Auto : Im Kleinen und Ganzen okay

Anfang Mai kommt der neue Kia Picanto – mal sehen, ob er seine Reifeprüfung besteht

Frank Wald
Auf Gegenseitigkeit. Offensichtlich mag er die Stadt und die Stadt mag ihn, weil er schön klein ist – auch wenn der Picanto sechs Zentimeter länger geworden ist.
Auf Gegenseitigkeit. Offensichtlich mag er die Stadt und die Stadt mag ihn, weil er schön klein ist – auch wenn der Picanto sechs...

Als Kia 2004 den ersten Picanto vorstellte, waren die Koreaner in Europa noch Emporkömmlinge, die sich mit Preiskrachern einen Namen machten. Beispielhaft abzulesen an dem damals präsentierten Kleinwagen. Irgendwie ganz niedlich gemacht, angelehnt an den europäischen Style der Zeit mit Knubbel-Karosserie, Grinse-Grill und Kulleraugen-Scheinwerfern. Und irgendwie auch schon tausendmal gesehen, austauschbar und beliebig. Immerhin fanden bis heute mehr als 1,1 Millionen Käufer Geschmack an dem würzigen City-Car. Im Mai kommt nun die zweite Picanto-Generation auf den Markt. Und inzwischen rangiert Kia, im Verbund mit der Schwestermarke Hyundai, mit 5 656 681 verkauften Autos in 2010 auf Platz vier in der Welt. Die Reifeprüfung ist auch dem Picanto anzusehen.

Die niedlichen, beliebigen Formen sind verschwunden, das Design folgt nun einer stringenten Linie, die der deutsche Chefgestalter Peter Schreyer den Koreanern vorgezeichnet hat. Als prägendes Element trägt die wuchtige Front, wie schon beim neuen SUV Sorento und Minivan Venga, den Kühlergrill in Doppeltrapez-Form, den Kia etwas prahlerisch „Tigernase“ nennt. Hinzu kommen ein bulliger Stoßfänger und große, dreidimensional ausgeführte Schweinwerfer. Die dramatisch ansteigende Linie in der Seitenansicht bescheren der Karosse Schwung und Kontur. Und auch das Heck ist mit seiner konkaven Wölbung und den sichelförmigen Rückleuchten ein Hingucker. Der erstmals angebotene Dreitürer, der im Herbst folgen soll, ist mit größerem Grill und Doppelauspuff am Heck noch etwas sportlicher gestaltet.

Im Innern setzt sich die neue Optik fort. Blickfänger im Cockpit sind Metalldekor-Einlagen in Mittelkonsole, Türverkleidung und Lenkrad, das als Gimmick im unteren Lenkradkranz die Grill-Grafik zitiert. Oberflächen und Materialien fassen sich gut an, Fugen, Passungen und Nähte suggerieren eine für die Kleinwagenklasse ungewöhnliche Verarbeitungsqualität. Auch die Sitze sind ausreichend bequem und bieten guten Halt. Um sechs Zentimeter auf 3,60 Meter gestreckt plus 15 Millimeter mehr Radstand räumt der Picanto vorne zwei Erwachsenen ausreichend Bein- und Bewegungsfreiheit ein. Auf den hinteren Plätzen bleibt es nach wie vor eng. Dafür hat sich der Kofferraum auf 200 Liter vergrößert, in die aber auch nur maximal der kleine Supermarkt-Einkauf passt.

Mehr oder weniger in Bewegung gebracht wird der Picanto von zwei neuen Benzinern. Ein 1-Liter-Dreizylinder, der gar nicht so knurrig wie einer klingt, müht sich mit seinen 69 PS bei Start und Steigungen redlich, reicht für den urbanen Alltag aber allemal. Zumal er auch noch mit 4,1 Liter Normverbrauch (95 g CO2/km) überzeugen kann. Will man raus aufs Land oder etwas schneller die Spuren wechseln, sollte es dann schon der 1,2-Liter-Vierzylinder sein, der mit 85 PS sehr spritzig und flott unterwegs ist. In knapp elf Sekunden beschleunigt er auf Tempo 100 und bleibt mit 4,7 Liter (109 g CO2/km) im Schnitt relativ sparsam.

Eine gelungene Alternative zum entfallenen Diesel ist eine auf 82 PS getunte Autogas-Version des kleineren Dreizylinders, die Kia ab Herbst als erster Hersteller in dieser Klasse ab Werk anbieten will. Mit 1300 Euro Aufpreis kostet die LPG-Variante ähnlich viel wie ein Selbstzünder, läuft aber deutlich leiser als die kleinen Nagler und tankt im Gegensatz zu diesen das günstige Flüssiggas, das derzeit nur die Hälfte kostet und auch noch umweltfreundlicher ist (siehe Kasten).

Doch so durchdacht Design und Technik, so unüberlegt erscheint die Preisgestaltung des Picanto. Zunächst gibt es nur den Fünftürer in drei Ausstattungen ab 9390 Euro, die folgenden Dreitürer sind jeweils 400 Euro günstiger. Doch schon die Basis „Attract“ hat wenig Attraktives: das schmucke Metalldekor in Mittelkonsole und Lenkrad gibt es nicht, Fahrersitz und Sicherheitsgurte sind nicht höhenverstellbar, selbst eine Laderaumabdeckung fehlt und ESP gibt es weder für Geld noch gute Worte. Eine Klimaanlage oder Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung lassen sich erst in der 600 Euro teureren Ausführung „Vision“ für 1260 Euro zusätzlich bestellen. Auch hier fehlt das ESP, ist aber immerhin im Paket für weitere 450 Euro extra zu haben.

Offenbar kalkuliert Kias Marketing, dass der Kunde am Ende entnervt das Kreuzchen bei der Top-Ausstattung „Spirit“ macht, in der das alles ab 12 390 Euro Serie ist und dazu noch CD-Radio mit USB-Anschluss, Multifunktionslenkrad, aktive Kopfstützen, Knieairbag, Lederlenkrad und -schaltknauf, Ablagefach unter Beifahrersitz und Kofferraumboden, elektrisch einstell-, anklapp- und beheizbare Außenspiegel mit LED-Blinkern sowie 15-Zoll-Alu-Felgen. Wer den stärkeren Motor möchte, muss das ohnehin tun, weil es den Vierzylinder nur mit dem höchsten Ausstattungsniveau gibt. Ebenso wie das viel gepriesene Stopp- Start-System – wobei hier wieder die Frage bleibt, warum es nur in einem 760 Euro teuren Paket mit Klimaautomatik, Sitzheizung, Dämmerungssensor und Nebelscheinwerfer zu haben ist. So erwachsen der Picanto, so halbstark scheint das deutsche Marketing.

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