• Interview mit dem Vorsitzenden des ADAC Berlin-Brandenburg: Das hat uns sehr weh getan

Interview mit dem Vorsitzenden des ADAC Berlin-Brandenburg : Das hat uns sehr weh getan

In dieser Woche hat der ADAC Berlin-Brandenburg seine neuen Räumlichkeiten eingeweiht. Der Vorstandsvorsitzende Manfred Voit im Gespräch über die neue Geschäftsstelle, die Reformen beim ADAC Deutschland und verlorenes Vertrauen.

Markus Mechnich
Mit viel Durchblick. Am Dienstag wurden die renovierten Räumlichkeiten des ADAC Berlin-Brandenburg in der Bundesallee feierlich eröffnet. Der Eingang ist noch provisorisch, aber innen funktioniert der Betrieb schon reibungslos.
Mit viel Durchblick. Am Dienstag wurden die renovierten Räumlichkeiten des ADAC Berlin-Brandenburg in der Bundesallee feierlich...Foto: promo

Herr Voit, was hat sich getan in der Bundesallee?

Vor allem die Größe unserer Geschäftsstelle hat sich verändert. Durch eine neue, optimale Aufteilung konnten wir die Fläche nahezu verdoppeln auf insgesamt 1200 Quadratmeter. Damit haben wir nicht nur die größte, sondern auch die umsatzstärkste Geschäftsstelle des ADAC in Deutschland.

Von der Mitgliederzahl her sind Sie auch ganz schön gewachsen? Sie haben mittlerweile 1,27 Millionen Mitglieder.
Wir haben es ja geschafft einen gemeinsamen Regionalclub Berlin-Brandenburg zu schaffen. Da sind wir der Politik mindestens einen Schritt voraus. Das hat erfreulicherweise unsere Mitgliederzahlen stark ansteigen lassen.
Wer an den ADAC denkt hat vor allem die Pannenhilfe vor Augen. Sie selbst definieren sich aber eher als Mobilitätsdienstleister. Was gehört da noch dazu?
Unser Erscheinungsbild nach außen wird vor allem durch die Gelben Engel geprägt. Dazu gehören neben der Straßenwacht und Pannenhilfe auch die Gelben Engel in der Luft. Das sind unsere Kernleistungen - die Hilfe vor Ort und die Rückführung erkrankter Mitglieder aus dem Ausland. Aber als Mobilitätsdienstleister übernehmen wir noch weitere Aufgaben. Zum Beispiel in Linthe, wo wir Deutschlands größtes Fahrsicherheitstrainingszentrum betreiben. In den Geschäftsstellen erarbeiten wir zum Beispiel individuelle Routen für die Urlaubsreise aus.

Wird das angenommen?
Auf jeden Fall. Wir erstellen im Jahr etwa 70000 dieser Tour-Sets. Dabei ist das persönliche Gespräch sehr wesentlich. Das lässt sich daran erkennen, dass der gleiche Service im Internet nur etwa halb so oft abgefragt wird.

Ein anderes Gebiet, auf dem der ADAC auch recht aktiv ist, ist der Motorsport.
Wir bieten eine sehr große Bandbreite. Im Spitzensport richten wir das Rennen der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft auf dem Lausitzring aus. Dann haben wir die GT Masters als Rennserie des ADAC und schließlich noch die IDM (Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft). Fast wichtiger ist aber, dass wir mehr als 40 Ortsclubs betreuen. Und dort findet Motorsport in seiner ganzen Vielfalt statt.

Und der Bereich klassische Automobile?
Im letzten Jahr waren wir in Potsdam und Umgebung Ausrichter der bundesweiten ADAC-Deutschland-Klassik-Veranstaltung. Das war für uns natürlich etwas ganz Besonderes. Daneben veranstalten wir jährlich unsere eigene Oldtimerveranstaltung, nämlich die ADAC Avus Classic. Auch viele unserer Ortsclubs beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Oldtimer.

Wie schätzen Sie den Bereich klassische Automobile ein?
Darauf können Sie setzen. Die echten Oldtimer (älter als 30 Jahre, Anm. d. Red.) werden gehegt und gepflegt und in ihrer Zahl erhalten. Zusätzlich kommen jedes Jahr weitere Fahrzeuge und deren Liebhaber hinzu.

