Kleinwagen : Citroen C3: Sichtung und Wahrheit

Citroens neuer C3 bietet großes Kino – mit einer Panorama-Windschutzscheibe, die fast bis zur Mitte des Daches reicht Wer das gewisse Etwas bucht, fährt zwar keinen ganz billigen Kleinwagen mehr, sticht dafür aber Konkurrenten wie Polo und Fiesta aus.

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Der neue Citroen C3 -Foto: ddp

„Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenzen.“ Japanisches Sprichwort

Die fiktive Freiheit auf Französisch sieht so aus: Ein „petit voiture“ rollt zwischen Containern und Kai entlang. Der junge Schlaks im Karohemd am Steuer stoppt an einem Kran, die rothaarige Süße auf dem Beifahrersitz schiebt schon mal die grün getönte Sonnenbrille ins Haar. Kranseile an alle vier Räder, Anlauf nehmen, Gaspedal durchdrücken – los. „Tick, tick, booooom!“ Aus den Boxen dröhnt die schwedische Punkrockband The Hives. Das kleine Auto wird zur Riesenschaukel, schwingt rauf in die Luft. Und jetzt: Ganz oben flutet der Himmel das Cockpit. Wolken, Sonne zum Greifen nah über dieser Glaskuppel. Ein Blickwinkel von exakt 108 Grad über Kopf. Der Werbespot sagt: Schau mal, großes Kino im Auto! Kein Cabrio, sondern ein Stadtwägelchen mit einer bis zur Mitte des Daches durchgezogenen Panoramascheibe. Eine Designidee, so frech wie der Gag mit der Autoschaukel. Das vor allem macht den neuen C3 von Citroen aus. Sie nennen es „Visiodrive“. Und da ist echt was dran.

„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht den gleichen Horizont.“ Konrad Adenauer

Was der Alte aus Rhöndorf sprach, gilt im Doppelsinn für die Designer von Citroen: Sie planen mit Weitblick. Zum 90. Firmenjubiläum hübschen sie das Innovativ-Image des französischen Automobilherstellers weiter auf mit der Neuerfindung eines Bestsellers, einer netten Kopfgeburt. Ab Ende Januar steht die Fünftürer-Kugel in gestreckter Version beim Händler: weniger Ei, mehr Dynamik. Hübscher anzusehen, qualitativ hochwertiger verarbeitet, bestens geräuschgedämmt, mit einwandfreier Straßenlage – und für jeden, der 400 Euro drauflegt, mit Panoramablick durchs Glasdach. „Das Stubenküken ist erwachsener geworden“, findet Peter Weis, seit kurzem Deutschlandchef von Citroen. Schon die erste C3-Generation hatte sich in Europa zwei Millionen Mal verkauft, die zweite soll es nun Fiesta, Polo, Corsa und Clio zeigen. Das könnte klappen. Mit ihren B-Segment-Modellen, also den etwas größeren Kleinwagen von zirka vier Metern Länge (C3, Picasso, DS) wollen die Franzosen bis 2012 zehn Prozent Marktanteil schaffen. Eine kleine Klasse mit Schlüsselbedeutung, glauben die Macher, das „Anti-Krisen-Auto“. Ist was für junge Leute, was für Mami mit Kind, für die Kleinfamilie, vielleicht sogar für reisefreudige Rentner.

„Mehr Licht!“ Johann Wolfgang von Goethe (angeblich)

Der C3 ist immer noch rund und kuschelig, aber er hat straffere Linien und sieht hochwertiger aus. Mehr Chrom: am Fensterschacht, an den Türgriffen, am Fuß des Rückspiegels, der erstmals am Türblatt sitzt, an der Heckklappe, am Auspuff, an den Scheinwerferaugen mit silbernem Lidstrich, rund um den großen Kühler und im breiteren Logo, denn dem Doppelpfeil haben sie die Kanten genommen. Der mutierte Zwerg ist größer als sein Vorgänger: acht Zentimeter in der Länge gewachsen (3,94 Meter) und drei in der Breite (1,71 Meter). Das macht ihn keineswegs plump: 60 bis 80 Kilo Eigengewicht hat der Hersteller beim Neudesign angeblich gespart, weil er jedes Einzelteil geprüft hat.Der größte Schlankmacher für den C3 entzückt aber schon von draußen: 1350 Millimeter Frontscheibe, die sich bis in die Dachwölbung ziehen, von schmalen Holmen gehalten, progressiv getönt. Heißt: die keilförmigen 25 Zentimeter über den Köpfen der Insassen lassen Sonne nur widerwillig durch. „80 Prozent weniger Wärmestrahlung“, befinden die Konstrukteure. Erst im Blickfeld geht die Tönung in sanfte Transparenz über. Den sauberen Übergang von Glas zum festen Dach, technisch nicht einfach zu lösen, nennt der Hersteller eine „Pionierleistung“. Dass man im Falle eines Unfalls nicht zu spüren bekommt, dass sich zwischen Gesicht und der lichten Weite draußen doch ein Hindernis wölbt, soll neben Sicherheitsglas auch die Konstruktion selbst verhindern: Die Energie, verspricht der Hersteller, wird ins hintere Dach und in die Türen abgeleitet.

