Auto : M, einfach nur M

In ein paar Monaten kommt er komplett neu: Ein erster Blick auf den rundlichen Mercedes-SUV

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Volljährig. Vor 18 Jahren gab das Ur-Modell des M sein Debüt. Bald kommt die nächste Generation: vorne mit gewollten Anleihen an die C-Klasse, hinten mit ungewollten Ähnlichkeiten zu koreanischen SUV.
Volljährig. Vor 18 Jahren gab das Ur-Modell des M sein Debüt. Bald kommt die nächste Generation: vorne mit gewollten Anleihen an...

Dieser Folterknecht kennt keine Gnade. Stoisch verrichtet er sein brutales Werk. Ab und zu braucht der Geschundene eine Pause. Die Luftfederelemente müssen abkühlen, um die Messwerte nicht zu verfälschen. Wir befinden uns nicht im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Anlässlich der Weltpremiere der neuen M-Klasse hat uns Mercedes in sein Allerheiligstes gelassen – ins Forschungs- und Entwicklungszentrum Sindelfingen.

Der Folterknecht nennt sich Straßensimulationsprüfstand (SSP). Es ist einer von dreien, auf dem unter anderem die Radaufhängungen der neuen M-Klasse härtesten Belastungen ausgesetzt wurden. So würde sie kein Mensch schinden, wie es die Maschine tut. Hier wird in nur vier Wochen „ein ganzes Autoleben abgefahren“. Unter realen Testbedingungen würde das ein halbes Jahr dauern. Den virtuellen Tests folgen weltweite Erprobungsfahrten. Sieben Millionen Testkilometer wurden seit Juni 2007 in Namibia, Südafrika und im Eis abgespult. Chefentwickler Dr. Uwe Ernstberger: „Das Fahrwerk hält mehr aus als der Fahrer.“ Der Fahrer? 47 Prozent der ML-Fahrer sind Frauen! Deren Fahrten gehen in aller Regel zum Kindergarten und zum Yogastudio. Frauen schätzen die hohe Sitzposition, den leichten Einstieg, die Geborgenheit, aber keine Geländetouren.

Doch im Lastenheft für den neuen ML stand nun mal: Klotzen in allen Bereichen! Um die Besten zu werden, wie Mercedes sagt. Um scheinbar Unvereinbares zu vereinen: sparen und spurten. Um die weitere Existenz dieser Eisenschweine zu rechtfertigen, die nun mal den meisten Profit bringen. Es entscheide der Kunde, heißt es in Stuttgart, und man lässt dazu die Zahlen sprechen: 2010 wurden hierzulande erstmals über 300 000 dieser SUV zugelassen; vor zehn Jahren lag die Zahl nur bei 30 000. Noch Fragen? Also wurde an fast allen Fronten aufgerüstet.

Aus der S-Klasse wurden in die M zahlreiche Fahrerassistenzsysteme übernommen; vom Müdigkeitswarner (Serie) über Spurhalteassistent und Totwinkel-Assistent bis zum Nachtsichtassistenten mit Personenerkennung. Auch beim Fahrwerk wurde alles reingepackt, was gut und teuer ist. Schließlich soll der neue ML so fesch um die Kurven fahren wie die Konkurrenz von BMW und Porsche. So besitzt das serienmäßige Stahlfederfahrwerk erstmals variable Dämpfer, die je nach Fahrbahnzustand reagieren. Wer indes künftig mehr Spaß bei der Kurvenhatz haben will, muss einen heftigen Vergnügungszuschlag zahlen. Denn die aktive Wankstabilisierung, die es ebenfalls erstmalig in einer M-Klasse gibt, ist an die aufpreispflichtige Luftfederung Airmatic gebunden. Macht zusammen ein paar tausend Euro.

Auch das On-&-Offroad-Paket, das neben einem Automatik-Programm zwei spezielle Offroad- und drei Straßenmodi enthält, kostet extra. Dafür darf dann der ML-Fahrer mit dem Drehknopf fleißig das passende Programm für die jeweilige Fahrsituation einstellen. Den Rest erledigt die Elektronik. Einstellen darf er sich aber auf jeden Fall auf neue Motoren, die wirklich die Quadratur des Kreises beherrschen: mehr Bumms, weniger Durst. Die drei Motoren, zwei Diesel und ein Benziner, verbrauchen gegenüber ihren Vorgängern bis zu einem Drittel weniger Kraftstoff. Es gibt sie ausnahmslos mit Siebengangautomatik und Start-Stopp-System: ML 350 mit 306-PS-Benziner. Verbrauch: 8,5 Liter (Vorgänger 11,4 Liter, nur 272 PS). ML 350 mit 258-PS-Diesel. Verbrauch: 6,8 Liter (Vorgänger 8,9 Liter, nur 231 PS). Am deutlichsten wird die neue Antriebsqualität jedoch beim ML 250 mit 204-PS-Diesel. Es ist der erste Vierzylinder unter der Haube einer M-Klasse. Er ist um 28 Prozent sparsamer als der Vorgänger, ein Sechszylinder-Diesel mit gleicher Leistung. Der neue Vierer braucht nur noch glatt sechs Liter. Damit ist der ML 250 BlueTEC 4Matic das sparsamste SUV seiner Klasse.

All die feine Technik ist jedoch nicht leicht. Allein der nun serienmäßige zusätzliche Stickoxid-Katalysator mit dem 30-Liter-Tank für die Adblue-Harnstofflösung wiegt 40 Kilogramm extra. Doch nur so sind beide Dieselmotoren bereits heute Euro-6-tauglich. Kein Wunder also, dass der neue ML ein schwerer Junge geworden ist: 2,1 Tonnen Leergewicht. Zum Vergleich: Der neue VW Touareg hat gut 200 Kilogramm abgespeckt und wiegt nun 1,9 Tonnen. Dafür ist die neue M-Klasse das SUV mit dem geringsten Luftwiderstand (0,32). Dafür sorgen unter anderem vordere Radspoiler, eine Kühlerumfeldabdichtung mit regelbarer Lüfterjalousie sowie spezielle Außenspiegelgehäuse.

Nun Tür auf: Innen erwartet uns eine Optik, die man bislang so von Mercedes noch nicht kannte. Das Armaturenbrett hat sich zu einer klassisch schönen Landschaft entfaltet, auf die man gern sieht und deren Material man gern anfasst. Audi-Entwickler werden das nicht gern sehen. Ach ja, und eines fällt auch auf: Für Mercedes-Verhältnisse fand eine Revolution statt. Der überladene Multifunktionshebel links hinter dem Lenkrad (der ist so heilig wie der Stern!) tauschte mit dem Hebel für den Tempomat den Platz und wanderte nach oben. Dort ist er jetzt wenigstens einsehbar. Alte ML-Kunden werden sich wohl auf einen Umstellungsprozess einrichten müssen.

Im Fond allerdings macht sich Ernüchterung breit. Das Gestühl scheint vorrangig für die wichtige neue Klientel in China gemacht worden zu sein. Projektleiter Wolfgang Schneck bestätigt auf Anfrage unsere Vermutung: Die Bank ist einen Zentimeter tiefer und die Sitztiefe einen Zentimeter geringer als beim Vorgänger. Großen Europäern dürfte diese Entwicklung gar nicht gefallen. Frauen hingegen dürfte das egal sein; Kindersitze passen auch so locker hinten rein.

Ob mit oder ohne werden sich manche über diese Neuerung freuen: Der aktive Park-Assistent steuert das Schiff automatisch in die Parklücke. Frau oder Mann muss nur noch Gas geben und bremsen. Kaum zu bremsen sein werden die Preise für die neue ML-Klasse, wenn sie im November auf den Markt kommt. Für das Einstiegsmodell mit dem neuen Basisdiesel, den ML 250 BlueTEC 4Matic, sollten gut 55 000 Euro eingeplant werden. Und nach oben sind die Preise, wie von Mercedes gewohnt, ja ohnehin offen.

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