Auto : Man fährt deutsch

Der 508 soll an Peugeots glorreiche Zeiten anknüpfen – mit Tugenden, die bei einem Franzosen eher überraschen

Reiner Friedrich

Der erste Eindruck ist prägend: So deutsch wie der 508 war noch kein Franzose zuvor! Auch VW-Chef Martin Winterkorn hätte an diesem Peugeot seine Freude, klebte vorn ein VW-Emblem statt des Löwensymbols. Der 508 ist kein überzeichnetes Auto mehr mit Grimassenmund und weit aufgerissenen Augen. Die schlichte Eleganz steht ihm gut.

Erstmals haben die Franzosen bei ihm deutsche Tugenden ins Spiel gebracht. Eine Verarbeitungsqualität, wie man sie von Peugeot bislang nicht kannte. Sorgsam ausgewählte Materialien statt aufgesetzt wirkendem Glamour. Dazu gut geformte Sitze mit „deutscher“ Polsterung, in den höheren Ausstattungen mit ausziehbarer Oberschenkelauflage – erstmals bei Peugeot. Bei der aufgeräumten Armaturentafel stand wohl der VW Passat direkt Pate. Sei es drum. Die Arbeitsposition passt sofort, man fühlt sich wohl an Bord, vermisst aber die praktischen Ablagen des Deutschen. Und wenn die Sonne schräg von hinten scheint, wird das Display für Navi, Bordcomputer und Radio blind.

Deutsch gibt sich dieser Franzose auch beim Fahren: statt sänftenartig wiegend nun verbindlich straff, aber keineswegs hart. Vorsicht vor den schicken 18-Zoll-Rädern; die bringen Unruhe in den Aufbau. Für Souveränität beim Fahren sorgen das gut abgestimmte Fahrwerk und die ausreichend präzise elektrohydraulische Lenkung. Der 508 mag allerdings mehr das gediegene Reisen als das flotte Rasen; da schiebt der 1,6-Tonner ungebührlich quietschend über die angetriebenen Vorderräder nach außen.

Eher zum komfortablen Reisen eignen sich auch die Motoren, bei denen eine Überraschung auf uns wartet. Gerade der stärkste Diesel mit 204 PS und einem maximalen Drehmoment von 450 Newtonmetern enttäuscht (Limousine ab 37 650 Euro; Kombi SW ab 39 100 Euro). Zu viel Leistung versickert im Wandler der träge reagierenden serienmäßigen Sechsgangautomatik vom japanischen Hersteller Aisin. Besser schlägt sich der bekannte 140-PS-Diesel (Limousine ab 27 150 Euro; Kombi SW ab 28 600 Euro). Doch für die eigentliche Überraschung sorgt der 112-PS-Selbstzünder (Limousine ab 23 950 Euro; Kombi SW ab 25 000 Euro). Das moderne Vollaluminium-Triebwerk entpuppt sich als putzmuntere Antriebsquelle, die subjektiv sogar spritziger wirkt als das schwere 140-PS-Grauguß-Aggregat. Unser Geheimtipp: Der 112-PS-Diesel als Sparversion mit Start-Stopp-Einrichtung und automatisiertem Schaltgetriebe (Limousine ab 24 950 Euro; Kombi SW ab 26 000 Euro).

Halt, nicht gleich aufschreien. Dieses völlig überarbeitete Getriebe offenbart nur noch einen ganz kleinen Wackel-Dackel-Effekt beim Schalten, mit dem man leben kann. Im Sport-Modus funktioniert es anstandslos; und die serienmäßige Start-Stopp-Automatik zählt zum Besten, was man derzeit kaufen kann. Seidenweich schaltet sie den Diesel ab, wenn das Auto langsamer als acht km/h fährt. Und ruckfrei springt der Motor wieder an. Das Ganze funktioniert sogar bis minus sechs Grad. 4,4 Liter soll dieser 508 verbrauchen; ab Sommer sogar nur noch 4,2 Liter durch eine Optimierung der automatischen Luftklappensteuerung. Wir reden hier von einer ausgewachsenen Limousine, die Tempo 197 fährt und VW Passat-Format hat.

Gretchenfrage: Limousine oder Kombi? Ordentlich Platz haben beide; dank des mit 2,82 Meter riesigen Radstandes für diese Klasse. 80 Prozent werden sich hierzulande für den 1450 Euro teureren SW entscheiden, meint Peugeot. Wir würden es auch. Dafür spricht nicht zuletzt das variablere Gepäckabteil (560 bis 1598 Liter Volumen). Und das schlaue Umklappsystem: Hebel im Kofferraum ziehen, und die Lehnen legen sich automatisch flach; der Ladeboden ist vorbildlich eben.

Peugeot bietet vier Ausstattungsniveaus an: Access, Acitve, Allure und GT. Active ist der beste Kompromiss. Zum Vergleich: Der große Peugeot 508 Active 155 mit sonor klingendem durchzugskräftigen und recht sparsamen 156-PS-Turbobenziner aus der Kooperation mit BMW (224 km/h, 8,6 Sekunden von Null bis Tempo 100, 6,4 Liter Super) kostet nicht mehr als ein vergleichbarer, aber viel kleinerer VW Golf mit 160 PS!

Wer jedoch elektronische Gimmicks erwartet, wie sie VW im überarbeiteten VW Passat anbietet (vom Radarabstandstempomat über den Spurverlassensassistent bis zum Tote-Winkel-Warner, wird beim neuen Peugeot 508 enttäuscht. Gibt es nicht. Wir meinen: Pfeifen Sie auf noch so raffinierte Fahrerassistenzsysteme, die letztlich richtig ins Geld gehen und mit ihrem Gepiepse teilweise nerven. Machen Sie es wie Peugeot mit dem neuen 508: Konzentrieren Sie sich aufs Wesentliche: ehrliches handgemachtes Fahren, mit hohem Geräusch- und gutem Federungskomfort. So bekommt man beim 508 Oberklasse-Raum zum Kompaktklasse-Preis. Los geht es mit 120-PS-Benziner und automatisiertem Schaltgetriebe schon bei 23 050 Euro.

Die Franzosen finden gerade zur alten Stärke zurück, für die Peugeots in den goldenen 60er und 70er Jahren mit den legendären Modellen 404 und 504 mal standen: anspruchslose, aber zuverlässige und alltagstaugliche Autos mit schlichter Eleganz anzubieten, mit denen man sich sehen lassen kann. Wenn das kein tragfähiger Neuanfang in der großen Klasse ist. Und 2012 folgt dann auch das technische Highlight. Der erste Dieselhybrid; insgesamt 200 PS stark, mit elektrisch angetriebener Hinterachse, und einem Verbrauch von „deutlich unter vier Litern Diesel“.

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