Klare Kante : Toyota Avensis: Noch einmal mit Gefühl

Toyota lebt nicht schlecht als Vernünftiger unter den Herstellern. Trotzdem soll der neue Avensis auch des Käufers Herz rühren.

Wolfgang Gomoll
Avensis
Auch wenn Toyota von emotionalerem Design spricht - direkt exzentrisch ist der Avensis nicht geraten. -Foto: Promo

Fangen wir diesen Text doch mal intellektuell an: Der rote Ariadnefaden, der Theseus den Weg aus dem Labyrinth des Minotaurus wies, ist ja seit über 4000 Jahren das metaphorische Sinnbild für Stringenz. So einen Faden gibt es bei Toyota auch. Allerdings nicht rot, sondern eher grau. Denn die Autos der Japaner haben nicht gerade den Ruf, emotional veranlagten Menschen die Freudenjauchzer über die Lippen zu treiben. Dafür haben sie andere Qualitäten: Sie sind zuverlässig, funktional und höchst solide. Was nicht gerade die schlechtesten Attribute für ein Fortbewegungsmittel sind, das einen einfach viele Jahre lang ohne zu murren dahin bringen soll, wo man hin will.

Und genau diese Werte haben die ersten beiden Avensis-Generationen zum Erfolg gemacht: Immerhin fand der Vorgänger rund 100 000 Abnehmer. Doch im Mittelklasse-Segment weht inzwischen ein rauerer Wind als noch vor wenigen Jahren. Die Absatzkurve ähnelt einer Rodelbahn – 2008 werden nur noch etwa 1,6 Millionen Autos in Westeuropa verkauft werden. Das ist zwar nicht wenig. Aber zum Vergleich: Vor drei Jahren waren es noch 1,725 Millionen. Und die Fahrt ins Tal wird wohl weitergehen. Im nächsten Jahr sollen noch einmal 127 000 Neuwagen weniger an den Mann gebracht werden.

Keine gute Zeit also für ambitionierte Ziele. Das stört Toyota allerdings wenig. „Der Avensis soll sich an die Spitze des Mittelklasse-Segments setzen“, gibt Takashi Yamamoto, der Chef-Entwickler des Avensis die Marschrichtung vor. Der Gipfelsturm soll durch eine Symbiose aus den traditionellen Werten erreicht werden – dazu möchte man den Neuen emotionaler wahrgenommen wissen als die Vorgänger.

Dazu hat man sich den Begriff „Vibrant Clarity“ ausgedacht. Das steht für „lebhafte Klarheit“ und soll die Formensprache des neuen Avensis beschreiben. Allerdings: Das Design des Toyota mag klar sein, auch aufregender als beim Vorgänger. Aber wirklich athletisch und emotional ist es nicht. Sorry Toyota, aber im Vergleich zu einem Audi A4 oder Alfa 159 wirkt vor allem die Front des Avensis weiterhin etwas bieder.

Bei der Silhouette wurden die A-Säule um elf Zentimeter nach vorne und die C-Säule um fünf Zentimeter nach hinten gerückt. Davon profitiert vor allem der Combi mit der abfallenden Dachlinie – was das „C“ zu bedeuten hat, das weiß außer den Toyota-Männern allerdings keiner. Auch die Form der Stufenheck-Variante hat jetzt mehr Verve. Ein Fließheck wird es nicht mehr geben. Das Sahnestück des Avensis ist aber das hintere Ende mit LED-Leuchten und einer knackigen kräftigen Schulter. Der Avensis ist gegenüber dem Vorgänger kaum gewachsen, was angesichts des generellen Trends zum Downsizing kein Nachteil sein muss.

