Jaguar XJ im Alltag : Der perfekte Reisebe-Gleiter

Unterwegs im Alltag – heute mit einem Briten, der deutsche Premium-Automobile das Fürchten lehrt. Jaguar hat die Angstzone der Ford-Ära verlassen und wieder ein mutiges Automobil auf die Räder gestellt.

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Bei Jaguar traut man sich wieder was. Nach Jahren der Agonie unter Ford warten die Briten wieder mit extravagantem Design auf.
Bei Jaguar traut man sich wieder was. Nach Jahren der Agonie unter Ford warten die Briten wieder mit extravagantem Design auf.

Auf den ersten Blick…

... gerät das Weltbild des Traditionalisten aus den Fugen: Was bitte haben die aus meinem Lieblings-Klassiker gemacht? Entweder. Oder der Betrachter fasst seine Bewunderung in ein Kompliment, das Jaguars indischem Mutterkonzern Tata runtergeht wie feinstes Motoröl: Wow, das hätte ich Jaguar gar nicht zugetraut! So ein progressives Design. So scharfe Kanten im Gesicht. So italienische Rückleuchten. Mit dem alten XJ hat der beileibe nichts mehr zu tun. Wie der kleinere XF markiert auch dieses Modell eine Zeitenwende. Als der Jaguar noch zu Ford gehörte, war er ein Angsthase. Jetzt ist er wieder auf dem Sprung, so wie im Logo. Endlich.


Die meisten Pluspunkte gibt es für…

... den unglaublichen Sanftmut, mit dem die Limousine Jeden, aber auch Jeden betört, der mitfährt - ganz gleich, ob für die Spritztour zum Frauenfußball nach Potsdam oder für die Langstrecke zur Bombenentschärfung nach Koblenz . Die Federung ist über jeden, aber jeden Huppel erhaben. Diesel- und Windgeräusche sind leiser als in jedem, aber auch jedem anderen Premium. Und die Sitze bringen jede, aber auch jede Frau zum Schlafen – auf dem Fahrer- genauso wie auf dem Kindersitz. Dass die Klimaanlage absolut zugfrei arbeitet, dass die Sechsgang-Automatik bestens mit dem kraftvollen Drei-Liter-Selbstzünder harmoniert, und dass der Verbrauch bei aller Kraft und aller Souveränität kaum über neun Liter zu treiben ist: All das passt ins selten schlüssige Bild.

Weniger Charme hat…

Das Cockpit ist ebenfalls außergewöhnlich. Nicht nur wegen dem selbstausfahrendem Schalthabel für die Sechsgangautomatik.
Das Cockpit ist ebenfalls außergewöhnlich. Nicht nur wegen dem selbstausfahrendem Schalthabel für die Sechsgangautomatik.Foto: Hersteller

... die jämmerliche Sicht nach hinten. Der XJ ist so flach gezeichnet, dass man sich beim rückwärts Einparken den Blick über die Schulter getrost schenken kann. Er ist vergebens. Ob man sich moderner Technik ausliefern mag oder nicht, der Blick auf den Monitor ist die einzige Möglichkeit, Knutschflecken zu vermeiden. Mag die Kamera noch so perfekte Bilder liefern – gewöhnungsbedürftig ist die Sache trotzdem. Das gilt auch für das schlüssellose Zugangs- und Startsystem. Sicher, es ist bequem, den Bund immerzu in der Tasche lassen zu können, weil es reicht, den Türgriff zu berühren und den Startknopf zu drücken. Wenn das Ganze aber mit schöner Regelmäßigkeit hakt und das auch noch mit Huptönen quittiert wird, dann hat die Schlüsselloserei einen Haken. Auch an anderer Stelle macht sich eine gute Idee selbstständig: Das Handschuhfach hat keinen Griff zum Öffnen. Es gibt lediglich einen Sensorknopf im Armaturenbrett. Eine schöne, eine puristische Lösung – mit der unerwünschten Nebenwirkung, dass die Klappe dem Beifahrer auch schon mal dann vor den Schoß fällt, wenn er bloß die Hand zum Radio oder zum Navi führt.

Das spannendste Detail…
... liegt planeben in der Mittelkonsole, solange der Motor nicht läuft. Wird er gezündet, hebt sich der Drehregler aus der polierten Fläche und offeriert die verschiedenen Schalt-Stufen der Automatik. Wie plump doch konventionelle Schalthebel mit einem Mal wirken!

Unterm Strich die richtige Wahl für…

Die Heckleuchten polarisieren. Entweder man mag sie oder nicht. In jedem Fall ziehen sie die Blicke auf sich.
Die Heckleuchten polarisieren. Entweder man mag sie oder nicht. In jedem Fall ziehen sie die Blicke auf sich.Foto: Hersteller

... Vielreisende, denen es nicht komfortabel und edel genug sein kann. Wem das expressionistische Heckdesign und der im wörtlichen Sinne glänzend gemachte Innenraum nicht eine Spur too much sind, wird auf Langstrecken mit einem bemerkenswerten Reise-Erlebnis belohnt. In der Stadt empfindet man den XJ zuweilen als unübersichtliches Schiff; auf freier Strecke als unübertreffliches Luftkissenboot. Ein Meisterstück.

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