Kraftprotz : Mercedes SLR McLaren: Die Faust im Nacken

Mehr als 600 PS, in weniger als vier Sekunden auf 100: Der Mercedes SLR McLaren Roadster kann einem Angst machen. Aber auch so viel Spaß.

Kai Kolwitz
Mercedes SLR McLaren
Ein Traum in Silber: Mit den Flügeltüren zeigt der SLR McLaren Roadster seine Extravaganz. -Foto: Promo

Pauch. Rrrauzzzz. Das war ein Versuch. Aber ein unzureichender. Denn es ist unmöglich zu beschreiben, wie das klingt, wenn man dem Motor des Mercedes SLR McLaren Roadster einen Gasstoß verpasst. Denn dann erwacht der kompressorgeladene 5,5-Liter-V8 aus seinem auch schon bösartigen, metallischen, leicht arhythmischen Leerlauf-Blubbern. Will man es dann wirklich wissen und drückt das Gas weiter durch, dann steigen immer weitere Instrumente ein und es ist, als ob ein klassisches Orchester Heavy Metal spielt: Das hohe Schreien des Kompressors mischt sich mit dem Brüllen aus den Sidepipes und allen möglichen weiteren mechanischen Geräuschen zu einer infernalischen Sinfonie, einem Sound, der Auto-Fans süchtig machen kann.

Allerdings ist die Droge kaum bezahlbar: Knapp eine halbe Million Euro verlangen Mercedes und McLaren für ihre High-End-Version eines Supersportwagens. Dafür gibt es ein freistehendes Einfamilienhaus in ziemlich guter Lage und selbst bei Ferrari- und Lamborghini-Käufern bilden sich Schweißperlen auf der Stirn. Eigentlich müsste man jeden SLR-McLaren-Käufer verpflichten, die gleiche Summe an ein humanitäres Projekt zu spenden, um die soziale Gerechtigkeit halbwegs wiederherzustellen.

Seit 2003 gibt es den Supersportler in einer Coupé-Version. Zur IAA hat man eine offene Variante nachgelegt, die Glückliche schon vorher ausprobieren durften. Beiden gemein ist die brachiale Leistung von 626 PS und 780 Newtonmetern Drehmoment, dazu ein Beschleunigungswert von null auf 100, der unterhalb von vier Sekunden liegt. Doch die Zahlen können nichts über das Gefühl aussagen, das entsteht, wenn der SLR McLaren Roadster Fahrt aufnimmt: Es ist, zusammen mit dem Sound, eine eiserne Faust im Nacken, Leistung im Übermaß, egal bei welchem Tempo, egal in welchen Gang und Automatikmodus. Die Beschleunigung ist so brachial, dass sie schon wieder den Spaß limitiert – denn nur ganz wenige Sekunden, dann muss man runter vom Gas, weil man sich längst in Geschwindigkeitsbereichen aufhält, die weit jenseits dessen liegen, was auf einer öffentlichen Straße noch irgendwie vertretbar ist. Also langsamer werden und nochmal von vorn. Das schwächste Element ist dabei eindeutig der Fahrer. Auch wenn sich der Wagen bei normalem Tempo so unkapriziös dirigieren lässt wie ein gebrauchter Golf: Die Maschine vermittelt einem stets das Gefühl, dass noch mehr ginge, dass es nur mehr Mut und Können erfordern würde, mit dem Kraftbrocken noch schneller unterwegs zu sein.

Der SLR McLaren ist ein Wagen, der gebaut wurde, weil es geht. Für die Konstruktion haben beide Partner Know-how eingebracht: Mercedes-Tochter AMG den brachial starken Motor und das Fahrwerk, Rennwagenschmiede McLaren den Umgang mit Kohlefaser, aus dem die hochfeste Fahrgastzelle besteht. Die Abstammung aus der Formel Eins stellt man deshalb auch gern heraus, allerdings ist das Layout ein anderes: Der Motor sitzt nicht hinter dem Fahrer, sondern zwischen Vorderachse und Armaturenbrett als sogenannter Frontmittelmotor und auch den zweiten Sitz des SLR sucht man in Lewis Hamiltons Auto vergebens. Dafür spielt das Design mit der längs mittig über die Haube gezogenen Erhebung auf die Königsklasse an. Andere Elemente zitieren eine Rennlegende aus der Vergangenheit, den 300 SLR, der gezähmt zum mondänen Flügeltürer der 50er wurde. Die seitlichen Lufteinlässe hat der SLR von ihm und, eben, die Flügeltüren, die der Neue im Unterschied zum Original auch in der offenen Version trägt.

Beim Einsteigen ist das Konzept zwar ungewohnt, aber völlig unproblematisch: Hand nach oben, leichter Zug, zu ist die Tür. Überhaupt: Rechtes Bein in den Fußraum, fallen lassen, gleichzeitig den linken Fuß nachziehen und das Auto sitzt wie ein Handschuh. Dabei haben wir noch nicht einmal das Vergnügen, wie echte Käufer mit einem individuell angepassten Sitz beehrt zu werden. Und selbst gut 200 Liter Kofferraum haben die Entwickler den Käufern des SLR McLaren Roadster zugestanden – abgesehen vom Preis spricht damit nichts dagegen, das Cabrio auch im Alltag einzusetzen. Und das ist es, was einen an dem Wagen schon fast irritieren kann: Der SLR ist so perfekt, so Mercedes, dass man sich fast schon nach den kleinen Unzulänglichkeiten eines handgemachten italienischen Supersportwagens sehnen kann.

Bis auf ein gar nicht so winziges Detail allerdings. Oder, wie es die Kollegen des britischen Große-Jungs-Automagazins Top Gear formuliert haben: „The Brakes is rubbish.“ So weit würden wir nicht gehen. Aber: In der Tat verraten die Bremsen dem Fahrer wenig darüber, wann sie gewillt sind, richtig herzhaft in die Keramik-Scheiben zu beißen. Mag sein, dass man das mit Erfahrung lösen kann, mag sein, dass sich das bessert, wenn sie richtig warm sind. Aber am Testtag schmälerte es doch die Möglichkeiten, vor Landstraßenkurven wirklich erst am ultimativen Bremspunkt aufs Pedal zu gehen – schließlich will man nicht derjenige sein, der Mercedes erklären muss, warum er gerade eine Ecke in das Eine-Million-Mark- Monument gefahren hat. Und überhaupt ist der SLR McLaren Roadster auch in engen Serpentinen natürlich perfekt, doch seine Faszination liegt schon eher im brachialen Rausch von Sound und Beschleunigung als im tänzelnden Einlenken auf der letzten Rille.

Trotzdem: Muss man den Wagen dann hergeben, dann ertappt man sich danach sehr oft dabei, wie man an das Erlebnis zurückdenkt, versucht, bei Youtube zumindest den Sound noch einmal wiederzufinden, durchrechnet, wie viele Banküberfälle es brauchen würde, bis man den Kaufpreis für den Roadster zusammenhat, oder welche Art Wirtschaftsverbrechen minimales Risiko mit maximalem Ertrag kombiniert. Der SLR McLaren Roadster ist ein Erlebnis, ein einzigartiger Wagen, schon ein Klassiker der Gegenwart. Keine Sinndebatte bitte. Heute nicht.

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