Lieferroboter Starship : „Klauen würde ich ihn nicht“

Ein Roboter, der Pakete bringt, ist kein Science Fiction. Er könnte schon bald vor der Tür stehen. Der Lieferroboter Starship fährt bereits Feldversuche.

von
Liefert ohne Abholkarten zu hinterlassen: Das Starship ist die geerdete Alternative zur Drohne von Amazon. Weniger spektakulär vielleicht, aber dafür mit mehr Akzeptanz bei den Nachbarn. Die Erfinder sehen Deutschland als Schlüsselmarkt und wollen den kleinen Roboter hierzulande bald in Dienst stellen.
Liefert ohne Abholkarten zu hinterlassen: Das Starship ist die geerdete Alternative zur Drohne von Amazon. Weniger spektakulär...Foto: promo

Paketdienste und Versandhäuser wollen ihre Ware künftig mit Drohnen zu den Kunden bringen, Amazon fordert bereits eigene Flugkorridore über Großstädten. Die Technik ist im Wesentlichen vorhanden, ihr kommerzieller Einsatz aber vorerst fraglich und umstritten. Das estnisch-britische Unternehmen Starship Technologies – gegründet von Entwicklern des Online-Kommunikationsdienstes Skype – entwickelt die bodenständige Alternative: Einen Lieferroboter, der Pakete zu den Kunden fahren soll, wann es ihnen passt. Ein Automobil im Wortsinn also. Im Interview erklärt Firmengründer und Chefentwickler Ahti Heinla (43), wie das funktionieren soll.

Wann wird statt des dieselnden Lieferwagens vom Paketdienst das Starship mit den Weihnachtspäckchen vor meine Haustür gesummt kommen?

Mit den Prototypen sind wir bisher etwa 150 Kilometer in verschiedenen Gegenden der Welt gefahren. Nächstes Frühjahr starten wir die Testphase in England. Wir verhandeln auch schon mit einem großen Partner über das Pilotprojekt. Es ist allerdings noch etwas zu früh, um den Namen zu nennen.

Können wir uns also aufs Duell ihres Lieferroboters mit der Amazon-Drohne gefasst machen?

Wir werden die Ersten sein. Auch deshalb, weil die Leute die Drohnen nicht mögen werden. Schon gar nicht, wenn sie über ihren Garten fliegen, um den Nachbarn etwas zu bringen. Außerdem brauchen sie eine Menge Strom und sind potenziell gefährlich.

Gilt das nicht auch für ein selbstfahrendes Gerät, das zwischen den Fußgängern und Falschparkern über die Gehwege kurvt?

Nein. Unser Roboter bewegt sich kaum schneller als ein Fußgänger. Er beruht auf einem Hybridsystem: Meist fährt er autonom, aber in schwierigen Situationen wird er anhalten und einen menschlichen Fahrer in der Zentrale fragen, was zu tun ist. Oder er sucht sich selbst einen anderen Weg. Entscheidend ist ja nicht seine Route, sondern dass er ankommt. Außerdem ist er eher für Vorstädte gedacht als für hoch verdichtete Stadtzentren.

Er sieht allerdings nicht so aus, als würde er den Klingelknopf an der Haustür erreichen.

Er soll auch nicht reinkommen. Die Idee ist, dass Sie beispielsweise per App Bescheid geben, dass Sie in 20 Minuten zu Hause sind und ein Paket oder Einkäufe annehmen können. Dann startet der Roboter in der nächsten Filiale und meldet sich mit einer Nachricht oder per Anruf, wenn er bei Ihnen eintrifft. Sie müssen also nicht mehr stundenlang auf den Paketboten warten und können Ihre Lieferung auch spätabends kommen lassen.

Kann er mein Paket auch beim Nachbarn abgeben?

Dafür ist er nicht gedacht, zumal er zur gewünschten Zeit bei Ihnen ist. Er übernimmt ja nur die „letzte Meile“. Sie öffnen ihn dann über einen Code.

In Berlin würde ich nicht garantieren, dass er heil von seiner Tour zurückkommt.

Klauen würde ich ihn nicht, denn er hat Kameras, Lautsprecher, Mikrofone und ist ständig mit dem Internet verbunden. Er ist also nicht hilflos. Und Vandalismus kann zwar vorkommen, aber so sind die meisten Menschen nicht. Wenn doch etwas passiert, wäre das ein Verlust für den Betreiber, aber das gilt ebenso für jedes Auto. Und das wird statistisch doch höchstens alle paar Jahre mal beschädigt oder aufgebrochen.

Soll das „Starship“ überhaupt nach Deutschland kommen? Wir wissen ja bis heute noch nicht recht, ob Skateboard-Fahrer auf den Gehweg gehören.

Deutschland ist ein Schlüsselmarkt für uns, aber die Verkehrsregeln hier sind in der Tat ungünstig. Nicht inhaltlich, aber den Buchstaben des Gesetzes nach. Auch deshalb starten wir zuerst in England, wo lokale Verwaltungen das regeln können. In Österreich sind Kleinfahrzeuge auf Gehwegen sogar ganz regulär erlaubt. Und ein Skateboarder fährt womöglich rücksichtslos. Unser Roboter dagegen rast nicht und passt auf. Notfalls bleibt er einfach stehen. Lautsprecher und Mikrofone helfen ihm auch im sozialen Umfeld, das ein Gehweg ja nun mal ist.

Sind Sie schon in Kalifornien unterwegs, der Heimat der selbstfahrenden Google- Autos und anderer autonomer Testwagen?

Die Regeln dort sind ebenfalls ungünstig für uns. Aber das wird sich ändern. Meistens kommen erst die Fahrzeuge und dann werden die Regeln angepasst. So wie beim Segway. Der ist übrigens viel gefährlicher als unser Roboter, weil er schwerer und schneller ist. Für selbstfahrende Autos gilt das natürlich noch viel mehr. Die müssen wirklich unter allen Bedingungen perfekt funktionieren.

Auf wie viele „Starships“ sollen wir uns perspektivisch gefasst machen?

Bisher gibt es eine Handvoll Prototypen. Aber für den großflächigen Einsatz müssen es Tausende werden oder sogar Millionen, wenn wir beispielsweise den europäischen Markt abdecken wollen. Der Paketversand wäre dann viel billiger als in der heutigen Form. Und mit etwa 20 Watt Leistung brauchen unsere Roboter weniger Strom als die meisten Glühlampen.

Das Gespräch führte Stefan Jacobs.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben