Auto : Hüne unter Segeln

Ein Berliner Paar ist mit seinem Plattbodensegler „Jacob van Berlijn“ die Attraktion auf der Havel

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Alle an Deck. Ria Wahlen-Cordes, Bernd Preller und Sohn Jakob mit Schiffshund Jorke auf ihrem Plattbodensegler am Spandauer Schifffahrtsufer. Foto: Paul Zinken
Alle an Deck. Ria Wahlen-Cordes, Bernd Preller und Sohn Jakob mit Schiffshund Jorke auf ihrem Plattbodensegler am Spandauer...

Wenn Bernd Preller durch seine Wohnung läuft, muss er fast überall den Kopf einziehen. Und er hat auch nicht allzu viel Platz. Gerade mal 12 Quadratmeter groß und 1,78 Meter hoch ist sein einziges Zimmer, in dem er mit Ehefrau Ria Wahlen-Cordes und Schiffshund Jorke seit 13 Jahren lebt. Im Herbst 2010 sind die drei mit ihrem schwimmenden Zuhause, dem rund 100 Jahre alten, holländischen Plattbodensegler „Jacob van Berlijn“, vom Ijsselmeer zum Spandauer Schifffahrtsufer umgezogen. Bis zu den ersten kalten Herbsttagen segelten sie in diesem Jahr an Wochenenden mit Gästen auf ihrem ungewöhnlichen Kahn von Spandau bis Potsdam – und waren der Blickfang auf der Havel. Das soll auch so bleiben. In Berlin haben sie ihren „Jacob“ jetzt auf Dauer festgemacht.

„Dass ich nur unter dem Oberlicht in unserer Kajüte so richtig aufrecht stehen kann“, sagt Bernd Preller, „das macht mir gar nichts aus.“ 1,91 Meter ist der 61-Jährige groß, weißer Bart, abgewetzte Jeans. Vom Achterdeck aus hat er den besten Überblick, wenn er am Steuerrad steht, das an die Ruderstände von Segelklippern erinnert.

Bernd Preller hat den größten Segler Berlins an einem Ufer vertäut, an dem die Tradition der Berliner Binnenschifffahrt mit ihrem Mix aus Romantik und Industrielandschaft noch lebendig ist. Am Spandauer Schifffahrtsufer lassen die Binnenfrachter ihre Anker herabrasseln, gegenüber verrenken die Hafenkräne ihre stählernen Arme. Hier, kurz vor der Schulenburgbrücke, liegt Prellers Oldtimer: 1910 als Frachter mit geringem Tiefgang für Bodden- und Wattenmeere gebaut, 30 Meter lang, 5,40 Meter breit, ein Hüne unter Segeln mit genietetem Stahlrumpf, der hölzerne Mast 23 Meter hoch und dick wie ein stattlicher Fichtenstamm, damit er dem Druck von 250 Quadratmetern Segelfläche standhält. Mit sechs Knoten, das sind etwa 11 Stundenkilometer, pflügte „Jacob van Berlijn“ dann durch die Havel, stabilisiert durch die typischen Seitenschwerter. Ein gemächliches Tempo, während die Jollen am Wannsee den Segler umschwärmen wie kleine Fische einen Walfisch.

Hauptberuflich haben Ria Wahlen-Cordes und Bernd Preller mit der Seefahrt gar nichts zu tun. Sie ist Homöopathin, er Studienrat für Chemie und Physik. Doch seine Leidenschaft für die Kunst des Segelns hat ihr Leben auf einen neuen Kurs gebracht. Alles begann in den späten achtziger Jahren, als Preller mit seinen Schülern auf holländischen Plattbodenschiffen, die zu Passagierseglern umgebaut waren, auf große Klassenfahrt ging – und sich dabei in seinen heutigen Kahn verliebte. Auf diesem Schiff wollte er leben und arbeiten. Als es verkauft wurde, zögerte er keinen Moment. Er restaurierte den Segler rundherum – und ließ sich 1999 von seinem Lehrerjob an einem Berliner Gymnasium für zwölf Jahre freistellen.

Nun begann die abenteuerlichste Etappe im Leben des Paares. Sie schipperten zwölf Sommer lang mit jeweils bis zu 25 Gästen übers Ijssel- und Wattenmeer. Ein bis zwei Wochen dauerten die Törns. Die Urlauber oder Schülergruppen an Bord wohnten in den 18 Kajüten und im Salon im Vorderschiff – und packten unterwegs mit an. Ria Wahlen-Cordes zeigte ihnen, wie man Blöcke belegt, die Fock hochzieht, das Großsegel refft und zu einer Mannschaft wird. Bernd war der Käptn. Selbst bei rauer See „lief alles meist glatt“, nur einmal gab es eine kritische Situation, erzählt Preller. Bei Windstärke 7, als die Segel wegen der starken Böen eingerollt waren, fiel der Dieselmotor aus. Da erwiesen sich die angelernten Nachwuchsmatrosen als gutes Team. Es war harte Arbeit, „Jacob“ unter Segeln zurück in den Hafen zu bringen.

„Wir waren in jeder Saison nahezu ununterbrochen auf dem Wasser“, sagt Ria Wahlen-Cordes. Vor zwei Jahren wollten sie dann das Steuer in ihrem Leben noch mal umlegen. Sie machten sich über den Mittellandkanal auf den Weg nach Berlin. In Spandau bleiben sie nun erst mal am Ufer, doch im Frühjahr 2012 geht’s mit Gästen wieder los – aber nur an Wochenende und auf der Havel. Werktags unterrichtet Bernd Preller nun an einer Integrierten Sekundarschule in Kreuzberg, Ria Wahlen-Cordes arbeitet wieder als Homöopathin. Und ihr gemeinsames Heim ist die Kajüte auf dem Achterdeck. Schlafsofa, zwei Sessel, ein rustikaler Holztisch, die Kochnische, dazu Rias Laptop und in den Regalen Schiffe aus Kartonbastelbögen. Bernd Prellers Hobby. „Mehr brauchen wir nicht für unser Leben auf dem Wasser“, sagen die beiden – und schwärmen vom Puckern der Motoren, wenn die Frachter an ihrem Ufer vorbeiziehen. Ab und zu rauscht auch die „Heiterkeit“ mit winkenden Passagieren vorüber. Ein Oldtimer-Dampfer. „Dann treffen hier“, freut sich Preller, „die Hundertjährigen zusammen“.

Informationen zu Törns:

www.jacob-van-berlijn.de,

Telefon: 23139516

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