Honda Civic Tourer : Die Gepäckfachkraft

Extrovertiert, speziell, sparsam: Mit dem Civic Tourer schickt Honda zum Verkaufsstart am 1. Februar einen interessanten Lademeister auf die Straße.

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Die Verlängerung im Heck kommt voll den Fonds-Passagieren und dem Gepäckraum zugute.
Die Verlängerung im Heck kommt voll den Fonds-Passagieren und dem Gepäckraum zugute.Foto: Hersteller

Der erste Honda Civic wurde 1974 nach Deutschland importiert – dem Jahr, in dem ein gewisser VW Golf das Licht der Welt erblickte. Während der Golf der Volkswagen schlechthin wurde, bringt es Honda insgesamt auf kaum ein Prozent Marktanteil. Ende 2013 läuft der Golf in siebter Generation vom Band, der Civic in neunter. Wer mehr Platz braucht, kann den Golf seit den 90ern als Variant ordern – und sich inzwischen in vielen Fällen den Passat sparen, weil der "Kleine" dem Großen längst über den Kopf und mit 4,67 Meter Länge vor allem über die Stoßstangen gewachsen ist. Dabei sieht er vor allem, nun ja, praktisch aus.

Beim Civic dagegen sind die biederen Jahre seit 2006 vorbei: eckig und extrovertiert von den Scheinwerfern bis zu den Rücklichtern. Kann man mögen oder nicht. Während andere mit braven Kombis – vom Ford Focus Turnier über den Opel Astra Caravan bis zum Renault Mégane Grandtour – Geld verdienten, blieb der Civic auch mangels Kombiversion ein Exot.

Platz wie im Loft

Jetzt endlich haben die Japaner sich besonnen. Man könnte auch sagen: sich besinnen lassen, denn der neue Civic Tourer ist komplett in Europa entwickelt worden, wo er im englischen Swindon auch gebaut wird. Mit 4,54 Meter überragt er den Fünftürer um knapp 24 Zentimeter. Die Bonuslänge steckt im hinteren Überhang, wo sich gewaltige Kotflügel über den Radkästen wölben und die in großem Bogen abfallende Fensterlinie aller Welt mitteilt, dass hier kein schnödes Lastentier kommt, sondern ein Lifestyle-Produkt. Letzteres bedeutet erfahrungsgemäß oft, dass drinnen doch nicht so viel Platz ist.

Im Innenraum passt alles gut zusammen. Nur der Boden ist etwas hoch.
Im Innenraum passt alles gut zusammen. Nur der Boden ist etwas hoch.Foto: Hersteller

Doch ein Blick unter die geöffnete Heckklappe zerstreut alle Zweifel: Im Civic Tourer ist Platz wie im Loft. 624 Liter, von denen ein Fünftel quasi im Keller steckt: Eine Klappe im Boden, die sich mit einem Handgriff herausnehmen oder versenken lässt, gibt ein Loch frei, in das ein großer Koffer passt. Dieser Platz war bisher oft mit Tank und/oder Ersatzrad belegt. Letzteres hat auch der Civic nicht mehr, und der Tank ist umgezogen; dazu später mehr.

Wer bis unters Dach laden will, nimmt das Gepäckrollo raus, das zwei Extrapunkte verdient: Einen gibt’s für den pfiffigen Widerhaken, der das sonst übliche Gefummel beim Einhaken erspart. Den anderen bekommt das Bodenfach hinter der angenehm niedrigen Ladekante, in dem sich das Rollo klapperfrei verstauen lässt. Weil zwar die Fenster nach hinten stark abfallen, aber nicht das Dach, bleibt reichlich Platz auch fürs Urlaubsgepäck einer ganzen Familie.

Intelligente Gepäckraumlösung

Ein Trennnetz kann wahlweise hinter den Rück- oder den Vordersitzen gespannt werden, was in diesem Fall besonders sinnvoll ist: Wer auch die Rückbank beladen will, muss sie nicht umlegen, sondern kann auch die Sitzflächen einzeln hochklappen und so ein zusätzliches Gepäckabteil schaffen. In dieses können beispielsweise zwei Mountainbikes quer zur Fahrtrichtung gefädelt werden – oder Krimskrams, den man durch die Türen schnell erreichen will. Viel besser lässt sich ein Gepäckproblem kaum lösen. Zu mäkeln gibt’s nur, dass keine separat zu öffnende Heckscheibe im Angebot ist und die Stoßstange mangels Schutz leicht zerkratzt. Ein Pfennigartikel mit großer Wirkung, der hier fehlt.

Der Clou ist die Mulde im Kofferraum. Da passt beim Honda Civic Tourer sogar ein großer Koffer rein.
Der Clou ist die Mulde im Kofferraum. Da passt beim Honda Civic Tourer sogar ein großer Koffer rein.Foto: Hersteller

Bleibt die Frage, ob für die Passagiere ebenso gesorgt ist wie für ihre Siebensachen. Jein, muss man sagen – und zur Anprobe raten. Subjektiv fühlen sich die Vordersitze zunächst gut an, aber auf großer Tour fehlt (außer beim elektrisch einstellbaren Fahrersitz der Topversion) etwas Polster im Lendenbereich. Außerdem sind die Beine angewinkelt wie auf einem Kinderstuhl, was nicht an mangelndem Platz liegt, sondern an der geringen Höhe der Sitzflächen. Die Sitzprobe auf der Rückbank bestätigt den Verdacht, dass es an "Bodenfreiheit" fehlt: Die Füße der Hinterbänkler passen nicht unter die Vordersitze, was den Fußraum stark reduziert. Auch wird der Türausschnitt durch die sportlich angewinkelte C-Säule verkleinert. Dafür öffnen die Türen sehr weit.

Honda Civic Tourer bietet Radar fürs hintere Heck

Wer sich’s hinter dem Lenkrad gemütlich gemacht hat, darf zufrieden sein: Alles liegt gut in Reichweite, die Übersicht ist besser, als die Karosserieform erwarten lässt, der Schalthebel flutscht perfekt durchs Sechsgangmenü. Als Highlight gibt es ein Sicherheitspaket mit sehr nützlichem Toter-Winkel-Warner in den Spiegeln, bei längerer nächtlicher Regenfahrt vermutlich ebenso nützlichem akustischen Spurhalteassistent, automatischem Notbremsassistent und Radar in den hinteren Ecken, das beim Zurücksetzen vor Querverkehr warnt. Auch von den Motoren gibt es Erfreuliches zu berichten.

Das Design des Honda Civic Tourer hebt sich angenehm aus der Masse heraus.
Das Design des Honda Civic Tourer hebt sich angenehm aus der Masse heraus.Foto: Hersteller

Als wichtigste Zielgruppen hat Honda Familien mit Kindern ausgemacht sowie "Downsizer", die von der Mittelklasse umsteigen. Letztere dürften zufrieden sein, zumal sich der Honda Civic Tourer – von Windgeräuschen an den Türen ab etwa 130 km/h abgesehen – auch auf der Autobahn gut fährt. Eltern sollten zum Probesitzen die Kinder mitnehmen. Oder sich auf den Tag freuen, wenn die aus dem Haus sind und man wieder zu zweit verreisen kann – mit ganz großem Gepäck.

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