IAA : Der lange Atem aus Fernost

Noch werden die chinesischen Autobauer belächelt und wegen Plagiaten kritisiert. Doch viele Experten sind überzeugt, dass die Fahrzeuge aus Fernost schon bald eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt spielen werden.

Marion Trimborn,Jörn Bender
CEO Foto: dpa
Der CEO soll eine Kopie des BMW X5 sein. -Foto: dpa

Frankfurt/MainSie lassen nicht locker: Chinas Autobauer tasten sich in den Weltmarkt. Und trotz Kopie-Vorwürfen und misslungenen Crash-Tests räumen viele Experten ihnen langfristig durchaus Chancen ein, in fünf Jahren etwa in Deutschland ein bis zwei Prozent Marktanteil zu erreichen. Vor allem im Kleinwagensegment könnten die Chinesen künftig punkten. Jeder vierte Autofahrer in Deutschland kann sich laut Umfragen vorstellen, ein Auto eines chinesischen Herstellers zu kaufen - die Billigpreise locken.

"China wird auf den Markt kommen, das ist nicht aufzuhalten", sagt Karl Schlössl, Geschäftsführer des Importeurs China Automobile Deutschland mit drei Marken unter Vertrag. Von den Plagiatsvorwürfen, mit denen sich der Autoimporteur derzeit herumschlagen muss, zeigt sich der selbstbewusste Bayer unbeeindruckt. Der Geländewagen CEO, den BMW für eine Kopie seines X5 hält, sei kein Plagiat - in Italien, Spanien und Russland werde er seit Jahren verkauft.

Doch Schlössl betont: "In China ist man mächtig sauer auf die Deutschen, die Chinesen sehen das als Politikum an." Weil der CEO des Herstellers Shuanghuan nur gut 25 000 Euro koste und damit etwa halb so viel wie ein BMW X5, versuchten mächtige deutsche Konzerne den Chinesen Steine in den Weg zu legen. Neben dem CEO hatte auch der chinesische Kleinwagen Nobel für Aufregung gesorgt: Er gilt als Kopie des Smart Fortwo von Daimler.

Noch keine Gefahr

Jürgen Pieper, Autoexperte der Privatbank Metzler, bekräftigt: "Die Chinesen sind für die Deutschen derzeit noch keine Gefahr, weil sie sich im Billigsegment bewegen. Diese Preisbrecher müssen die Deutschen noch nicht fürchten." Denn selbst zu Schnäppchenpreisen lasse sich ein qualitätsschwaches Auto in Deutschland nicht etablieren - wichtig sei die Sicherheit.

Mit schlechten Ergebnissen bei Crash-Tests verpatzten bereits zwei chinesische Hersteller den Marktstart in Europa: Dem Geländewagen "Landwind" von Jiangling bescheinigte der Automobilclub ADAC das schlechteste Ergebnis seit 20 Jahren. Er wurde ebenso wie die Limousine BS 6 von Brilliance zurückgezogen, in denen laut ADAC die Überlebenschancen für den Fahrer bei einem Seitenaufprall nahe Null lägen. Kritiker spotten bis heute über die "China-Kracher". Auf der IAA geht Brilliance mit einem nachgebesserten Modell an den Start.

Management und Image unterentwickelt

Fachleute sehen noch weitere Gründe, warum Autos aus China bislang nur in wenigen europäischen Garagen stehen. "Chinesische Händler haben das Problem, ihre Marke in Europa zu positionieren und Händler für den Vertrieb zu finden. Sie müssen vor allem ihr Wertversprechen halten", sagt Autoexperte Jens Tischendorf vom Beratungsunternehmen A.T. Kearney. Management und Image der Marken seien unterentwickelt. Zudem sind Namen wie Zhonghua oder Shuanghuan für Europäer Zungenbrecher.

Auf der vorangegangenen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) 2005 in Frankfurt waren die Chinesen erstmals hoffnungsvoll an den Start gegangen. Dieses Mal fehlten die Hersteller Geely und Chery - sie sagten nach Angaben des Veranstalters VDA aus logistischen Gründen ab.

Chinesen brauchen langen Atem

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, mahnt, den Chinesen eine Chance zu geben und nicht auf sie zu herabzuschauen. "Man sollte nicht nach ersten misslungenen Crash-Tests ein Pauschalurteil fällen - langfristig werden die Chinesen sich auf dem Weltmarkt mit Fleiß und Wissen ihren Anteil erobern." Allerdings brauche das noch Zeit: "Die chinesischen Strategen wissen seit Konfuzius, dass sie einen langen Atem brauchen - ich gehe davon aus, dass sie den haben werden", sagt Wissmann.

Autoimporteur Schlössl, dessen China Deutschland GmbH seit drei Monaten mit den Geländewagen von drei chinesischen Herstellern um Kunden buhlt, nennt denn auch keine genauen Absatzziele für den CEO: "5, 50, 500 - alles ist mir recht. Hauptsache wir sind auf dem Markt." Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Accenture stützt den Optimismus der Chinesen: 28 Prozent der knapp 1300 befragten Führerschein-Besitzer glauben, dass chinesische Automobilproduzenten innerhalb der nächsten fünf Jahre hierzulande so erfolgreich sein werden wie koreanische Marken. (mit dpa)

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