Rundgang auf der IAA 2013 : Drehen wir ’ne Runde

So gerne man mehr Zeit für die IAA hätte: Wer aus Berlin oder anderswo anreist, hat oft nur vier Stunden. Ein Rundgang zum Nachlaufen und Nachdenken.

von und Holger Holzer
Vergnügen vs. Vernunft. Bei Porsche feierte der 918 Spyder zu Beginn der IAA Weltpremiere (ab Jahresbeginn 2014, 768 000 Euro) ...
Vergnügen vs. Vernunft. Bei Porsche feierte der 918 Spyder zu Beginn der IAA Weltpremiere (ab Jahresbeginn 2014, 768 000 Euro) ...Foto: dpa

Wer wenig Zeit hat oder Geld sparen will, wählt für seinen IAA-Besuch das ab 15 Uhr gültige Nachmittagsticket. Für acht Euro hat man dann vier Stunden Zeit, zumindest die Höhepunkte abzulaufen (noch bis zum 23. September). Dazu passend haben wir eine Tour ausgearbeitet. Schließlich ist die IAA die größte und weitläufigste Automesse der Welt. Wo sich die Neuheiten-Schau in Genf, Tokio oder Detroit auf drei oder vier Hallen verteilt, sind es in Frankfurt derer zehn. Plus Außengelände. Plus Verpflegungs- und Aktions-Hallen. Ohne Plan ist man da verloren, vor allem bei knappem Zeit-Budget.

Die Vierstunden-Tour startet man idealerweise am westlichen Ende der Messe, am Eingang Portalhaus. Prinzipiell kann sie natürlich auch andersherum angegangen werden, allerdings befinden sich die besten Rast- und Pausenplätze am östlichen Ende. Ungünstig, wenn man dort – noch frisch – anfängt. Außerdem beginnt man im Osten direkt an Halle 11, wo sich auf dem BMW-Stand eines der Messe-Highlights findet: der Elektro-Kleinwagen i3, dem zugetraut wird, ein wichtiger Baustein beim Durchbruch der E-Mobilität zu werden. Während der hochbauende Fünftürer eher technisch als optisch interessant ist, zeigt der parallel präsentierte Hybrid-Sportler i8 die ganz große Design-Show, inklusive Flügeltüren.

Millardenschwerer Imagegewinn

Die trauen sich was. Während die anderen Hersteller ihre Elektro-Derivate von konventionell betriebenen Serien-Autos ableiten, stößt BMW mit der i-Reihe in neue Welten vor – bei Entwicklung, Herstellung und Vertrieb gleichermaßen. Seit Jahren schaut die Konkurrenz ebenso gebannt wie ängstlich auf das Projekt i. Wenn das gut geht, haben die Hasenfüße ein Problem von unendlicher Reichweite. Andererseits: Nach den Milliardeninvestitionen zum Anschieben der Stromer verbucht BMW einstweilen nur einen Imagegewinn. Doch gleich, wie das Experiment ausgeht: So spannend war Auto lange nicht mehr.

Mit gespreizten Portalen kann in der benachbarten Halle 8 auch eine der interessantesten Messe-Studien, das Opel Monza Concept, aufwarten. Der aggressiv gestaltete Zweitürer steht für das neue erwachte Selbstbewusstsein der Rüsselsheimer und gibt die Designlinie künftiger Modelle vor. Wo wir schon in Halle 8 und bei Studien sind: Lohnend ist auch der Besuch des Lexus-Standes, wo die Japaner ihre Vision eines Kompakt-SUV zeigen – mit ungewöhnlicher, zerklüfteter Karosserie im Stil eines Stealth-Bombers. Wer vor dem Kauf eines neuen Kompakt-Klasse-Modells steht, sollte auch einen Schlenker zu Peugeot nicht verpassen, wo die neue Generation des 308 Premiere feiert – endlich wieder ein Franzose mit Chancen, die Phalanx von Golf, Focus und Astra zu durchdringen.

Der neue Peugeot 308 hat wieder Chancen

Man kann wirklich nicht behaupten, Peugeot hätte derzeit einen Lauf. Der 308 könnte das ändern: Ein Schönling aus einem Guss, der endlich wieder auf schlichte Eleganz statt Effekthascherei setzt. Mut beweisen die Franzosen mit dem Modell überdies: Wie beim 208 schaut der Fahrer auf die Instrumente nicht durch, sondern über das verkleinerte Lenkrad. Wer wissen will, wie gewöhnungsbedürftig das ist: Unbedingt reinsetzen in das Ausstellungsstück!

So sieht’s aus. VW offenbart einen Blick in den Elektro-Golf.
So sieht’s aus. VW offenbart einen Blick in den Elektro-Golf.Foto: dpa

Wieder an der frischen Luft, geht es in Richtung S-Bahn-Unterführung. Dahinter biegt man direkt ab in Halle 6 – traditionell die engste und stickigste auf dem IAA-Gelände – aber dank Dauermieter Ferrari auch eine der heißesten. Bei der Sportwagenschmiede aus Maranello gewährt dort einen Blick auf die verschärfte "Speciale"-Version des Sportwagens 458, inklusive aktiver Aerodynamik und 445 kW/605 PS. Auf öffentlichen Straßen wird man dieses Vergnügen außerhalb Monacos wohl kaum jemals haben.

Geschichtsträchtiger Audi Sport Quattro

Das Vorprogramm ist damit abgeschlossen. Wenn man wieder ins Freie tritt, befindet man sich bereits so gut wie auf dem zentralen Platz, um den sich vor allem die Marken des VW- und des Daimler-Konzerns tummeln. Kompakt und mit kurzen Wegen. Zentral in der Mitte platziert, mit eigens entworfener Halle (Agora), findet sich die Marke mit den Ringen. In dem prominent platzierten Audi-Quader sollten sich vor allem Kinder der 80er-Jahre und Fans von Rallye-Autos die Studie Sport Quattro nicht entgehen lassen. Das im klassischen Gelb lackierte Coupé transportiert den Geist des legendären Allraders optisch und technisch in die Jetztzeit. Möglicherweise soll es von dem bärenstarken Hybridmodell mal eine Kleinserie geben – die man ebenfalls wohl kaum jemals auf dem Supermarktparkplatz in der Nachbarschaft entdecken wird. Mit dem neuen Audi-A3-Cabrio wird es sich anders verhalten: Ein Hingucker, der im Frühjahr 2014 ab knapp 32 000 Euro starten wird.

Elektrifizierend und faszinierend
Die 65. Internationale Automobilausstellung in Frankfurt hat ihre Pforten geöffnet. Zunächst erst mal für die Presse und Fachbesucher. Am Donnerstag eröffnet dann Bundeskanzlerin Merkel die Messe offiziell. Das Modell im Bild hat übrigens Geburtstag. Der Porsche 911 wurde vor 50 Jahren auf der IAA präsentiert und sollte die Sportwagenschmiede aus Zuffenhausen bis heute prägen.Weitere Bilder anzeigen
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12.09.2013 15:13Die 65. Internationale Automobilausstellung in Frankfurt hat ihre Pforten geöffnet. Zunächst erst mal für die Presse und...

Audi. Was soll man sagen? Vielleicht, dass im Moment keiner so genau weiß, wo die Reise hingeht. Perfekt verarbeitete Autos, verwechselbares Design, Elektro-Anschluss verpasst, Entwicklungschef Dürheimer nach wenigen Monaten gefeuert. Wir warten auf die neue, große Linie. Bis die erkennbar ist, ergötzen wir uns am unvermindert spektakulären Messebau der Ingolstädter. Beim letzten Mal war es die befahrbare Renn-Arena, auf dieser IAA sind es die hängenden Häuser.

Große Augen bei Porsche

Wir bleiben beim VW-Konzern. Die Hauptmarke und ihre Ableger sammeln sich in Halle 3.0, wobei die „0“ für Erdgeschoss steht. Im westlichen Bereich regiert die Vernunft: hier lassen sich der optisch dynamisierte Golf-Plus-Nachfolger Golf Sportsvan, der preiswerte Golf-Konkurrent Skoda Rapid Spaceback und der Golf-Variant-Ableger Seat Leon ST beurteilen. Zu den Messehöhepunkten zählt auch die Elektro-Version des Golf – an Schauwerten hat sie allerdings bis auf den fehlenden Auspuff wenig zu bieten. Große Augen bekommt man da schon eher bei Porsche, wo der neue Hybrid-Supersportwagen 918 Premiere feiert – ebenfalls kein Kandidat für ein Treffen im öffentlichen Straßenverkehr. Also dringend besuchen! Wenn man schon mal in der Gegend ist, bietet sich auch die Umrundung der kleinen aber feinen Stände von Bugatti, Bentley und Lamborghini an.

