Logistik bei der MotoGP : Acht Lkws für vier Motorräder

Motorradrennfahrer wie Valentino Rossi oder Jorge Lorenzo sind umjubelte Stars. Damit sie ihre Runden in waghalsigem Tempo drehen können arbeiten im Hintergrund bis zu fünfzig Leute im Team von Yamaha Factory Racing. Ein Blick hinter die Kulissen bei der MotoGP auf dem Sachsenring.

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Die Motorräder spielen die Hauptrolle neben den Piloten. Im Bild eines der beiden Bikes von Valentino Rossi.
Die Motorräder spielen die Hauptrolle neben den Piloten. Im Bild eines der beiden Bikes von Valentino Rossi.Foto: Oliver Willms

Am vergangenen Wochenende gastierte die MotoGP, die Königsklasse des Motorradsports, auf dem Sachsenring. Die Fans sehen nur die Bikes von Superstar Valentino Rossi, Titelverteidiger Jorge Lorenzo oder auch Stefan Bradl in wahnwitziger Geschwindigkeit über die Rennstrecke fliegen. Damit aber zum freien Training am Freitag alles planmäßig am Start ist braucht es eine ausgeklügelte Logistik. Das Team von Yamaha Factory Racing beispielsweise reist mit insgesamt acht Lkws an.

"Eigentlich machen wir Logistik und nebenbei fahren wir auch noch Rennen", sagt Lin Jarvis auf die Frage, welche Bedeutung die Vielzahl an Lkws und Trailern hat, die das Yamaha Factory Racing Team dabei hat. So ganz ernst gemeint ist das natürlich nicht, denn in der Mannschaft mit fast 50 Mitgliedern brennen alle für Motorradsport. Das gilt für Lkw-Fahrer genauso wie für Mechaniker oder die Piloten selbst. Beim Gang durch die Box ist die Begeisterung förmlich greifbar. Für alle Beteiligten ist das hier ein Traumjob, den sie gegen keinen anderen auf der Welt eintauschen würden.

Mit 44 Containern ins Flugzeug

Was die Zuschauer am Wochenende zu sehen bekommen ist das Ergebnis harter Arbeit unter der Woche. Für die Lkw-Fahrer beginnt die bereits am Montag oder, je nach Distanz, am Dienstag der Rennwoche. Dann starten nämlich die Lkw aus Monza in Italien, wo das Team seine Basis hat, zu den diversen Rennstrecken in Europa. Elf der 18 Rennen finden auf unserem Kontinent statt. Die übrigen sieben teilen sich auf die USA, Katar, Japan, Australien und Malaysia auf.

Einer der acht Trucks des Yamaha Racing Teams beim Einparken auf dem Sachsenring. Hier zählt jeder Millimeter.
Einer der acht Trucks des Yamaha Racing Teams beim Einparken auf dem Sachsenring. Hier zählt jeder Millimeter.Foto: Oliver Willms

Zu diesen Rennen werden dann 44 Container mit den wichtigsten Elementen des modular aufgebauten Techniksystems per Jumbo-Jet eingeflogen. Dazu gehören natürlich die vier Motorräder der beiden Fahrer, aber auch die hoch spezialisierten Telemetriesysteme, die Motoren, die Ersatzteile und die Ausrüstung für die Fahrer. Die werden dann in ein Flugzeug verfrachtet und vor Ort geflogen. So wie jetzt nach dem Rennen auf dem Sachsenring am vergangenen Wochenende, nach dem es zunächst nach Laguna Seca und dann nach Indianapolis in den USA ging.

Der wichtigste Lkw hat aller vier Motorräder an Bord

Wenn die Lkw-Fahrer in der Rennwoche aufbrechen, dann haben sie in der Regel weite Strecken vor sich. Nur die italienischen Kurse von Misano und Mugello liegen vor der Haustür. Wenn es aber nach Jerez de la Frontiera geht, dann sitzen Paolo Giannotta und seine Kollegen mehr als 1000 Kilometer hinter dem Steuer ihrer Iveco-Trucks. Solche Distanzen sind nur mit viel Kaffee zu schaffen. Bei jeder Rast wird dann die obligatorische Espressomaschine angeworfen, die immer auf einem der Trucks mitfährt. Ehrensache für einen Italiener, der mit dem „Schwarzwasser“ im Ausland wenig anfangen kann. Und das ist nicht nur bei Yamaha so. Schließlich ist italienisch eine Art Amtssprache in der MotoGP. Mehr als ein Drittel der Mitarbeiter in der Rennklasse sind Italiener, bei Yamaha liegt die Quote sogar eher bei über zwei Drittel.

