Jaguar XJ : Oberklasse, very british

Das neue Flaggschiff von Jaguar hat technisch enorm aufgerüstet – von den Motoren bis zu Assistenzsystemen.

von
Vorne sitzt es sich am schönsten. Der Chauffeur darf sich freuen: Im neuen Jaguar XJ haben die Herrschaften auf der Rückbank nur die zweitbeste Sitzgelegenheit.
Vorne sitzt es sich am schönsten. Der Chauffeur darf sich freuen: Im neuen Jaguar XJ haben die Herrschaften auf der Rückbank nur...Foto: Promo

Vor sechs Jahren fand im konservativen Großbritannien eine Revolution statt, deren Ausgang ungewiss war: Der traditionsreiche Autokonzern Jaguar verabschiedete sich vom barocken Design und schockte die traditionsbewusste Kundschaft mit seinem komplett anderen Flaggschiff XJ. Doch der Firma gelang auf Anhieb der Sprung in die Herzen der alten und vor allem der neuen Kundschaft. Der Jaguar XJ wurde im Laufe der Zeit zu einer kleinen aber feinen britischen Alternative zu S-Klasse, Siebener und A8. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch so viel getan, dass der smarte Brite 2016 technisch in die zweite Liga der Oberklasse abgestiegen ist. Fahrer-Assistenzsysteme? Internet-Konnektivität? LED-Scheinwerfer? Sparsame Motoren? Alles Fehlanzeige!

Also ziert die nun überarbeitete achte Generation des XJ jetzt Voll-LED-Scheinwerfer, garniert mit Blinkern und Tagfahrleuchten in J-Form. Das soll an die Vieräugigkeit früherer XJ erinnern. Am Heck lassen ihn neue Leuchten, ein schlankerer Stoßfänger und ein eleganterer Kofferraumdeckel weniger massig erscheinen.

Der Kunde hat die Wahl zwischen drei Triebwerken: Dreiliter-V6-Diesel mit 300 PS, Dreiliter-V6-Kompressor-Benziner mit 340 PS und Fünfliter-V8-Kompressor-Benziner mit 550 PS. In Deutschland kaufen neun von zehn Kunden den Selbstzünder. Also fahren wir den stark überarbeiteten V6-Diesel in der luxuriösesten Version Autobiography mit gigantischem Radstand von 3,16 Metern. Dank Doppelturbo schickt der Dreiliter-Diesel jetzt mit 300 PS 25 mehr an die Hinterachse. Wichtiger noch ist die gesteigerte Durchzugskraft. 700 Newtonmeter ab 2000 Touren sind ein Garant für standesgemäßes Fortkommen. Mehr noch: Auf feuchter Piste können die Antriebsräder schon mal kurz durchdrehen. Gut, dass der Jaguar bald einen Allradantrieb bekommen wird. Schon nach wenigen Kilometern beeindruckt seine Kraft aus den Tiefen seiner sechs Zylinder. Mühelos schiebt er das trotz Aluminiumkarosserie 1865 Kilogramm schwere und 5,26 Meter lange Dickschiff nach vorn. Der Diesel schnurrt wie sein tierischer Namensgeber. Mit sanftem Gasfuß ist ein realer Alltagsverbrauch von acht Litern möglich (Normverbrauch 5,7 Liter pro 100 Kilometer). Um möglichem Ärger mit den Behörden zu entgehen, entgiftet der Diesel-XJ seine Abgase mit einem aufwendigen SCR-Kat-System, das mit einer Harnstofflösung arbeitet.

Der Jaguar ist ein Fahrerauto

Dem aktuellen Stand der Technik entsprechend, lässt sich der große Jaguar nun per elektromechanischer Servolenkung lenken. Doch dabei haben die Briten es mit der Sportlichkeit übertrieben. Sie ist so spitz ausgelegt, dass unnötige Unruhe in das Auto kommt. Freudvoll tanzt die serienmäßige ZF-Automatik durch ihre acht Gänge. All das macht die Limousine trotz ihrer Länge von 5,26 Meter sowie der 2,10 Meter Breite mit Außenspiegel zum Spaßmobil und damit zu einer Besonderheit in der Luxus-Liga.

Und auch das ist anders beim Oberklasse-Briten: Im XJ ist der beste Platz nicht hinten rechts, sondern vorne links! Während man in S-Klasse und Co. im Fond besser sitzt als hinterm Lenkrad, ist der Jaguar ein Fahrerauto. Selbst die zwölf zusätzlichen Zentimeter bei unserer Langversion ändern nichts an den vergleichsweise engen Fondtürausschnitten sowie an der mäßigen Knie- und Kopffreiheit im Vergleich zur deutschen Oberklasse. Da sind das weiche Semi-Anilin-Leder oder die großflächige Holzeinlagen in Eiche oder die Soundanlage mit 1300 Watt Leistung und 26 Lautsprechern nur ein gewisser Trost für den mangelnden Freiraum.

Jaguar nutzt die Erfahrungen der Schwestermarke Landrover bei den Assistenzsystemen, um mit Verkehrszeichenerkennung, Abstandsradar mit Staufunktion, halbautomatisches Einparken oder der 360-Grad-Rundumsicht aufzurüsten. Ganz großes Kino beim Infotainment: Der Achtzollbildschirm in der Mittelkonsole wird per neuem Control TouchPro-System bedient. Eine sperrige Bezeichnung für ein geschmeidig arbeitendes System. Flott führt die Software auf der 60 Gigabyte großen Festplatte durch die neu entwickelten Apps. Außerdem ist ein Wi-Fi-Hotspot an Bord, über den bis zu acht Smartphones und Tablets gleichzeitig mit dem Internet verbunden werden können.

Mindestens 81 000 Euro kostet das Ticket in die XJ-Welt mit dem Diesel in der 5,13 Meter langen Kurzversion. Die Version mit dem 340 PS starken Benziner kostet gleich 11 700 Euro mehr, weil sie mit einem Allradantrieb gekoppelt ist. Das Modell mit dem Fünfliter-Achtzylinder-Benziner, das 280 km/h schnell fahren kann, ist erst ab 142400 Euro zu haben. Unser Testwagen steht mit 114 250 Euro in der Preisliste – ohne Extras. Denn es bleibt selten bei diesen Grundpreisen. Diverse Ausstattungsoptionen summieren sich rasch auf 10 000 Euro und mehr. Mercedes S-Klasse-Modelle sind kaum teurer. Doch auch nicht so exklusiv.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben