LKW-Simulator von SiFaT Road Safety : Alarmfahrt auf Probe

Wenns im Sommer plötzlich schneit: Berliner Feuerwehrleute trainieren im LKW-Simulator – mit Blaulicht, Glatteis, spielenden Kindern und eigens angepasster Militär-Software.

David-Emanuel Digili
Detailgetreu: Das Cockpit ist baugleich mit dem eines Mercedes Actros. Die Simulation auf den Bildschirmen bietet ein 180-Grad-Sichtfeld.
Detailgetreu: Das Cockpit ist baugleich mit dem eines Mercedes Actros. Die Simulation auf den Bildschirmen bietet ein...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Schalthebel vibriert, das Lenkrad schlägt aus. Blaulicht flackert, Tatü-Tata dröhnt aus der Sirene. Vor der Windschutzscheibe: freie Bahn. „Gib ruhig mal ordentlich Gas“, sagt eine Stimme aus dem Hintergrund. Schon reißt es die Tacho-Nadel nach rechts, der Mercedes-Actros-Feuerwehrwagen wird voll gefordert, der Gegenverkehr fliegt nur so vorbei. „Sehr gut. Siehst du den Bus dort drüben? In den fährst du jetzt frontal rein! Ungebremst!“ Was? Mit sichtlich mulmigem Gefühl steuert der Fahrer seinen Laster direkt ins Cockpit des entgegenkommenden Reisebusses. Aus. „Na? Ein merkwürdiges Gefühl, oder?“, tönt es aus den Lautsprechern. Der Fahrer atmet tief durch.

Eine typische Übung im Lkw-Simulator „DriveSim mobile“ von SiFaT Road Safety. Die Berliner Feuerwehr lässt hier, im speziellen Blaulichtsimulator, regelmäßig ihre jungen Wehrleute den Ernstfall üben. Heute passiert das auf dem Gelände von Gullivers Fahrschule in der Mansfelder Straße in Wilmersdorf. „Das Steuern in den Gegenverkehr oder auch ein Hindernis am Straßenrand ist der letzte Test, der uns zeigt, dass der Fahrer voll bei der Sache war – hat er dabei kein merkwürdiges Gefühl im Bauch, ist etwas falsch gelaufen“, sagt Klaus Kroner, Operator am Simulator, der Mann, der den Feuerwehrleuten souffliert, was sie tun sollen. „Natürlich mag der eine oder andere im Vorfeld denken, bei einer Computersimulation nicht alles ernst nehmen zu müssen – aber schon nach wenigen Minuten am Steuer ist das vergessen. Am Ende zögern sie alle.“

80 Kilometer Autobahn zum Üben

Auch weil der aufwendige Simulator von SiFaT der wohl fortschrittlichste und realistischste auf dem Markt ist. Er steckt in einem Lkw-Auflieger, 7,80 Meter lang, 2,50 Meter breit und 3 Meter hoch, die Technik im Innern ist vom Allerfeinsten: „Die Kabine, das Bewegungssystem und der komplette Innenraum sind von uns entwickelt“, sagt Eckhart Müller, Krones Operator-Kollege, der sich auch um den Vertrieb kümmert. Ein aufwendiges Hydrauliksystem im Auflieger simuliert Bewegungen, Erschütterungen, Steigungen, leichte Neigungen und mehr. Die Fahrerkabine, in der der Proband sitzt, ist so echt, wie es überhaupt geht: Es ist eine originale Kabine aus dem Actros – dem meistverkauften Lkw-Modell in Deutschland. Über Hochleistungsbeamer wird die Simulation auf einer Leinwand abgebildet, 180 Grad beträgt das Sichtfeld.

Übung: Kroner (2. v. r.) und Müller begrüßen die Schüler der Berliner Feuerwehr am LKW-Simulator.
Übung: Kroner (2. v. r.) und Müller begrüßen die Schüler der Berliner Feuerwehr am LKW-Simulator.Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Das Computerprogramm kommt von RDE, Rheinmetall Defence, also aus dem militärischen Bereich, und wurde dann zivilisiert“, erklärt Müller. Soll heißen: Das Programm wurde eigentlich für Trainings von Soldaten entwickelt und dann für das Zivil-Lkw-Training angepasst: Die Karten für Landschaften und Straßen blieben bestehen, aber anstelle von Armeefahrzeugen wurden normale Lastwagen, Löschzüge und Autos einprogrammiert. Ausflüge ins Gelände sind in der SiFaT-Version nicht mehr möglich – schließlich sind Querfeldeinfahrten mit einem tonnenschweren Laster eher selten. Dafür stehen 80 Kilometer unterschiedliche Autobahnstrecke in den Programmen, auch 60 Kilometer Landstraße und große innerstädtische Bereiche.

