Kindersitz-Test : Mehr als die Hälfte ist gefährlich

Gebrochene Sitzflächen, gerissene Rückenlehnen und viel zu hohe Schadstoffbelastung: Der ADAC und die Stiftung Warentest haben stichprobenartig günstige Kindersitze getestet. Mit teils erschreckenden Ergebnissen. Fünf mal gab es beim Kindersitz-Test 2014 die Note "mangelhaft", nur einer der zehn Sitze bekam ein "gut".

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Der Belastung bei den Crashtests der Stiftung Warentest und des ADAC waren mehr als die Hälfte der günstigen Kindersitze im Test nicht gewachsen.
Der Belastung bei den Crashtests der Stiftung Warentest und des ADAC waren mehr als die Hälfte der günstigen Kindersitze im Test...Foto: ADAC

Das Budget ist klein, aber die Auswahl unübersichtlich – Der Kauf eines Kindersitzes stellt manche Eltern, die nicht eine hohe, dreistellige Summe ausgeben können oder wollen, oft vor Rätsel. Die Beschreibungen vieler Internethändler tun ihr übriges dazu. Die Suche nach einem sicheren, aber preiswerten Kindersitz ist kompliziert. Erschreckenderweise hapert es tatsächlich bei vielen günstigen Sitzen auch bei der Sicherheit, wie jetzt ein Kindersitz-Test des ADAC und der Stiftung Warentest zeigte. Mehr als die Hälfte der zehn getesteten Kindersitze fiel mit "mangelhaft" durch. Aber nicht nur bei den Crashtests waren die Ergebnisse verheerend. Vier Kindersitze fielen bei der Schadstoffprüfung durch.

Wer soll sich da auskennen? "Optimaler Seitenaufprallschutz" steht beispielsweise über den Kindersitz Tiggo Bebehut beim größten Internethändler Deutschlands auf der Website. "Zertifiziert nach der aktuellen Sicherheitsnorm ECE-R44/04." Hört sich gut an und der Sitz sieht auch ganz solide aus. Für 34,95 Euro kann man eigentlich nichts falsch machen, oder? Der Bebehut von Tiggo fiel jedoch beim jüngsten Kindersitz-Test des ADAC und der Stiftung Warentest komplett durch. Das Produkt versagte beim Seitencrash und sogar beim Frontaufprall mit 64 km/h. Eigentlich ein Standard, den jeder Kindersitz meistern sollte. Die Prüfer vom ADAC und der Stiftung Warentest bescheinigten dem Tiggo Bebehut hingegen ein hohes Verletzungsrisiko für beide Simulationen.

Kindersitze versagen beim Frontcrash

Positives Beispiel: Die Babyschale Nania Beone SP kam im Vergleich mit einem "gut" als Gesamtnote am besten weg.
Positives Beispiel: Die Babyschale Nania Beone SP kam im Vergleich mit einem "gut" als Gesamtnote am besten weg.Foto: ADAC

"Das darf heute nicht mehr passieren, das ist nicht Stand der Technik", sagt Andreas Ratzek, der Projektleiter Kindersitz-Tests beim ADAC. Der 40-Jährige prüft seit mehr als zehn Jahren Kindersitze für den Autoclub. Aber auch er war erschreckt über die schwachen Ergebnisse der meisten Produkte. In den vergangenen Jahren wurden oft hochpreisige Produkte mit günstigen zusammen getestet. Die Ergebnisse hierbei waren im Schnitt recht gut, nur selten fiel ein Produkt komplett durch, manchmal konnte auch ein günstiger Kindersitz im Tableau mit einem guten Ergebnis überraschen. Dieses Jahr nahm sich Ratzek und sein Team jedoch die günstigen Sitze vor.

Die mangelhafte Sicherheit beim Kindersitz-Test erstaunte auch den Fachmann: "Wir waren überrascht, dass Sitze beim Frontcrash mit 64 km/h tatsächlich komplett versagen." Auch für die Sicherheitsnorm ECE-R44/04 muss ein Kindersitz einen Crashtest überstehen. Allerdings wird für die Normprüfung der Crashtest nur mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h durchgeführt. Der Seitencrash ist gar kein Bestandteil der Zulassungsprüfung. "Die Norm ECE – R 44, die alle Produkte im Test erfüllten, regelt die Zulassung und ist aus unserer Sicht kein umfassender Nachweis für die Sicherheit", sagt Andreas Ratzek über die Unterschiede bei den Tests. Mit der höheren Geschwindigkeit sei man näher an der Realität von Unfällen dran, besonders auf Landstraßen, wo Autos mit höherer Geschwindigkeit unterwegs sind. Der Seitencrash mit 50 km/h ist hingegen für städtische Gebiete aussagekräftiger, da es dort besonders oft an Kreuzungen kracht.

Test zeigt: Kein Verlass auf Produktnamen bei Billig-Kindersitzen

Etikettenschwindel: Als IWH Trade Max Vario Max fiel dieser Sitz schon 2008 beim Kindersitztest durch. Nun wird er unverändert als United-Kids Alpha Deluxe weiter verkauft und bekam erneut ein "mangelhaft".
Etikettenschwindel: Als IWH Trade Max Vario Max fiel dieser Sitz schon 2008 beim Kindersitztest durch. Nun wird er unverändert als...Foto: ADAC

Leider können sich die Kunden auch nicht auf bestimmte Marken verlassen. Beispiel Kindersitze von Nania: Die Babyschale Nania Beone SP für Kinder bis etwa 18 Monate bekommt im Test ein „gut“ und empfiehlt sich auch in Sachen Sicherheit. Das Produkt Nania Safety Paris SP (9 bis 36 Kilogramm) hingegen fällt bei den Crashtests komplett durch. Beim Frontalaufprall zerbricht gar die Sitzfläche und das Kind wäre ungeschützt nach vorne geschleudert worden. Der Nania Starter SP (15 bis 36 Kilogramm) hält sich bei den Aufprallsimulationen mit einem "befriedigend" noch ganz wacker. Dafür bekommt er ein mangelhaft für die außergewöhnlich hohe Belastung mit Schadstoffen.

Ganz perfide treibt es ein anderer Hersteller von Kindersitzen: Der IWH Trade Max Vario Max fiel beim letzten Test 2008 mit "mangelhaft" durch. Der gleiche, völlig unveränderte Sitz steht nun als United-Kids Alpha Deluxe bei den Internethändlern in den virtuellen Regalen. Und wieder bekam er ein "mangelhaft" in Sachen Sicherheit und für eine zu hohe Schadstoffbelastung.

Für die Verbraucher sind solche Tricks nur schwer zu durchschauen. Der ADAC rät daher sich lieber im Fachhandel beraten zu lassen und statt dem Billigprodukt doch eher zu einem Vorjahresmodell zu greifen, dass sich bereits bei Tests bewährt hat. Aber es gibt auch günstige Kindersitze, die sich bei den Stichproben des Autoklubs bewährt haben. Der Nania Racer SP und der Fisher Price FP3000 etwa kamen in der Klasse von 9 bis 36 Kilogramm auf ein "befriedigend". Der Fisher Price FP4000 aus dem aktuellen Kindersitz-Test schaffte das in der Klasse von 15 bis 36 Kilogramm ebenfalls. Die drei getesteten Produkte von United Kids hingegen fiele alle bei den Crashtests durch.

Die Ergebnisse im Überblick (Anklicken für Großansicht).
Die Ergebnisse im Überblick (Anklicken für Großansicht).Grafik: ADAC

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