Auto : Jetzt aber schnell

Mercedes’ Flügeltürer kommt uns 2013 elektrisch: Erste Eindrücke in einem Vorab-Exemplar des alternativen SLS

Rainer Friedrich
Gelbsucht-Gefahr.
Gelbsucht-Gefahr.

Nun ist es also amtlich: Mercedes wird den SLS AMG E-Cell ab 2013 in Serie bauen. Wir hatten die Möglichkeit, vorab ein millionenteures Unikat des elektrogetriebenen Flügeltürers Mercedes SLS AMG E-Cell fahren zu dürfen. Ein atemberaubendes Elektroauto!

Die Eckdaten sprechen für sich: vier radnahe Elektromotoren mit einer Gesamtleistung von 533 PS, in vier Sekunden von null auf Tempo 100, Spitze 250 km/h. Trotz seiner zwei Tonnen fühlt sich das Trumm wunderbar leicht an. Ein Druck aufs rechte Pedal, und die gigantischen 880 Newtonmeter Drehmoment, quasi aus dem Stand heraus, fallen über die Formel-1-breiten Walzen her. Die Flunder schießt wie von der Tarantel gestochen nach vorn, und der Gurt krallt sich in die Schulter. Alternativer Antrieb? Den hier muss man einfach erlebt haben. Untermalt wird die Schub-Orgie von keinem infernalischen Sound, sondern von einem hochfrequenten Zischen. Mercedes arbeitet noch an einem firmentypischen Elektrosound – wie immer der irgendwann klingen mag.

Wirklich erstaunlich auch die Hatz durch die Pylonengasse. Hyperagil wie ein Formel-1-Bolide lenkt der massige SLS ein. Die Erklärung? Wegen der vier Motoren kann die Kraft so auf die vier Räder verteilt werden, dass dieses Auto sich wie ein Allradler mit effizienter Allradlenkung bewegen lässt. So schmelzen die zwei Tonnen (davon 450 Kilogramm für die flüssigkeitsgekühlten Batterien aus Korea) in der perfekten Kraftverteilung sozusagen zusammen. Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Leider dauert das Ganze derzeit noch nicht allzu lange. Nach weniger als 200 Kilometern ist Schluss. Vorerst.

Denn wenn dieses Auto ab 2013 auf den Markt kommt, soll es eine Reichweite bieten, die 200 Kilometer deutlich überschreitet. Und mit Batterien aus deutscher Produktion. Ab 2012 kommen Batteriezellen aus dem sächsischen Kamenz, wo der Stuttgarter Autobauer Daimler mit dem Essener Mischkonzern Evonik derzeit ein Batteriewerk baut. Damit lassen sich Batteriekosten senken.

Mercedes-Technikern zufolge kann das Volumen derzeitiger Akkupacks in den kommenden zehn Jahren um 40 Prozent verringert werden und die Energiedichte um 30 Prozent wachsen. Reichweite ist jedoch nicht alles. Es geht auch um Alltagstauglichkeit und Langlebigkeit. Daimler peilt eine Haltbarkeit von zehn Jahren an. Mehr als 600 Patente zu batteriebetriebenen Fahrzeugen hat der Stuttgarter Autobauer bislang angemeldet; davon über 230 auf dem Gebiet der Lithium-Ionen-Technologie.

Doch was taugen Elektroautos des 21. Jahrhunderts, wenn die aktuelle Infrastruktur aus dem 19. Jahrhundert stammt? Eine neue Infrastruktur kostet extrem viel Geld, und im Moment kann keiner sagen, wer das bezahlen soll: Bis zu zwei Milliarden Euro für 400 000 „Strom-Tanksäulen“ bis 2020. Außerdem müsste die Energie möglichst aus erneuerbaren Quellen kommen, denn E-Autos fahren ja nur lokal emissionsfrei umher. Derzeit kommt der Saft für die Batterien nicht aus dem Ökohimmel, sondern zu einem großen Teil aus Atom- und Kohlekraftwerken – und setzt dort Emissionen frei. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik müssen nicht mehr gegen-, sondern miteinander handeln, um tragfähige Lösungen zu finden, Umweltbelastungen drastisch zu verringern.

In Zukunft kommen wir wahrscheinlich zu den Anfängen zurück: Der im weitesten Sinne erste Pkw war nämlich kein Benziner, sondern ein E-Auto! 1881 stellte der französische Ingenieur Gustave Trouvé ein elektrisches Dreirad vor, das 12 km/h langsam war. Erst fünf Jahre später erlebte der bekannte, ebenfalls dreirädrige Motorwagen von Carl Benz seine erste kurze Testfahrt. Elektro schlägt also Verbrenner – womöglich wiederholt sich das in der Zukunft.

Einer neuen EU-Mobilitäts-Studie zufolge sollen im Jahr 2050 mehr als 35 Prozent aller Autos mit Elektroantrieb fahren, ebenso viel mit einem Plug-in-Hybridantrieb ausgerüstet sein und 25 Prozent mit Brennstoffzelle unterwegs sein. Nur noch fünf Prozent der Fahrzeuge werden dann noch einen reinen Verbrennungsmotor unter der Haube haben: Beginnen wir, Abschied zu nehmen.

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