Klimaschutz in der Luxusklasse : Lexus LS 600 h: Zwitter erster Klasse

Mit dem LS 600 h stellt Lexus den stärksten Hybriden vor, den es derzeit zu kaufen gibt. Für die Edelmarke Toyotas ist das ein weiterer Imagegewinn. Aber in der Oberklasse wird der Mischling eine Randerscheinung bleiben.

Stefan Weissenborn
Lexus LS600h 1
Der Lexus LS 600 h.Foto: Lexus

So geräuschlos der Wagen dank Elektromotor vom Fleck gleitet, so klammheimlich könnte Lexus mit dem neuen LS600h die Premiumklasse aufmischen – symbolisch zumindest. Denn die Edelsparte im Toyotakonzern stellt mit ihrem neuen Flaggschiff den ersten Hybrid-Pkw der Oberklasse vor. Der derzeit antriebsstärkste Wagen mit der Kombination aus Elektro- und Verbrennungsmotor hat die Serienreife erlangt und kommt im Spätsommer zu den deutschen Händlern. Zwei Ausführungen fahren vor: die 5,03 Meter lange Normalversion mit dem strafferen Fahrwerk und die als Option mit Massagesesseln aufrüstbare und damit (übrigens auch, was das Fahrwerk betrifft ) wesentlich komfortablere Langversion, die 12 Zentimeter mehr misst.

Trotz stolzgeschwellter Brust der Ingenieure – das verbaute Hybridaggregat ist das vorläufige Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung – bleiben die Japaner mit ihren Absatzerwartungen auf dem Teppich, vor den Platzhirschen wie dem Siebener von BMW, dem A8 oder der S-Klasse hat man Respekt. Takashi Urade, Geschäftsführer von Toyota Deutschland, spricht von einem „Erbe“ der anderen, das die noch junge Marke Lexus schlicht nicht vorweise. Dennoch tritt der Edel-Japaner im Premiumsegment erhobenen Hauptes an. Der Grund für das Selbstbewusstsein sind aber nicht die erwarteten 250 Zulassungen des „Mischlings“ in diesem Jahr. Lexus’ Trumpf ist ein gewisser „Vorsprung durch Technik“. Was Audi einst noch mit einem Werbeslogan für sich in Anspruch nahm, zelebriert Automobilgigant Toyota im Allgemeinen und die Marke Lexus im Besonderen derzeit bei der Hybrid-Technologie, die spätestens seit der CO2-Debatte auch in Deutschland trendy ist. In den USA fahren Celebreties schon lange Hybriden.

Dieser Tage vermeldeten die Japaner bei den weltweiten Verkaufszahlen von Hybrid-Fahrzeugen seit 1997, als der Prius als erstes Serienmodell eingeführt wurde, das Überschreiten der Eine-Million-Grenze. Ab 2010 wollen die Marken unter dem Toyota-Konzerndach sogar jährlich eine Million der alternativ angetriebenen Pkw absetzen, Lexus will in den kommenden Jahren in jedem Segment einen Hybriden im Angebot haben. Während die Entwicklung der Technologie bei anderen Herstellern von Oberklassemobilen in puncto Serienreife noch nicht so weit ist, fährt Lexus nun also mit dem kräftigen Hybriden in die Verkaufsräume der knapp 50 deutschen Händler. Nach dem SUV RX 400 h sowie der Limousine GS 450 h ist der 600er der dritte seiner Art im Praxisbetrieb. Grundpreis: 99 850 Euro. Die finanzkräftige Kundschaft erwartet ab 31. August mit der Elektro-Variante des vor einigen Monaten vorgestellten LS 460 ein weiteres hochkomplexes Auto.

Schauen wir unter die Motorhaube: Hier werkelt ein 5,0-Liter-V8-Aggregat in Kombination mit einem vergleichsweise bärenstarken Elektromotor (225 PS). Die erzeugte Kraft wird über ein stufenloses CVT-Getriebe permanent an alle vier Räder weitergegeben – im Normalfall 60 Prozent an die Hinterachse und 40 Prozent an die Vorderachse. Je nach Fahrbedingungen entscheidet sich das neu entwickelte Torsen-Verteilergetriebe für die Verhältnisse 50:50 beziehungsweise 30:70. Die Gesamtleistung wird mit 445 PS angegeben.

