Auto : Jetzt fließt er wirklich, der Strom

Seit Jahren kündigt Opel den Ampera an: Jetzt kann man das Elektroauto mit ergänzendem Benzinmotor bestellen – so man Geduld hat

Neue Kombination.
Neue Kombination.Foto: dpa-tmn

Mit dem Aufbruch ins elektrische Zeitalter hat sich Opel viel vorgenommen und der Verkaufsstart scheint den Rüsselsheimern recht zu geben: Der Ampera ist seit dem Verkaufsstart vor einigen Wochen mehr als 5000 Mal bestellt worden. Opel preist ihn als „uneingeschränkt alltagstaugliches“ Elektroauto, mit dem es keine Abstriche in Sachen Reichweite und Fahrspaß gegenüber konventionell angetriebenen Autos geben soll. Dank T-förmig in der Bodengruppe verbauter 16 kWh Lithium-Ionen-Batterie und eines 111 kW/150 PS starken Elektromotors lassen sich mit ihm je nach „Gas“-Fuß und Strecke zwischen 40 und 80 Kilometer rein elektrisch zurücklegen.

Sind die Akkus mit ihrer Kraft am Ende, ist noch lange nicht Schluss mit dem Stromern. An ihre Stelle soll dann ein kleiner 1,4-Liter-Benziner als Range Extender in die Bresche springen. Anstatt der Batterie kann er den 4,50 Meter langen elektrischen Fünftürer über einen Generator mit Energie für mindestens weitere 420 Kilometer versorgen. So jedenfalls das Versprechen der Rüsselsheimer, dem wir auf den Grund gingen.

Die Elektro-Ausfahrt beginnt mit dem Druck auf den bläulich schimmernden „Power“-Knopf, den man eher an einem übergroßen Plasma-Fernseher als in einem Automobil vermuten würde. Begrüßt wird der Ampera-Pilot statt von Motorgebrummel der alten Schule von einem ziemlich futuristisch klingenden Hochfahrgeräusch. Ist das Startsignal ertönt, kann nach Herzenslust losgestromert werden. 61 Kilometer Reichweite verspricht das Batteriesymbol im Display am Start.

So futuristisch und kampfeslustig der Stromer einen aus seinen tiefgezogenen, in bumerangförmigen Gehäusen untergebrachten Scheinwerferaugen anblickt, so souverän und spritzig fährt er sich in der Stadt und auf der Autobahn. In rund neun Sekunden schiebt das Elektromodul den Rüsselsheimer souverän und weitgehend geräuschlos aus dem Stand auf Reisetempo 100 km/h. Die 370 Nm Drehmoment stehen elektroautotypisch vom Start weg zur Verfügung. So wird die Fahrt im bis zu 161 km/h schnellen Stromer zum leichtfüßigen Gleitflug durch das Land der Grachten. Auf einem Extra-Display über der Mittelkonsole kann man dem ausgeklügelten Antriebssystem bei der Arbeit zuschauen.

„Der Kunde soll sehen, was er tut“, so das Credo der Opelaner. Im Moment ist das vor allem etwas sehr Vernünftiges: Energie sparen. „Alles im grünen Bereich“, sagt die Anzeige. Symbolisiert wird dies von einem in voller „Blüte“ stehenden Ball im Armaturenbrett, der je nach Pedaleinsatz zwischen den Polen „Bremsen“ und „Beschleunigen“ pendelt. Befindet sich der Ball in zentraler Position ist Energie-technisch alles im Lot.

Wird es dagegen Herbst auf dem Display, macht der Fahrer etwas falsch. So soll der Ampera-Pilot auf spielerische Weise zum Energiesparen angeleitet werden. Was nach fragwürdigem pädagogischem Eifer klingt, funktioniert beim ersten Ausprobieren auf Anhieb prima. Denn es verführt auf charmante Weise zu schonendem Umgang mit den bordeigenen Energiereserven: Verliert der Ballon Blätter und wechselt seine Farbe von Grün zu Gelb, ist etwas faul an der eigenen Fahrweise. Dann geht der Ampera-Pilot entweder zu forsch zu Werke oder aber so stark in die Eisen, dass dem Auto keine Chance zum Energie sammeln lässt. Anstelle des Generators, der die Bremsenergie ins System zurückspeist, gehen dann die Scheibenbremsen zu Werke.

Aber nicht nur Energieströme gehen im Ampera auf Reisen, auch die Formen fließen: Optisch ist ein starkes Auto, das Opel auf die 17-Zoll-Räder gestellt hat. Allein durch das konsequent auf Stromlinie gebrachte Design und den Verzicht auf unnötige Ecken und Kanten haben Entwickler die Reichweite nach eigener Angabe 13 Kilometer verlängert. So viel Windschlüpfrigkeit geht jedoch auf Kosten der Bodenfreiheit. Beim Überqueren von Fahrbahnerhebungen, muss man selbst bei moderatem Tempo Acht geben, um nicht mit dem Unterboden aufzusetzen.

Zurück zum Antrieb. Nach exakt 70 Kilometern ist erstmal Schluss mit emissionsfrei. Still und leise ist das Symbol der Reichweitenanzeige von „Batterie“ auf „Zapfsäule“ umgesprungen. Wer überhaupt einen Unterschied zwischen den Betriebsarten feststellen will, muss jetzt schon arg die Ohren spitzen: Kaum hörbar ist der Verbrenner angesprungen. Der 86-PS-Benziner ist nicht ans Gaspedal gekoppelt, sondern dient allein dazu, den E-Motor mit Energie zu versorgen – ein sogenannter „Range Extender“. Auch in diesem Fahrmodus behält der Ampera daher seinen Charakter bei. Sanft und unbekümmert surrt er durch die Straßen. Soll es emissionsfrei weitergehen, muss der Ampera zum „Nachtanken“ ans Netz. Auf Knopfdruck öffnet sich der Tankdeckel und gibt den Zugang zur fummelfrei zu bedienenden Anschlussbuchse frei. Eine Komplett-Betankung an der heimischen 230 Volt-Steckdose dauert vier Stunden. Eine Schnellaufladung an der Ladestation ist im Opel-Konzept bewusst nicht vorgesehen, um die Lebensdauer der Batterie zu schonen.

Alles in allem fährt der Ampera wie ein gewöhnliches Mittelklasseauto mit Verbrennungsmotor, nur eben ohne Abgas. „Dieses Fahrzeug hat die Ambition, für jede Familie als Erstfahrzeug da zu sein“, sagt Opel-Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke voller Stolz. Bei der Fahrt in den Sommerurlaub muss sich die Familie allerdings mit kleinem Gepäck zufrieden geben. 301 Liter Stauraum und eine Zuladung von lediglich 268 Kilogramm stehen zur Verfügung.

Zu haben ist der elektrische Fahrspaß für vier Personen ab Herbst dieses Jahres für 42 900 Euro. Wie eingangs erwähnt, „liegen für den Ampera aus ganz Europa schon mehr als 5000 Bestellungen vor", so Opel-Manager Enno Fuchs. Für das Jahr 2011 ist er damit bereits heute schon ausverkauft. Wenn er denn dann mal auf dem eigenen Hof steht, bekommt der Kunde für sein Geld so viel alltagstaugliches und ausgereiftes Elektroauto wie aktuell wohl bei keinem anderen Wettbewerber auf dem deutschen Markt. mh

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