... bei Seat der Kombi-Ableger des erfolgreichen Leon (ab 23. November, mindestens 16 640 Euro). Schön und silber sind sie beide.
... bei Seat der Kombi-Ableger des erfolgreichen Leon (ab 23. November, mindestens 16 640 Euro). Schön und silber sind sie beide.Foto: dpa

Natürlich hat er sich auf der IAA nichts anmerken lassen. Aber die Titel-Story des "Spiegel" vor einigen Wochen dürfte Martin Winterkorn immer noch in den Knochen stecken. Wer lässt sich schon gern als herrschsüchtiger, besserwissender Sonnenkönig mit opportunistischem Hofstaat beschreiben? Ohnedies ziehen für VW immer mehr Wolken auf: Die Erfolge in China und Nordamerika können die Europa-Schwäche kaum noch überdecken. Aktuell geben Konzerntöchter mehr Anlass zur Freude: Seat wächst bei uns zweistellig; der Leon gräbt dem Golf das Wasser ab. Und Skoda findet immer mehr Anhänger, weil das Verhältnis zwischen Preis und Leistung fürs fahrende Volk immer wichtiger wird.

In der Festhalle im Luxus schwelgen

Zum Schluss geht es in die benachbarte Festhalle (die Benennung der einzelnen Hallen ist in der Tat etwas uneinheitlich), wo Daimler traditionell groß auffährt und das edle Ambiente für einen extrem aufwändigen Stand nutzt – hier werden nicht nur Autofans, sondern auch Innenarchitekten glücklich. Beachtenswert ist darüber hinaus vor allem das neue Kompakt-SUV Mercedes GLA, das mit der von der A-Klasse bekannten, dezidiert sportlichen Optik im Revier von Audi Q3 und BMW X1 wildern soll. Wer im Luxus schwelgen möchte, hat dazu in der S-Klasse-Abteilung Gelegenheit, wo neben der gerade gestarteten neuen Generation der Luxuslimousine auch das noch edlere Coupé präsentiert wird.

Früher war Mercedes nicht so fix. Da hätte man Jahre gebraucht, um auf einen Mode-Zug aufzuspringen. Jetzt steht in Frankfurt der GLA. Weil nur noch das Segment der Kompakt-SUV schnelle Erfolge verspricht. Innovativ daran ist nichts: A-Klasse aufgebockt, ein paar Design-Spielereien, fertig ist die Weltneuheit. Dass Mercedes-Chef Zetsche so gelöst wie lange nicht durch die Halle lief, hat seinen Grund: Die E-Klasse verkauft sich aktuell wie geschmiert, und auch die neue S-Klasse scheint die hohen Erwartungen zu erfüllen. Da lässt sich gut aushalten, wenn die Weltpremiere des Flaggschiffs vor einigen Monaten in Hamburg mehr Gesprächsstoff lieferte als dieser IAA-Auftritt.

Nicht viel Neues, aber einfach schön

Letzter Stopp ist in Halle 5. Volvo zeigt dort die Studie Coupé Concept, die das Design der kommenden Modelle der Schweden vorwegnimmt – und wirklich gut aussieht. Einige Meter weiter wirbt Jaguar mit einer SUV-Studie um Aufmerksamkeit. Das erste entsprechende Fahrzeug der Briten könnte in ähnlicher Form zur nächsten IAA-Ausgabe auf die Straße rollen. Wer noch Zeit und Lust hat, absolviert noch die wenigen Meter zum Aston-Martin-Stand. Viel Neues gibt es da zwar nicht – doch die Autos sind einfach schön. Und selten.

Zahlreiche Hersteller und einige Hallen fehlen in diesem Rundgang komplett. Vier Stunden sind eben doch knapp. Wer sich für die entsprechenden Marken interessiert, hat aber durchaus ein paar Minuten Zeit für einen Schlenker nach links oder rechts.

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