Nicht, dass der Benzinmotor nach Erreichen von rund 45 Stundenkilometern das Staffelholz schlicht übernehmen würde, nein, der Elektromotor kommt nach seiner tadellosen Vorarbeit beim Anfahren etwa bei Überholmanövern wieder kräftig zum Zuge. Eine Cockpit-Anzeige zum Energiemanagement versucht mit stets wechselnden Pfeilen, das temporäre Aufladen des Nickel-Metallhydrid-Akkus optisch begreiflich zu machen, ebenso wie die mal synchrone, mal abwechselnde Kraftentladung der beiden Motoren auf die Straße. Das grafische Wechselspiel ist so interessant, dass Vorsicht geboten ist – Ablenkungsgefahr!

Um die Tachonadel im Zwischenspurt von 80 auf 120 zu bewegen, benötigen die Maschinisten lediglich 4,3 Sekunden. Am eindrucksvollen Sprintverhalten hat der Elektromotor entscheidenden Anteil. Sein volles Drehmoment steht mit dem ersten Tritt aufs Gaspedal bereit. Nach 6,3 Sekunden passiert das 2,3-Tonnen-Luxus-Schiff die Marke von 100 km/h. Rein optisch grenzt sich der Neuling vom Konventionellen durch einen seitlichen, in der Auto-Öko-Farbe blau gehaltenen „hybri“-Schriftzug sowie die von Hand polierten Leichtmetallräder ab. Zudem leuchten erstmals in einem Pkw LED-Abblendscheinwerfer die Straße aus.

Die komplexe Auftreten setzt sich indes im Innenraum fort: Rund 90 Bedienknöpfe streuen sich scheinbar weitgehend ungeordnet über die Instrumententafel, die Bedienung von Radio, Navigationssystem, Stereoanlage und Klimasystem über das Touch-Screen nicht eingerechnet. Auch der Fondpassagier hat mit dem Studium der Funktionen jenseits des Cockpits zumindest in der Langversion erst einmal alle Hände voll zu tun. Auf ihn warten rund 40 Regler in Türen und Mittelkonsole, hinzu kommen noch einmal gut 20 auf den Fernbedienungen für DVD-System und Massagesitze. Bei einer Shiatsu-Massage kann sich Passagier dann erholen; der Entspannung stehen bei Tempo 250 kaum Windgeräusche entgegen, wohl aber der Adrenalinausstoß im Geschwindigkeitsrausch. Angesichts der Funktionsvielfalt wäre ein Einführungskurs angebracht oder „die Verbesserung bei der logischen Anordnung der Knöpfe“, wie ein Mitarbeiter einräumt.

Mit Logik kommt man beim Modephänomen Hybrid indes nicht sehr weit. Eher schon mit Interpretation. So rühmt sich Lexus, mit dem Flaggschiff einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Tatsächlich liegen die durchschnittlichen Verbrauchs- und damit die Emissionswerte der Konkurrenten im Premiumsegment weitaus höher. Andererseits: Die auf einer Testfahrt verbrauchten elf Liter auf 100 Kilometer sowie die Kohlendioxidemission von 219 Gramm je Kilometer können mit der Wahl eines anderen Autos um mehr als die Hälfte unterboten werden. Nun kann man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, Luxuskarossen nicht mit Wagen anderer Klassen. Wer dem Umweltaspekt jedoch wirklich oberste Priorität beimisst, der wird sich womöglich trotzdem mit einer Mittelklasse begnügen und dort zu einem Wagen mit konventionellem Antrieb. Etwa zum Passat Blue Motion (5,2 Liter/100 km; 137g CO2/km), der sich als Reisemobil ohnehin besser eignet, hat er doch den wesentlich größeren Laderaum. Dieser ist beim LS 600 h gegenüber dem reinen Benziner von gut 500 auf 340 Liter zusammengeschnurrt. Schuld ist die Platz raubende Batterie hinter der Rückbank.

Wer glaubt, Hybrid sei ein Allheilmittel, der irrt. Denn wie immer hängt alles am Gaspedal. Wer den Schlitten auf der Autobahn zügig fortbewegt – und dazu verleitet der 600er zumindest in der „Kurz“-Version aufgrund der adaptiven Stabilisatoren (Aufpreis: 2500 Euro), der macht den Hybrid-Effekt zunichte. Der wird am besten bei ständigem Fahren und Halten in der Stadt genutzt, die Stadt aber dürfte nicht das bevorzugte Revier des großen Lexus sein.

Ob der LS 600 h in der Oberklasse eine Chance hat, ist fraglich. Noch verhalten sich die Edelkunden zwischen Rhein und Oder konservativ – noch. Immerhin konnten die Japaner in Deutschland ihren Absatz in den vergangenen vier Jahren stets steigern, was sie dem „Vorteil in der Hybridtechnik“ zuschreiben.

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