Auto : Gut gebrüllt, Löwe

Drei Monate Rückgaberecht? So was kennen wir sonst nur von Ikea. Wie Peugeot mit frischem Esprit von sich reden macht

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Natürlich tun auch bei den Franzosen alle so, als ob alle alles perfekt beherrschen. Aber schaut man Peugeot genau auf den Lenker, lassen sich durchaus Unterschiede zu Renault oder Citroën erkennen: Der Importeur mit Sitz in Saarbrücken forciert besonders Familienmodelle und probiert unter dem neuen Marketing-Häuptling Thomas Schalberger Ideen des Formats Das-gab’s-noch-nie. Die Konkurrenz schaut aufmerksam zu, gespannter gar, als man zugeben mag.

Peugeot produziert neben Autos neuerdings also auch Schlagzeilen – mit Testballons, von denen noch keiner so genau weiß, wie weit sie tragen oder ob sie Eintagsflieger bleiben. Ein Beispiel ist der neuartige Mobilitätsservice „Mu by Peugeot“, dessen Pilotversuch gerade in Berlin angelaufen ist (siehe Kasten auf dieser Seite). Auch das „Easy-Drive“-Leasing enthält eine Komponente, die aufhorchen lässt: Bei unverschuldetem Jobverlust übernimmt Peugeot ein Jahr lang alle Raten. Am spektakulärsten aber ist die Kampagne mit dem niedlichen Titel „Hin und weg oder zurück“ (Ähnlichkeiten mit dem Titel unserer Test-Rubrik sind rein zufällig!). Die Aktion ist zunächst bis zum 30. September befristet, wird aber „mit hoher Wahrscheinlichkeit verlängert“, wie Unternehmenssprecher Ulrich zum Winkel dem Tagesspiegel auf Nachfrage sagte. Dahinter verbirgt sich ein Rückgaberecht für die Modelle 107, 206+ und 207: Wer diese kleinen Franzosen innerhalb von drei Monaten leid ist, fährt sie zum Hersteller zurück, legt den Schlüssel auf die Theke und fährt mit dem guten Gefühl nach Hause, es mit dem Löwen wenigstens mal versucht zu haben. Barpreis, Anzahlung, Leasing- oder Finanzierungsraten bekommt der Kunde zurück. Wie viel das Ausprobieren unterm Strich gekostet hat, hängt vor allem von der Fahrleistung ab: Sind es weniger als 1000 Kilometer, zahlt der Testfahrer nichts nach; es bleibt bei dem, was er für Zulassung, Steuern, Versicherung und Sprit aufgewendet hat. Stehen auf dem Tacho zwischen 1000 und 3000 gefahrene Kilometer, wird im Nachhinein eine Pauschale von 250 Euro und 35 Cent je Kilometer fällig – bei 2000 gefahrenen Kilometern berechnet Peugeot demnach summa summarum 950 Euro.

Damit darf das Angebot als faire Möglichkeit gelten, eine Marke kennenzulernen, die man bislang vielleicht nicht auf dem Einkaufszettel hatte. Verbraucherschützer, mit denen wir über das Modell sprachen, haben keine grundsätzlichen Einwände, mahnen die Kunden aber wie stets, das Kleingedruckte sorgsam nach Fußangeln zu durchforsten. Peugeots Deutschland-Chef Thomas Bauch ist davor nicht bange. Das Ganze sei bewusst transparent und einfach angelegt. Natürlich gehe es um neue Kunden. „Und die sollen möglichst bei uns hängen bleiben“. Dass Interessenten die Sache ausnutzen könnten, glaubt Bauch nicht: Wenn es jemand darauf anlege, könne man schließlich jedes Goodwill missbrauchen. Gleichwie: Die Resonanz bei Händlern und Kunden ist riesig, sagt der Hersteller; die Klickzahlen im Netz hätten sich verdoppelt, seit die Werbung für die Aktion auf dem Markt sei.

Ob das Ikea-Prinzip des dreimonatigen Umtauschs irgendwann auch bei den größeren Familienautos zum Einsatz kommt, ließ die Firma auf Nachfrage offen. Stoff für Experimente bieten die jedenfalls reichlich: Zehn seiner Modelle bezeichnet Peugeot als „ausgewiesene Familienautos“, von denen sich der maximal siebensitzige 5008 am besten verkauft. Dreieinhalbtausend Mal wurde der neue Van im ersten Halbjahr 2010 abgesetzt; der Crossover 3008 und der Kombi 308 SW liegen knapp dahinter. Die Zahlen belegen, wie lohnend es sein kann, fantasievoll mit Plattformen und Karosserievarianten zu spielen: Solange es praktisch, variabel und sparsam zugeht, machen Familien allerlei mit. Selbst Autos, die wie ein Playmobil anmuten, finden ihren Platz: die Tepee-Version des Winz- Transporters Bepee etwa fällt mit Schiebetüren und knuffiger Optik aus dem Rahmen und bietet Einsteigern so die Möglichkeit, Individualität zu demonstrieren.

In Zukunft wird man sich wohl noch öfter nach einem Peugeot umdrehen – auch aus technischen Gründen. Entweder, weil man am Etikett „3008 Hybrid“ hängen bleibt: Der weltweit erste Diesel-Vollhybrid mit Allrad geht Anfang nächsten Jahres in Serie und soll mit 3,8 Litern Diesel auskommen. Oder weil man über den lautlosen „Ion“ staunt, der als reines Elektrogefährt und mit vier Sitzen den Stadtverkehr revolutionieren soll: Serienstart Ende 2011.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


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