Sie haben ein ereignisreiches Jahr hinter sich, in dem es viele Schlagzeilen gab, die Ihnen wahrscheinlich nicht so gefallen haben.
Deswegen arbeiten wir mit Nachdruck an einem Reformprogramm. Als Vorsitzender des ADAC Berlin-Brandenburg sitze ich auch im Verwaltungsrat in München. Daneben war ich noch in einer Arbeitsgruppe tätig, die sich mit den Strukturen beschäftigt. Insofern bin ich eng in den Reformprozess eingebunden. Die ersten Ergebnisse werden an diesem Wochenende bekannt gegeben.

Wie werden die aussehen?
Das Wichtigste für uns ist die Frage, ob der ADAC seinen Status als Verein behalten kann. Aus unserer Sicht soll und müssen wir ein Verein bleiben. Deshalb werden wir unseren Club mit einem modernen Konzept reformieren. Die Kernbereiche, wie etwa die Pannenhilfe, werden zentrale Aufgaben des Vereins bleiben. Daneben wird es eine AG geben, in der die wirtschaftlichen Aktivitäten gebündelt werden. Und schließlich gibt es noch Aktivitäten für das Gemeinwohl, die in eine Stiftung überführt werden. Dazu gehören zum Beispiel Unfallprävention oder Forschungsaktivitäten. Dieses Konzept muss nun von den Delegierten genehmigt werden.

Wie sehen Sie die Chancen dafür?
Ich bin optimistisch. Es wird auf jeden Fall eine Reform geben. Und wenn diese so kommt, dann werden wir an der Stelle vielleicht sogar eine Vorbildfunktion für andere Vereine in Deutschland haben.

Sie gliedern die Geschäfte komplett aus?
Es wird eine AG, eine Aktiengesellschaft, gegründet werden. Dort dürfen wir dann geschäftliche Aktivitäten ausüben, dort dürfen wir Geld verdienen. Diese Gewinne setzen wir dann wieder für unsere Mitglieder ein.

Worin besteht dann der Unterschied zur bisherigen Form?
Wichtig ist, dass der ADAC als Verein die Stiftung und die AG nicht mehr dominieren wird. Ffür diese Körperschaften werden Gremien gebildet, die dort die Geschicke in die Hand nehmen und auch von Externen mit besetzt werden.

Das hört sich nach sehr weitreichenden Beschlüssen an?
Ja, wir haben personell einen Schlussstrich gezogen und uns von vielen Führungspersönlichkeiten getrennt. Aber von Anfang an lautete auch das Motto: Wir wollen eine umfassende Reform angehen. Bei einem Verein, der 111 Jahre alt ist, hat sich einiges eingeschliffen. Diese Dinge wurden nun angegangen.

Manfred Voit (63), ist seit 2011 Vorsitzender des ADAC Berlin-Brandenburg.
Manfred Voit (63), ist seit 2011 Vorsitzender des ADAC Berlin-Brandenburg.Foto: promo

Wie ist die Stimmung bei den Mitgliedern?
Wir haben durch die Manipulation beim Gelben Engel viel Vertrauen verloren. Es wird einige Zeit dauern, bis wir dieses Vertrauen wieder aufgebaut haben. Durch diese Reform sollte es aber langfristig gelingen. Die Austritte haben sich zwar in Grenzen gehalten, aber es ist natürlich schade um jedes einzelne Mitglied, das wir verloren haben. Das tat uns weh.

Haben Sie heute weniger Mitglieder als vor der Krise?
Die Austritte konnten wir in etwa durch neue Eintritte kompensieren. Momentan ist das Ergebnis ungefähr ausgeglichen.

— Das Gespräch mit Manfred Voit führte Markus Mechnich.

Historischer Bau

Die Geschäftsstelle das ADAC Berlin-Brandenburg in der Bundesallee nach der Eröffnung 1960.
Die Geschäftsstelle das ADAC Berlin-Brandenburg in der Bundesallee nach der Eröffnung 1960.Foto: ADAC BBR

Der ADAC Berlin bezog sein Domizil in der Bundesallee am 19. November 1960. Zuvor saß der Verband einige Jahre in einer Villa in Zehlendorf. Der Auto-Club wollte damals den Bezug des Gebäudes auch als Zeichen des Glaubens an ein wiedervereintes Deutschland verstanden wissen. Schon 1970 wurden die Räumlichkeiten auf dem Areal, das sich im Besitz des ADAC befindet, zu klein. Die Erweiterung wurde bis November 1971 abgeschlossen. 1979 wurde dann die restliche Lücke geschlossen und ein Erweiterungsbau vollendet. Mit der Wiedervereinigung wurde aus dem Regionalverband der ADAC Berlin-Brandenburg mit damals rund 700 000 Mitglieder. Heute liegt die Mitgliederzahl bei 1,27 Millionen.

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