„Und die Sonne zieht über mich hinweg und der Mond und die Sterne ...“ Wawa der Waran in Urmel auf dem Eis.

Von drinnen ist die Kuppel noch schöner – auch, wenn man an klaren Tagen besser die Sonnenbrille dabei haben sollte. So viel Licht verträgt nicht jeder. Wenn der Planet richtig strahlt, greifen Ungeübte, Scheibentönung hin oder her, instinktiv nach oben/vorne auf der Suche nach der Sonnenblende. Da tappt die Hand am irritierend frei schwebenden Rückspiegel vorbei eine Weile an der Scheibe rum, ehe das Hirn funkt: Da ist nichts. Ist es doch. Ein Griff nach oben/hinten und Spielverderber können sich einen stufenlos verstellbaren Dachhimmel nach vorne ziehen, inklusive Sonnenblenden. Bloß: Dann ist der C3 ja einer wie alle. Und wer will das schon? Ach ja: Selbst Mitfahrer auf den Rücksitzen profitieren von der luftigen Bauweise. Hier fühlt man sich zu keinem Zeitpunkt eingesperrt, die großen Seitenfenster, ergänzt durch ein drittes, kleines und ein breiter Heck-Ausguck assistieren dabei. Den Panoramablick gibt es serienmäßig nur in der Exklusivausführung mit „Zenith“-Windschutzscheibe für unbescheidene 17 800 Euro für den Benziner (Diesel 18 800 Euro). In der mittleren Ausführung Tendance kann sie als Extra bestellt werden. Bei der Basisausstattung Advance fehlt das gewisse Etwas komplett. Das ist dann wie Wawa, der Waran, mit zugeklappter Muschel. Und deshalb rechnet Citroen auch damit, dass sich mindestens die Hälfte der Käufer für die 15 Kilo mehr Glas entscheidet.

„Fliegen lernt, wer aus allen Wolken fällt.“ Heinz-Rudolf Kunze

Einen zu verblüffen schafft der kleine C3 auch anderweitig. In mancher Hinsicht fühlt sich der Mini an wie ein Mittelklassewagen. Das Cockpit – verspielt, aber doch edel, ein bisschen Retro, ein wenig Hightech mit Navi. Das konkave Armaturenbrett und ein extrem nach vorne gerücktes Handschuhfach lassen jede Menge Kniefreiheit. Die Vordersitze – weit nach hinten zu schieben – sind bequem, bieten aber wenig Seitenhalt. Kein Krümmen beim Ein- und Aussteigen: Der kleine Franzose empfängt einen mit halbhoher Sitzposition.

Stauraum ist da: 13-Liter-Handschuhfach, Raum in der Mittelkonsole, Schublade unterm Beifahrersitz. Mit 300 Litern Fassungsvermögen im Kofferraum schlägt der C3 außerdem die deutsche, italienische und spanische Konkurrenz.

Das Fahrwerk ist klasse. Die breitere Spur, die veränderte Hinterachse lassen den C3 komfortabel auf der Straße liegen. Und die Federung schluckt Unebenheiten prima. Das Autochen lässt sich leicht lenken. ESP ist serienmäßig. Zum Maximum an Rundumblick gibt’s ein Minimum an Geräusch: Der neue C3 ist üppiger gedämmt als der alte, die Türdichtungen wurden verdoppelt, ab Tendance ist das Cockpit unterschäumt. Nichts knistert und klappert. Das macht Freude.

„Du musst nur langsam genug gehen, um immer in der Sonne zu bleiben“. Antoine de Saint-Exupery

Na gut, der Spruch aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ perlt am C3 schon wegen seines Panoramadaches ab. Und als Blindschleiche kann man ihn nicht gerade bezeichnen. Seine Motorisierung – alles andere als neu – gibt’s in vier Benziner-Varianten von 60 bis 120 PS, eine Kooperation mit der BMW-Group. Der schnellste schafft 190 Spitze, der Verbrauch liegt zwischen 5,9 und 6,1 Litern – da ist der C3 schlechter als der Polo. Erst im Sommer kommen die beiden 1,6-Liter-Diesel mit 93 PS (Verbrauch 3,8 Liter) beziehungsweise 112 PS. Auf den sollten Freunde des spritzigen Sprints warten: Der Diesel zieht seine Kreise trotz 1,4 Tonnen Gewicht viel flotter als selbst der 120-PS-Benziner.

Vom Zenith-Scheiben-Charme sind die Planer von Citroen offenbar selbst so begeistert, dass sie sich andere Trümpfe für den C3 vorerst gespart haben. Start- Stopp-Automatik gibt es erst im zweiten Halbjahr 2010, Automatikgetriebe sind noch gar nicht im Gespräch. Die nächste Generation Benziner mit drei Zylindern (70 bis 190 PS) und weniger als 100 Gramm CO2-Ausstoß kommt nicht vor 2011 auf den Markt. Vorher schafft die Euro-5-Norm nur der kleine Diesel.

Schließlich, man mag es ja kaum sagen: Wem Panoramascheiben schnurz sind, wer es noch luxuriöser und stylischer mag, sollte sich bis zum März gedulden. Da kommt der vornehmere DS3 – Citroens Konkurrenz zum Mini. Keine schlechten Aussichten.

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