Der vierfache Weltmeister Valentino Rossi ist der Superstar beim MotoGP. Auch wenn er derzeit bei der WM nicht die Nase vorne hat.
Der vierfache Weltmeister Valentino Rossi ist der Superstar beim MotoGP. Auch wenn er derzeit bei der WM nicht die Nase vorne hat.Foto: Oliver Willms

Wenn die Trucks an der Rennstrecke ankommen wird erst mal sortiert. Drei der acht Lkws haben besonders wertvolle Fracht an Bord. In dem ersten Trailer befindet sich das technische Equipment für die vornehmlich japanischen Ingenieure des Teams. Die sitzen während der Trainings und den Rennen in ihrem Container und in der Box und versuchen das Optimum aus den 1000 Kubikzentimeter großen Motoren herauszuholen. Wie viel Pferdestärken die Boliden am Ende haben wird nicht verraten. Wir erfahren nur, dass inklusive Fahrer das Leistungsgewicht bei rund 1,4 PS pro Kilogramm liegt. Grob überschlagen kommen wir mit Kopfrechnen bei etwa 140 Kilogramm Leergewicht des Motorrads auf die wahnwitzige Zahl von 280 PS oder mehr. Kein Wunder, dass die Yamaha-Bikes theoretisch eine Spitzengeschwindigkeit von mindestens 350 Stundenkilometer erreichen würden.

Traumjob Lkw-Fahrer

Der zweite wichtige Truck befördert die Motoren für das Team. Pro Saison sind für jeden Fahrer nur sechs Motoren zugelassen. Damit müssen die beiden Piloten, Valentino Rossi und Jorge Lorenzo, alle Trainings und die 18 Rennen absolvieren. Zwei davon sind immer jeweils in die Maschine und die Ersatzmaschine eingebaut. Die übrigen befinden sich im Truck zur Wartung und Aufbereitung.

Das Allerheiligste des Yamaha Racing Teams, die Box. Hier stehen die beiden Motorräder von Rossi. Eine ist hart abgestimmt, die andere etwas weicher.
Das Allerheiligste des Yamaha Racing Teams, die Box. Hier stehen die beiden Motorräder von Rossi. Eine ist hart abgestimmt, die...Foto: Oliver Willms

Der dritte Truck schließlich befördert die wertvollste Fracht, die vier Motorräder. Lin Jarvis beziffert den Wert eines der Prototypen auf etwa 2,14 Millionen Euro. Gigantische Werte, die Cheffahrer Paolo Giannotta da befördert. Der 43-Jährige ist als Quereinsteiger zu seinem Traumjob als Lkw-Fahrer beim Yamaha-Team gekommen. In Monza hatte sich vor Jahren ein Lkw samt Trailer so verfahren, dass er zwischen zwei Gebäuden fast verkeilt war und niemand es schaffte den Truck wieder freizufahren. Berufskraftfahrer Giannotta setzte sich kurzerhand hinters Steuer und zirkelte den Koloss in zwei Züge aus der misslichen Lage heraus. Im Anschluss bekam er direkt einen Job im Team von Yamaha Factory Racing.

Iveco-Trucks fast unterfordert

Er und seine Kollegen Leonardo Gena (51) und Marco Meregalli (33) fahren die wichtigste Fracht, denn ohne Technik, Motoren und vor allem Motorräder findet kein Rennen statt. Aber es gibt noch weitere Lkws, die zum Beispiel die beiden Trailer für die Stars Valentino Rossi und Jorge Lorenzo transportieren, zwei, die das Motorhome ins Fahrerlager an die Strecke bringen und schließlich noch einer für das Merchandising des Teams. Acht Lkws vom Typ Stralis Hi-Way stellt der Sponsor Iveco dem Team. Überlastet sind die Trucks mit ihren 560 PS aus 13 Liter Hubraum sicherlich nicht. Lediglich etwa 11,5 Tonnen sind pro Lkw zu ziehen. Für Maschinen, die mit 2500 Newtonmeter Drehmoment auf 40 Tonnen ausgelegt sind ist das fast ein Kinderspiel.

Schon am Sonntag direkt nach dem Rennen wird wieder abgebaut. Die Fahrer, die auch zahlreiche andere Aufgaben im Team haben, haben wenig Zeit zu feiern. Alles, was vor dem Wochenende auf den Zentimeter genau einrangiert und dann ausgepackt wurde, muss jetzt wieder transportsicher gemacht und verladen werden. So muss am Sonntag auch Leonardo Gena am Sachsenring nachmittags wieder mit anpacken. Danach geht es aber für ihn für zwei Wochen nach Hause zur Familie.

Am 25. August findet im tschechischen Brünn das nächste Europa-Rennen statt. Eine kleine Pause im engen Terminkalender des Yamaha Racing Teams. Von März bis September ist die Mannschaft fast durchgehend unterwegs. Zudem wird über Winter immer wieder getestet. Wenig Zeit für die Lkw-Fahrer zu Hause die Beine hochzulegen. Für sein privates Motorrad, eine BMW GS 1150, hat Paolo Giannotto daher auch wenig Zeit. Beklagt hat er sich deshalb aber noch nie. Seit bald 20 Jahren ist er dabei und er hat es noch keinen Tag bereut. Wen der Rennzirkus einmal angesteckt hat, den lässt er so schnell nicht mehr los.

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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