Auto : Gib’ mir mein Heck zurück

Heute kommt die Neuauflage des Volvo V70 zu den Händlern – nicht alles an diesem Kombi ist schön, aber vieles gut

Eric Metzler

DIE VORGESCHICHTE

Es gibt Leute, die schwören immer noch auf den 850. Mit ihm machte Volvo 1991 technisch einen Riesensatz in die Moderne. Noch heute zählt der TDI-Kombi zum Begehrtesten, was der Gebrauchtwagenmarkt hergibt. Gottlob hatte man den Designern des 850 seinerzeit aufgetragen, alles zu vermeiden, was irgendwie nach rund oder nach weich aussehen könnte. Das Ergebnis war ebenso image- wie verkaufsfördernd: Ein klarer, kantiger Typ, solider Schwedenstahl. Ende 1996 präsentierte Volvo die erste Generation des V70, noch immer ein Kombi mit geradestehendem Heck, erstmals aber mit angelutschten Fahrzeugecken. Puristische Volvoisten zogen zwar die Augenbrauen hoch, konnten aber mit dem Ergebnis noch leben, weil die Konkurrenten von Mercedes, Audi und BMW coupéhafte Hecks bevorzugten – und es Individualisten damit erlaubten, sich vom Lifestyle abzugrenzen.

DAS NEUE DESIGN

Volvo war früh dran. Schon im Juni zeigte man dem Fachpublikum den neuen V70. Weil das Modell aber erst jetzt, kurz nach der gerade zu Ende gegangenen IAA, zu den Händlern gekommen ist, scheint die Aufmerksamkeit für den Neustart zu verpuffen. Aber das wird sich ändern – spätestens, wenn man den um elf Zentimeter gewachsenen V70 auf dem Parkplatz trifft und hinten beguckt. Das umgemodelte Heck provoziert. Uns scheint es, als hätten die Schweden die verunglückte Übung eines japanischen Gestalters versehentlich in Serie gegossen: Der früher glatt-edle Rücken wirkt nun wirr, faltig, unruhig; die teils in die Klappe integrierten Heckleuchten sind schlicht drei Nummern zu groß. Glücklicherweise passt der Abschluss des Autos nicht zum Rest: Die Front wirkt trotz scharfer Blechfalze elegant, die Seitenansicht so schnörkellos, wie man es von einem echten Volvo noch immer erwartet.

DIE MOTOREN

Die Maschine kennen wir aus dem Volvo S80 – jetzt gibt’s diesen (Reihen-) Sechszylinder erstmals auch im V70. Schon der 3.2-Liter mit 238 PS und einem Drehmoment von 320 Newtonmetern hat uns gefallen, weil er seine Leistung gleichmäßig und souverän entfaltet. Im Team mit dem komfortablen Fahrwerk und der sanften Sechsgang-Automatik könnte der V70 durchaus als Entspannungstherapie anerkannt werden. Höheren Blutdruck erzeugt naturgemäß die Turbo-Variante des Sechszylinders. Die wird mit Allrad geliefert, zieht mit 3.0 Litern Hubraum und 285 PS schon ab 1500 Umdrehungen ordentlich durch, schluckt mit 13,5 Litern Testverbrauch aber zu viel. Der bekannte Basis-Benziner T5 wirkte auf uns trotz seiner 200 PS träge; gespannt sind wir auf eine kleine 1.8-Liter-Ausgabe, die Ende des Jahres ebenso vom Band rollen soll wie eine Zweiliter-Flex-Fuel-Version, die sich mit 85 Prozent Bio-Ethanol fahren lässt. Als (Turbo-) Diesel bietet Volvo weiter seinen 2.4-Liter-Fünfzylinder an. Der Kunde kann hier zwischen 163 PS und 185 PS wählen, in jedem Fall aber läuft der Motor in der Stadt lauter als die Common-Rails von Mitbewerbern.

DER INNENRAUM

Bei aller Liebe zum Prestige. Wer einen V70 kauft, braucht ordentlich Platz. Also hat Volvo drauf gepackt: Der längere Radstand kommt komplett den Fondpassagieren zugute – plus sechs Zentimeter für lange Beine. Das Volumen fürs Gepäck hat um 90 Liter auf jetzt 575 Liter zugelegt; die maximale Zuladung ist mit 455 Kilo dürftig. Gold wert ist die absolut ebene Ladefläche, die sich nach Umklappen der dreiteiligen Rückbank (40/20/40) ergibt. Anders als im alten V70 muss man die Sitzkissen für Sperrgüter nicht mehr hochstellen. Das verlängert die Legefläche um 20 wertvolle Zentimeter, das reicht sogar, um ausgestreckt ein Nickerchen vor der Stammkneipe zu machen. Praktisch und dumm für Einbrecher: Das versteckte Staufach unter dem Kofferraumboden fasst immerhin 60 Liter und wird beim Schließen der Heckklappe automatisch verriegelt. Die Armaturentafel des V70 sieht aus wie in allen neuen Volvo: Schlicht und aufgeräumt. Wer sich für unterkühltes, skandinavisches Design erwärmen kann, kommt hier voll auf seine Kosten – kritikwürdig sind allein die kleinen Bedienknöpfe auf der optisch frei schwebenden, dünnen Mittelkonsole.

DAS BEISPIEL-ANGEBOT

Für Familien stellt sich immer die PreisFrage. Schauen wir uns den stärksten V70 im Vergleich zu deutschen Premium-Herstellern an. Mit 49 300 Euro ist der 255 PS starke Audi A6 3.2 FSI mit Allradantrieb und Tiptronic im Grundpreis zwar 110 Euro günstiger als der Volvo V70 T6. Ausstattungsbereinigt dagegen kostet der Ingolstädter rund 3000 Euro mehr, da man den Volvo erst ab der Ausstattung Momentum bekommt. Hierin enthalten sind zusätzlich unter anderem Lederbezüge für die Sitze und die automatische Heckklappe. Für diese Ausstattungsdetails muss man bei den anderen Herstellern einen üppigen Aufpreis zahlen. Für den BMW 530xi Touring mit Steptronic werden in der Basisversion bereits 52 260 Euro fällig. Eindeutig am teuersten ist das Modell von Mercedes: Der E 350 T-Modell 4Matic mit 7G-Tronic kostet mindestens 54 443 Euro. Eric Metzler

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