Und, apropos Downsizing: Das findet sich auch bei den Motoren wieder. Bei den Benzinern setzen die Japaner auf eine erweiterte Steuerung der Ventile. Neben Ein und Auslasszeiten wird nun auch der Ventilhub ständig variiert, um die Luftzufuhr und damit die Verbrennung zu verbessern. Das Resultat sind höhere Leistungswerte bei konstantem Hubraum, geringerem Verbrauch und CO2-Ausstoß. Der 147-PS-Benziner mit 1,8-Liter Hubraum erfüllte die Erwartungen und machte durchaus einen fidelen Eindruck. Dagegen haben die 126 PS des Basis-Diesels mit dem 1580-Kilo-Kombi etwas Mühe.

Am meisten Spaß bereitet nach wie vor der 177-PS-Selbstzünder, auch wenn sein Temperament angesichts der Leistungsdaten gegenüber den Mitbewerbern etwas mäßig ist. Auch die Lenkung ist etwas indifferent. Sie fühlt sich ziemlich synthetisch an und gibt wenig Rückmeldung über den Straßenbelag. Normale Bodenunebenheiten bügelt das Fahrwerk souverän aus, nur bei kurzen, harten Schlägen ist ein leichtes Poltern zu vernehmen. Die Sitze sind bequem, aber geben wenig Seitenhalt. Das passt ins Bild. Der Avensis ist ein Auto, mit dem man ohne Probleme von Berlin bis nach Italien fährt, aber nicht unbedingt auf die Nordschleife.

Die Bambus-Struktur des Cockpits dürfte in Mailand allerdings kaum einen Mode-Designer vom Hocker reißen. Immerhin gehören die Hartplastik-Orgien der Vergangenheit beim Avensis der Vergangenheit an: Das Armaturenbrett gefällt mit weichen Oberflächen. Dass die Anordnung der Bedienelemente übersichtlich ist, gehört beim Toyota schon fast zum guten Ton. Aber da sind wir wieder beim eingangs erwähnten roten Faden. Alles funktioniert, aber der Schuss Pep, das Besondere fehlt. Sei es das sportlich leichte Design eines Alfa-Romeo-Cockpits oder das perfekte Finish des Audi-Interieurs.

Dafür legt Toyota bei der Ausstattung mächtig hin. Sieben Airbags, ESP, eine manuelle Klimaanlage und eine aktive Lenkung, die den Fahrer bei einer zu ambitionierten Kurvenfahrt mit einem korrigierenden Lenkimpuls unterstützt. In der Top-Ausstattung „TEC-Edition“ ist serienmäßig das potentiell unfallverhütende Pre-Crash-Safety-System enthalten, bestehend aus adaptivem Tempomaten, Spurhalte-Assistent und Spurwechsel-Warner. Für alle anderen Ausstattungsversionen gibt es das Paket allerdings nicht einmal gegen Aufpreis. Da ruft der Avensis dann doch noch Emotionen hervor. Allerdings keine positiven.

Knapp 23 000 Euro kostet der Einstieg

DIE AUSSTATTUNG

Beim Avensis bietet Toyota vier Ausstattungsvarianten an: Avensis, Sol, Executive und TEC Edition. Das Basismodell hat sieben Airbags, elektrische Parkbremse, ESP, manuelle Klimaanlage und einen 1.6-l-Motor. Als Limousine kostet es mindestens 22 700 Euro, als Kombi 23 700 Euro. Das sind bei der Limo 500 Euro weniger, als der 30 PS schwächere Einstiegs-Passat kostet, die Kombis trennen sogar 750 Euro.

DIE MOTOREN

Avensis-Freunde können zwischen drei Benzinern mit 132, 147 und 152 PS wählen. Alle erfüllen die Euro-4-Norm. Dazu kommen drei Diesel-Motoren mit 126, 150 und 177 PS, die bereits Euro 5 schaffen. Der Verbrauch der Benziner variiert zwischen 6,5 und 7,0 l/100 km. Bei den Diesel-Aggregaten reicht die Spanne von 5,4 bis zu 6,1 l/100 km. Der CO2-Ausstoß beträgt bei den Benzinern 153 bis 165 g/km, bei den Dieseln sind es 142 bis 163. Eine Start-Stopp-Automatik soll in naher Zukunft angeboten werden. gomo

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