Auto : Jammern auf tiefem Niveau

Amerikaner regen sich über hohe Spritpreise auf

Postbote Warren Williams zuckt zusammen als er sieht, wie schnell seine 20 Dollar an der Tankstelle in Chicago dahinschmelzen. Er hat gerade Benzin für 4,79 Dollar die Gallone (3,8 Liter) gekauft. Das sind 1,26 Dollar (0,87 Euro) der Liter - für US-Verhältnisse ein beklagenswert hoher Spritpreis. „Die Preise sind absurd“, schimpft Williams. Er sei es gewohnt gewesen etwa 100 Dollar die Woche fürs Tanken auszugeben. Nun zahle er 175 bis 200 Dollar. „Ich denke darüber nach, mir eine Busfahrkarte zuzulegen“, sagt er.

Für Sprit gehen mittlerweile 8,9 Prozent des durchschnittlichen Einkommens einer Familie in den USA drauf. Im April 2009 waren es noch 4,2 Prozent. Chicago hat dabei mit die höchsten Benzinpreise im Land. Eine Gallone kostete vor einigen Tagen im Schnitt 4,47 Dollar – ein Rekord. Vor einem Jahr lag der Preis bei durchschnittlich 3,15 Dollar. Landesweit sind die Durchschnittspreise an den Tankstellen laut Autoclub AAA noch rund 13 Cent vom höchsten Preis aller Zeiten entfernt. Das war am 17. Juli 2008, damals zahlten die Autofahrer 4,11 Dollar je Gallone.

Die jetzigen Spritpreise reichen aber schon aus, um die Erholung der als noch sehr anfällig geltenden US-Wirtschaft zu gefährden. Unternehmen könnten auf die Idee kommen, Mitarbeiter zu entlassen, um die Extra-Kosten zu kompensieren.

Für Unternehmerin Robin O'Grady sind solche Gedankenspiele schon bittere Realität. Sie habe ihren Angestellten bereits die Arbeitsstunden gekürzt, erzählt die Filialleiterin eines Lieferservices für Obst. Nun fürchte sie, bald einige entlassen zu müssen, sagt O'Grady. „Ich halte mein Geld zusammen, so kann ich meine Leute behalten, so kann ich meine Rechnungen bezahlen. Ich muss aber auf alles genau achten.“ Doch die Rechnungen werden nicht weniger, ihre Benzinkosten steigen, und die Regeln im Franchise-Geschäft erlauben es ihr nicht, die Preise anzuheben.

Doch nicht nur unmittelbar auf der Tankrechnung machten sich die hohen Kraftstoffpreise bemerkbar, erzählt Michael Stolfe, Besitzer einer Pizzeria-Kette: „Wir verbrauchen eine Million Pfund Käse im Jahr. Jetzt müssen wir nur fürs Anliefern zwei Cent je Pfund mehr bezahlen.“ Daneben hätten sich die Spritpreise für die 30 Lieferwagen der Firma verdoppelt. Die hohen Rohstoffpreise hätten den Gewinn seines Betriebs bereits um rund fünf Prozent geschmälert.

„Wir haben uns einiges an Luxus schon verkniffen – auswärts essen etwa, und wir versuchen, die Stromrechnung zu schmälern. Solche Sachen, einfach, um über die Runden zu kommen.“ Im ganzen Land würden mehr und mehr Leute auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, Fahrrad statt Auto fahren und Fahrgemeinschaften mit ihren Kollegen vereinbaren, erzählt Beth Mosher vom AAA. „Vier Dollar (pro Gallone) ist wirklich ein Wert, ab dem de Leute ernsthaft ihre Fahrgewohnheiten überprüfen“, sagt sie. Anwalt Jeff Calabrese nickt: Er fährt täglich rund 160 Kilometer, um seine Söhne zur Privatschule ans andere Ende Chicagos zu bringen. afp

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben