Land Rover Defender : Abschied von einem Original

Der Land Rover Defender geht endgültig in Rente. Ein Abschied der schwer fällt. Die letzte Fahrt mit einem Modell, dass es so nie wieder geben wird

Paul Mühlenweg
Der letzte Jahrgang. Technisch wurde der Defender immer wieder der Gesetzgebung angepasst. Bis es nicht mehr ging. Selbst bei einem neuen Modell Baujahr 2015 scheint jeder Zentimeter Blech eine Historie zu haben. Gewachsen aus der Erfahrung von Jahrzehnten. Moderne gibt es nur so viel, wie unbedingt sein muss.
Der letzte Jahrgang. Technisch wurde der Defender immer wieder der Gesetzgebung angepasst. Bis es nicht mehr ging. Selbst bei...Foto: P. Mühlenweg

68 Jahre! In der Autobranche ist eine solche Lebensdauer für ein Modell ein biblisches Alter. Ein Golf kommt gerade mal auf etwas mehr als vierzig Jahre und selbst Jeep hat kein Modell mit solch langer Historie. Als Land Rover den Abschied seines Ur-Modells bekannt gab, heulte die kleine, aber treue Fangemeinde auf. Ein Sakrileg, den einzig wahren Geländewagen, vielleicht neben dem Jeep Wrangler einfach so sterben zu lassen. Aber ein Grund sich nochmal auf Achse zu machen mit einem Auto, das aus einer völlig anderen Zeit stammt.

So steht der Landy nun vor mir, aktuellste, letzte Generation. Es ist ein Spurensuche, warum EU-Regularien dem Modell den Gar aus machen konnten. Eine Suche nach dem Grund, warum Land Rover so radikal den Umbruch mit dem Modell sucht, das nichts weniger als den Namen der Marke hervorgebracht hat. Den Namen Defender gibt es erst seit 1990, davor hieß der Brite aus Solihull schlicht Land Rover I, II und III.

Schon der Einstieg ist Kult, ein Trittbrett aus Stahl befördert mich in einen Sitz mit dem Komfort einer Achterbahn. Die Tür öffnet sich über die außen angeschlagenen Scharniere knarzend, das Blech ist förmlich spürbar. Selbst billigst zusammengeschusterte Karren aus ganz Fernost hören sich solider an. Hier arbeitet Metall gegen Metall, Blech schlägt auf Blech. Das ist nicht billig, das ist robust. Wahrscheinlich eines der Erfolgsheimnisse, warum der Ur-Landy noch so viele Freunde hat. Er ist eine ehrliche Haut, ein treuer Begleiter, man vertraut ihm.

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Aus für legendären Land Rover Defender
Aus für legendären Land Rover Defender

Was dann folgt ist eine Zeitreise mit einem Auto Baujahr 2015. Der Schalthebel zwischen den beiden Vordersitzen hat die Größe eines Polizeiknüppels, das kleine grüne Display den Informationsgehalt eines Bordcomputers von 1980. Ganz nebenbei ist diese Anzeige auch so ziemlich das einzig digitale, was sich in diesem Auto findet. Zwei klassische Rundinstrumente für Tacho und Drehzahlmesser, zwei halbrunde für Wassertemperatur und Füllstand des Tanks - Alles herrlich analog, herrlich vertrauenswürdig. Gut, das Radio hat noch eine LED-Anzeige. Aber der Defender stammt aus einer Zeit, als man Radios noch nachrüstete und die vom Hersteller überteuert und technisch rückständig waren.

Die Zeitreise zweiter Teil beginnt mit dem Anlassen des Motors. Der Defender schüttelt sich, das Lenkrad vibriert als der 2,2 Liter große Diesel beginnt seine Kolben kreisen zu lassen. 122 PS macht der Defender des letzten Jahrgangs daraus mobil. Das sind immerhin mehr als doppelt so viel wie der Ur-Land-Rover von 1948, der es auf 60 brachte. Mit den 360 Newtonmeter hat er gleich mehr als dreimal so viel Drehmoment wie der erste mit seinen 108. Ich drehe am Lenkrad im Stand. Mit heutigen Autos kein Problem, mit dem Defender ein Kraftakt. Servolenkung ist ein Fremdwort, reine Mechanik ist hier am Werk. 235er Reifen auf 16 Zoll großen Felgen zu bewegen ist eine Herausforderung an die Muskulatur. Das letzte Mal, dass ich ein Auto bewegt habe, dass sich im Stand fast nicht lenken ließ war wohl ein Mercedes-Transporter T1 Anfang der 1990er Jahre.

Ohne unnötigen Schnickschnack. Der Innenraum des Defender.
Ohne unnötigen Schnickschnack. Der Innenraum des Defender.Foto: P. Mühlenweg

Nichts zu tun mit sogenannten SUVs

Ich rumpele los durch den Berliner Stadtverkehr. Die Blattfedern hinten geben jede Bodenwelle fast ungefiltert in den Innenraum weiter. In engen Kurven kommt das Gefühl eines Busfahrers auf, der drei-, viermal das Lenkrad um die kompletten 360 Grad seines Wendekreises drehen muss, bis sich der gewünschte Radius eingestellt hat. Im Defender ist das Fahren noch Arbeit, sind noch Muskeln statt Feingefühl gefragt.

Draußen auf der Autobahn zeigt sich, warum der Defender so gar nichts mit diesen sogenannten SUVs zu tun hat. Beschwingt durch das Fahrwerk hüpfe ich bei 120 Stundenkilometer wie ein Teenager hinterm Lenkrad. Mehr möchte man mit diesem Briten gar nicht fahren, obwohl er es von der Motorleistung auch vielleicht auf 150 oder mehr bringen würde. Das Auto ist einfach nicht dafür gemacht. Und das in einer Zeit, in der es schon Kleinwagen wie der VW Up oder ein Sprinter von Mercedes auf 160 und mehr Spitze bringen.

Den Ausritt ins Gelände spare ich mir auf meiner Zeitreise. Dort muss sich dieses Auto ganz sicher nicht mehr beweisen! Meine Fahrt mit dem Defender macht auch so genug Spaß. Und die Spurensuche? Es gäbe wohl mindestens ein Dutzend Gründe, warum dieses Auto nicht mehr ohne weiteres auf den Stand der aktuellen Gesetzgebung zu bringen ist. Dennoch gibt es keinen einzigen Grund, der mir plausibel scheint so ein Auto nicht zu bauen. Eigentlich braucht es gerade in unserer Zeit der SUVs als Mama-Taxis genau solche Autos. Sei es nur um sich zu erinnern, wie besonders ein Automobil mal sein konnte.

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