Jubiläum : Als die Jaguar laufen lernten

Die Briten feiern 75. Geburtstag – und da erinnert man gerne an das erste Modell, den schönen SS 100.

Kurvenstar. Es ist unbestritten wichtig und richtig, wenn wir heute viel über Fußgängerschutz und spritsparende Formgebung reden. Aber es tut beim bloßen Hinschauen auch gut, mal wieder ein Auto aus der guten, fernen Zeit zu sehen: Hier glänzt Jaguars Erstling von Sir Williams Lyons. Fotos: dpa
Kurvenstar. Es ist unbestritten wichtig und richtig, wenn wir heute viel über Fußgängerschutz und spritsparende Formgebung reden....Foto: dpa-tmn

2,2 Millionen Autos in 75 Jahren – unter den Luxusherstellern ist Jaguar angesichts von rund einer Million Audi, Mercedes oder BMW pro Jahr noch immer eine Nischenmarke. Doch gemessen an den Anfängen sind selbst Fahrzeuge wie die Luxuslimousine XJ oder der Sportwagen XK automobile Massenware. Denn als Sir William Lyons 1935 seinen ersten Jaguar gebaut hat, konnte er davon in fünf Jahren nur etwa 300 Exemplare auf die Räder stellen.

Doch auch wenn dieser SS 100 vielleicht nicht der erfolgreichste Sportwagen seiner Zeit gewesen ist, gilt er Fans und Sammlern mit seinem langen Bug, den weich geschwungenen Kotflügeln, den großen Speichenrädern und dem üppigen Chromschmuck noch heute als einer der schönsten. Das liegt an der Detailversessenheit von Firmengründer Lyons, der nicht nur Chefkaufmann, sondern auch Chefentwickler und eben auch Chefdesigner war. Und das mit Leib und Seele. So berichten Chronisten immer wieder von jenem Prototypen, den Lyons vor seinem Arbeitszimmer aufstellen und regelmäßig wenden ließ, nur um ihn aus jeder Perspektive und bei jedem Licht zu betrachten.

Aber nicht nur die Optik stimmt. Auch die Technik zeugt von Lyons’ Ambitionen. Unter der langen Haube sitzt zunächst ein 2,5 Liter großer Sechszylinder mit 76 kW/102 PS, der den Wagen auf 155 km/h bringt. Zwei Jahre später rüstet Lyons auf und baut einen 3,5 Liter ein. Die Leistung steigt auf immerhin schon 92 kW/125 PS und der Wagen erreicht eine für damalige Strecken atemberaubende Höchstgeschwindigkeit von 164 km/h.

Wenn Jaguar in diesem Jahr stolz seinen 75. Geburtstag feiert und den SS 100 dabei ins Rampenlicht rückt, ist das allerdings nicht die ganze Wahrheit. Denn die Wurzeln des britischen Unternehmens reichen zurück bis zur Swallow Sidecar Company von 1922. Nachdem Lyons dort fünf Jahre lang Seitenwagen für Motorräder gebaut hatte, fertigte er ab 1927 Karosserien für Fremdmodelle unter anderem von Austin, Morris oder Fiat. 1931 stellte er schließlich sein erstes eigenes Auto auf die Räder. Allerdings läuft dieses Modell noch unter der Firmenbezeichnung „S. S. Cars“, die er erst 1935 um den Zusatz „Jaguar“ ergänzt.

Die Autos, die Lyons vom Roadster bis zur Limousine in verschiedenen Varianten baut, sind zwar trotz der Wirtschaftsdepression sehr erfolgreich. Doch 1940 bereitet der Zweite Weltkrieg der Produktion ein jähes Ende – so auch der des SS 100 nach rund 300 Exemplaren. Statt mit dem Vorkriegsmodell starten die Briten 1948 mit einem Paukenschlag erneut durch und zeigen auf der London Motor Show den XK 120: einen Sportwagen, der im aktuellen XK noch immer weiterlebt. Nur das Typenkürzel SS ist nach dem Krieg aus verständlichen Gründen ersatzlos gestrichen worden.

War der Wagen beim Debüt 1935 vergleichsweise günstig und kostete mit 445 Pfund nur halb so viel wie ein vergleichbarer Rolls Royce, muss man heute tief in die Tasche greifen: „Selbst wenn Jaguars wie der C-Type noch deutlich teurer sind, muss man für den SS 100 in einem guten Zustand mittlerweile sicher 200 000 bis 400 000 Euro veranschlagen“, sagt Frank Gotthardt, der einen der wenigen in Deutschland zugelassenen Wagen besitzt. Sein Auto wurde als Werksrennwagen von Jaguar eingesetzt – und hat, wie sollte es anders sein, natürlich gewonnen. tmn

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