, und so wurde die Firma Dittmann 1951 abgewickelt.

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Das Werksgelände durchlief in den folgenden Jahren 40 verschiedene Nutzungen, wurde schließlich 1976 vom Land Berlin der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft GSG übertragen und bis 1988 saniert. Ein Karosseriebauer, ein Lackierbetrieb und ein Motorradhändler haben sich dort schon angesiedelt, 2013 kam der Oldtimerclub dazu, der den Besitzern kostbaren alten Blechs insgesamt 83 Stellplätze bieten kann, diverse Clubevents, die Möglichkeit zu den in der Oldtimer-Szene so beliebten „Benzingesprächen“ und diversen Service rund ums Auto. Beispielsweise das gelegentliche Wippen des auf den nächsten Frühling wartenden Cabrios. Nicht, dass der PS-Veteran allein durchs lange Ruhen einen Schaden erleidet.

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