Während der Trainingskandidat fährt, sitzt der Trainer hinter der Simulationskabine in der Steuerungszentrale. Er gibt über ein Mikrofon Anweisungen und hat über eine Kamera alles im Blick. Kroner beobachtet aufmerksam das Fahrverhalten der jungen Feuerwehrleute, gibt immer wieder leichte Anstöße, wenn die Nervosität zu groß wird. „Mach doch mal ein bisschen Tempo, es ist schließlich ein Notfall.“ Und dann direkt hinterher: Vollbremsung aus hoher Geschwindigkeit. Es fällt auf: Besonders unerfahrene Fahrer rasen oft bei Blaulicht mit Vollgas über rote Ampeln – in der Realität wäre das fatal. Denn trotz Sonder- und Wegerecht muss sich der Fahrer eines Einsatzfahrzeugs erst vergewissern, dass der Weg auch frei ist, kurz bremsen, überlegt steuern. Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis der schwere Feuerwehr-Lkw mit einem anderen Wagen kollidiert.

Stresssituation für den Fahrer

Varianten und Übungsmöglichkeiten gibt es viele im Simulator: So kann jeder Fahrlehrer aus dem Straßennetz seine eigenen Strecken zusammenstellen, die Kurse genau so legen, dass das passende Hindernis zur richtigen Zeit erscheint. T-Kreuzungen, Kreisverkehre, lange Geraden, scharfe Kurven und viele weitere Varianten sind möglich.

Kontrolle: Kroner gibt in der Schaltzentrale Anweisungen an den Fahrer, regelt dazu an den Bildschirmen Strecke und Witterungsbedingungen.
Kontrolle: Kroner gibt in der Schaltzentrale Anweisungen an den Fahrer, regelt dazu an den Bildschirmen Strecke und...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dazu können verschiedenste Extras einprogrammiert werden. Vom Gegenverkehr bis hin zu schwierigen Witterungsbedingungen. Tatsächlich ist bei simuliert eisglatter Fahrbahn gut zu merken, wie das Heck des Lasters verblüffend stark auszuschlagen scheint. Und manchmal gibt es im Container auch mal Blitzeis mitten im Hochsommer: „Wir können quasi jede beliebige Situation erzeugen“, erklärt Müller. „Bei Stadttouren legen wir das Augenmerk gerade auf Unwägbarkeiten, die verheerend enden können. Beispielsweise Kinder, die hinter einem parkenden Auto auf die Straße rennen.“

Für die Feuerwehr auch ein wichtiges Szenario: eine dreispurige Straße, auf der alle Spuren blockiert sind. Sollte es eigentlich so sein, dass die Wagen zügig Platz schaffen, warten im Simulator reichlich Gemeinheiten: Mal reagieren die Verkehrsteilnehmer kaum, dann wieder angenehm schnell und am Ende gar nicht mehr. Eine Stresssituation soll herbeigeführt werden, um den Fahrer zu testen. „Wir wollen, dass der Fahrer selbst eine Entscheidung trifft“, sagt Müller. Kein Ausweichen auf den Fußweg oder gar in den Gegenverkehr, der Fahrer soll lernen, wie er die Aufgabe lösen kann, ohne jemanden zu gefährden. Zum Beispiel, indem er Träumer mit der Lichthupe wach macht, bis die endlich zur Seite fahren.

Training: Die Berliner Feuerwehr organisiert regelmäßig Schulungen für ihren jungen Einsatzkräfte.
Training: Die Berliner Feuerwehr organisiert regelmäßig Schulungen für ihren jungen Einsatzkräfte.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Interesse von Fahrschulen, Polizei und Speditionen

Der Simulator erfreut sich großer Nachfrage, im ganzen Bundesgebiet. Kunden sind Fahrschulen, Polizei und Feuerwehr, Speditionen buchen Trainingsstunden, auch Organisationen wie die Dekra bieten eigene Trainings an. „Unser Vorteil ist die Mobilität“, sagt Müller. Der Simulator kann auf jedem Firmengelände parken, die Tagesmiete beträgt etwa 1500 Euro, je nach Aufwand und Gesamtlänge des Trainings.

Würde man den Simulator kaufen wollen, müsste man etwa 500 000 Euro dafür anlegen. Im Moment arbeitet man bei SiFaT übrigens an einem Simulator mit MAN-Cockpit, um auch Kunden mit solchen Fahrzeugen genau passend schulen zu können. Damit auch dort das Heck rutscht, das Lenkrad Schläge verteilt – und eine Stimme aus dem Hintergrund Hinweise gibt.

Löschfahrzeuge, LKWs, Rettungswagen und Boote

884 Fahrzeuge hat die Berliner Feuerwehr im Einsatz (Stand 2013). Davon sind 195 Löschfahrzeuge, 41 Lkw mit Drehleiter, 20 Rüst- und Gerätewagen, 158 Rettungswagen, 85 Einsatzleitfahrzeuge, 20 Mannschaftswagen und 35 Notarztautos.

Auch für spezielle Einsätze haben die Retter Fahrzeuge in ihrem Fundus – etwa ein „Stroke-Einsatz-Mobil“, das speziell für Hilfe bei Schlaganfällen ausgerüstet ist, sowie einen Wagen, in dem Patienten mit ansteckenden Krankheiten transportiert werden.

Und nicht nur zu Land sind die Berliner Brandschützer mobil: Auch auf 94 Feuerwehrboote können sie zurückgreifen, um Menschen in Not zu retten.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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