Größenangaben zum Kofferraum können täuschen : Die volle Packung?

Zahlen können Objektivität vortäuschen - das gilt auch für das Stauvolumen von Autos. Die Liter-Angaben der Hersteller sagen nicht, wie der Kofferraum geformt ist, welches Gepäck also passt oder wie gut er beladen werden kann. Auch am Messverfahren gibt es Kritik.

Stefan Weißenborn
Alltäglicher Einkauf: Wie sich ein Kofferraum in der Praxis beladen lässt, darüber sagen die Volumenangaben nur bedingt etwas aus.
Alltäglicher Einkauf: Wie sich ein Kofferraum in der Praxis beladen lässt, darüber sagen die Volumenangaben nur bedingt etwas aus.Foto: dpa

420 Liter oder 500 Liter? Angaben zum Stauraumvolumen sind beim Autokauf oft das Zünglein an der Waage. Kunden fragen sich zum Beispiel: Bekomme ich in den Lieblingswagen auch alle meine Koffer hinein? Oder: Taugt das mittelprächtige Auto vielleicht doch, weil es Platz für so viel Gepäck bietet? Bei diesen Überlegungen sollten Autokäufer den Liter-Angaben der Hersteller skeptisch begegnen - aus mehreren Gründen.

Die Angaben in den Modellprospekten sind erst einmal miteinander vergleichbar. Das Volumen eines Kofferraums wird durch ein standardisiertes Verfahren ermittelt. Es basiert auf DIN- und ISO-Vorgaben und wird in Deutschland umgangssprachlich VDA-Norm genannt, da die DIN-Norm auf einer Empfehlung des Verbandes der Automobilindustrie basiert. "Die Methode ist seit Jahrzehnten der Maßstab", sagt VDA-Sprecher Eckehart Rotter. "Ausgelitert" wird der Stauraum eines Autos nach DIN 70020 (Teil 1) mit Messquadern, die 200 x 100 x 50 Millimeter messen. Die nach DIN-Vorbild erarbeitete ISO-Norm 3820 erlaubt größere Quader mit einem Volumen von bis zu acht Litern, damit bei Messungen schneller gepackt werden kann.

Kleinteiliger messen ist präziser

Die Methode klingt objektiv, ist aber nach Ansicht des ADAC nur bedingt praxistauglich. Der Automobilclub hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, mit Ein-Liter-Quadern in den DIN-Dimensionen bei eigenen Fahrzeugtests bessere Orientierungswerte zu ermitteln. "Nischen, die für Gepäckstücke nicht nutzbar sind, geben wir separat an", sagt ADAC-Ingenieur Martin Ruhdorfer. Dazu zählen doppelte Böden oder Staufächer in den Seitenverkleidungen im Kofferraum.

Deren Volumen wird nicht zum Hauptstauraum addiert. "Es ist für den Autofahrer besser, weniger, dafür aber wirklich nutzbares Stauvolumen anzugeben." Ist es zum Beispiel erlaubt, zum Standardvolumen den Stauplatz in der Ersatzradmulde zu addieren, wenn ein Auto alternativ mit einem Reifenreparaturset ausgestattet ist? Zu solchen Spezialfällen machen die aus den 90er Jahren stammenden Normen keine Vorgaben, so der VDA. "So präzise ist es nicht beschrieben", sagt Rotter - was Herstellern bei ihren Angaben Luft nach oben lässt.

Hersteller interpretieren die Regeln freier

"In den Prospekten stehen oft interessant hohe Werte", hat ADAC-Ingenieur Ruhdorfer beobachtet. Die Norm gibt zum Beispiel vor, das Normalvolumen bis zur Höhe der Rücksitzlehnen zu messen - diese können bei manchen Modellen aber geneigt werden. Und je steiler sie stehen, desto größere Volumina können gemessen und in den Produktbroschüren abgedruckt werden. Deshalb misst der ADAC standardmäßig bis zur Fensterunterkante - abgesehen von Limousinen, bei denen sich die Frage nach der Ladehöhe nicht stellt.

Oft geben Hersteller Maximalwerte an, die zwar nach Norm ermittelt sind, beim Packen aber nur zur Verfügung stehen, wenn weniger Passagiere mitfahren - zum Beispiel, weil einzelne Rücksitze oder die gesamte Sitzbank umgeklappt oder sogar ausgebaut werden.

Der Zugang ist entscheidend

Häufig wird auch das Volumen bis zum Dach angegeben. Bei dieser Beladung sind aber Gepäcknetze nötig, um die Insassen im Falle eines Crashs vor losen Gegenständen zu schützen. Zudem kann der Fahrer durch den mittleren Spiegel nicht mehr den rückwärtigen Verkehr beobachten, mahnt Ruhdorfer. Für die Sicherheit ist das nicht optimal, rechtlich allerdings kein Problem. Das gilt nicht für Limousinen, weil sich ihr separater Gepäckraum - wenn überhaupt - nur durch einen Skisack erweitern lässt.

Quader für Quader: Mit Schaumstoff-Körpern misst der ADAC den Kofferraum von Autos aus - das Verfahren orientiert sich an der VDA-Norm, weist aber Zusatzfächer getrennt aus. 
Quader für Quader: Mit Schaumstoff-Körpern misst der ADAC den Kofferraum von Autos aus - das Verfahren orientiert sich an der...Foto: dpa

Ruhdorfer räumt ein, dass die Liter-Angaben immer täuschen können, auch die des ADAC. „Allein anhand der Volumenangabe eine Kaufentscheidung zu treffen, ist schwierig." Wichtig sei etwa, wie sich das Volumen verteile - wie hoch ein Kofferraum zum Beispiel sei. "Bei Limousinen kann das Volumen groß sein, weil der Stauraum oft breit und tief ist - einen Kinderwagen oder Rollator bekommen Sie da aber nicht unbedingt rein." Eine bessere Vorstellung des nutzbaren Stauraums bekommen Verbraucher anhand des Quadermaßes, das in maximal nutzbarer Höhe, Breite und Tiefe angegeben wird. In den Prospekten der Hersteller taucht es aber nicht unbedingt auf, hat Ruhdorfer festgestellt.

Sperriges passt in Limousinen und Coupés oft nicht rein

Wie wenig Volumenangaben über den praktischen Nutzen aussagen, zeigt sich zum Beispiel am Gepäckabteil des VW Golf VII. Als Mindeststauvolumen gibt Volkswagen 380 Liter an, der ADAC hat allerdings 305 Liter ermittelt. Die Differenz von 75 Litern erklärt sich dadurch, dass der ADAC die Reserveradmulde und den Stauraum unterhalb des variablen Ladebodens - in niedrigster Einstellung - nicht mitgerechnet hat. Den doppelten Boden im Golf findet Ruhdorfer andererseits praktisch: Er könne auf Höhe der Ladekante justiert werden, was das Ein- und Ausladen schwerer Gegenstände einfacher mache - Messwerte hin oder her.

Ein Ratschlag gilt deshalb immer: Vor dem Kauf des Wagens sollte auch der Kofferraum unter die Lupe genommen werden. Die Größe der Kofferraumöffnung sollten Kunden mit ihren Bedürfnissen abgleichen, empfiehlt Ruhdorfer. Vor allem bei Limousinen und manchen Coupés falle diese für sperrige Gepäckstücke oft zu klein aus.
Wem ein Kleinwagen mehr zusagt als eine Limousine mit größerem Stauraum, der kann zu einer Dachbox greifen, rät der TÜV Süd. Zwar verbrauche ein Wagen mit dem Aufbau einige Zehntel Liter mehr Kraftstoff pro 100 Kilometer. Doch nur für die jährliche Urlaubsfahrt ein großes Auto anzuschaffen, sei unter dem Strich die weit unwirtschaftlichere Alternative.

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