Auto : Hingucken und weghören

Der Chevrolet HHR hat einen starken Auftritt. Aber wo ist der Sound, den man von einem US-Cruiser erwartet?

Sven Jürisch

Mini, PT Cruiser und Fiat 500 haben es vorgemacht. Großserientechnik verpackt unter einer kultigen Karosserie und fertig ist der One-Million-Seller. Den Imageschub für die Marke samt neuer Zielgruppe gibt es kostenlos dazu. Und nun setzt auch Chevrolet auf dieses Rezept. Zwar melden die Amerikaner seit der Übernahme von Daewoo stetig steigende Verkaufszahlen in Europa, doch bisher fehlte es an einer Imagelokomotive. Der seit Jahrzehnten mit dem Markennamen verknüpfte Luxussportwagen Corvette schien selbst den Marketingstrategen zu wenig mit der neuen Marke Chevrolet zu tun zu haben, als dass die Aura vom American Way of Life auf Matiz, Epica und Co. abfärben hätte können.

Aber wer sucht, der findet. In diesem Fall den 1949 präsentierten Chevrolet Suburban, der die Designvorlage für den neuen HHR bildet. Der praktische Hochdachkombi war in den wilden Sechziger Jahren der Inbegriff von Lifestyle. Genug Platz für Freunde und Zubehör, dabei noch billig im Unterhalt und irre cool in der Optik. Eine perfekte Vorlage für den Chevy HHR, der in diesen Tagen zu einem Preis von rund 23 000 Euro zu den Händlern kommt. Die Abkürzung steht für „High Heritage Roof“. Sie bedeutet soviel wie „hohes Dach aus Tradition“ und soll auf eben jenes verweisen.

Aber hohes Dach hin oder her, der Neue fällt auf. Jeder Stopp ein großer Auftritt. Mal eben kurz im Schlabberlook zum Einkaufen? Fehlanzeige. Dem 4,48m langem HHR sind die Bewunderer sicher, in ihm wird jeder Fahrer zum Hauptdarsteller seines eigenen Films. Und da muß jedes Detail sitzen. Der wuchtige Chromgrill verbreitet das Hollywoodflair der späten Fünfziger ebenso wie die Trittbretter oder die der legendären Corvette nachempfundenen Rückleuchten. Besonders lässig sind die serienmäßigen Chromfelgen in üppiger 17-Zoll-Größe. Keine Frage, die Chevy-Designer haben ganze Arbeit geleistet. Schade nur, daß sie vergaßen, dem HHR einen Parkpiloten zu spendieren. Denn so schön die Karosse auch ist, so unübersichtlich ist sie leider auch. Speziell die unendlich lange Front mit der üppigen Motorhaube und der ausladenden Stoßstange lässt sich trotz der hohen Sitzposition nur schwer erahnen.

Dann doch lieber auf große Fahrt mit dem Chevy. Ein paar Kollegen können auch mitkommen, samt Gepäck. Denn Platz bietet der Chevy mit einem Kofferraumvolumen von 638 Litern mehr als ausreichend. Und wenn jemand noch ein Surfbrett zu verstauen hat, ab aufs Dach damit. Die Dachreling ist serienmäßig mit dabei. Dank der asymmetrisch teilbaren Rückbank und dem klappbaren Beifahrersitz wäre auch der Transport im Wagen möglich. Der Proviant findet seinen Platz in den zahlreichen Ablagen im Innenraum. Ein kühlbares Handschuhfach fehlt aber leider. Dafür sind zahlreiche Cupholder an Bord. Und sollte dennoch mal etwas Cola überschwappen, kein Problem. Die serienmäßige Ledersitzgarnitur, vorn mit Sitzheizung, und die Kunststoffflächen stecken das weg. Während der Fahrt sorgt das iPod-kompatible Radio für Unterhaltung und dank der Klimaanlage und der vier elektrischen Fensterhebern (beides Serie) kommt auch keiner ins Schwitzen.

Also raus aus der Stadt und lässig cruisen. Die Blicke am Straßenrand verraten: Cooler Auftritt. Der Chevy wiegt sich durch die Kurven, schnelle Runden sind nicht sein Stil: „Eile ist etwas für Spießer“, scheint seine bescheidene Höchstgeschwindigkeit von 180 km/h zu sagen. Und auch die Bremsen, serienmäßig mit ESP, sind mit Trommeln hinten nicht pacecar-tauglich. Offenbar haben die Chevytechniker das Wort Retro an manchen Stellen etwas zu wörtlich genommen.

Dann die peinliche Niederlage an der erstbesten Ampel. Nicht das man es nötig hätte – aber wenn schon dramatischer Auftritt, dann bitte auch perfekt. Und von einem Amischlitten erwartet man eben auch soundmäßig einiges. V8-Grummeln oder doch wenigstens lässiges Sechzylindergemurmel. Doch nicht im HHR: Der GM-4-Zylinder-Vierventil- Alumotor mit 170 PS hat keine großartigen Rennwagenambitionen. Und er klingt in etwa wie ein französischer Mittelklassewagen. Warum, liebe Chevy-Techniker, habt ihr dem HHR keinen Sechszylinder spendiert? Bei einer Vorgabe von 2,4 Liter Hubraum hätte sich doch sicher im GM Regal etwas Passendes gefunden.

Möglicherweise hätte man dann auch leichter über die Unzulänglichkeiten der als Option erhältlichen elektronisch gesteuerten Viergangautomatik hinweggesehen. Doch so bleibt der Auftritt der Antriebseinheit wenig souverän. Müde stochert der Automat in den Tiefen seiner Schaltbox und lässt den Motor immer wieder aufheulen, um das Drehmoment von 224 Newtonmetern bei hektischen 4800 Umdrehungen herauszuquetschen. Aber auch dann beschleunigt der Chevy allenfalls behäbig. Das Gefühl lässig unterwegs zu sein schwindet wie Softeis im Death Valley. Und es war doch gerade die Verlockung, mit dem HHR zu einer Mischung aus brabbelndem Motorsound und Beach Boys dem Sonnenuntergang entgegen zu fahren. Vertan. Da guckt man nur auf die schöne Karosse und hegt die Hoffnung, daß die Ingenieure bald eine standesgemäße Antriebseinheit nachschieben.Sven Jürisch

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