Auto : Marke Kraftmeier

Warum Mercedes, Audi und BMW jetzt auch ihre kompakten Modelle werkstunen

Foto: dpa-tmn

Sportwagen mit Spitzentempo jenseits der 300 km/h, Geländewagen mit weit mehr als 500 PS, Limousinen ab 200 000 Euro aufwärts: Bislang galt für die Werkstuner der Premiumhersteller vor allem das Motto „schneller, stärker, teurer“. Jetzt setzt bei Unternehmen wie der BMW-Tuningfirma M, dem Audi-Ableger Quattro und der sportlichen Mercedes-Tochter AMG offenbar ein Umdenken ein: Sie haben kleinere Fahrzeuge für sich entdeckt. Mit Hochleistungsvarianten von Autos wie dem 1er BMW, dem Audi A3 oder der Mercedes A-Klasse drängen die Nobeltuner in die Kompaktklasse. So wollen sie den Flottenverbrauch senken und auch zahlungsschwächeren Kunden den Markeneinstieg erleichtern.

„Bei den Herstellern im gehobenen Preissegment ist seit einigen Jahren ein verstärkter Fokus auf die kleineren Fahrzeugklassen zu beobachten“, sagt Analyst Henner Lehne vom Prognoseinstitut IHS Automotive. „Die Unternehmen haben festgestellt, dass die Premium-Assoziationen speziell in urbanen, gesättigten Märkten nicht mehr zwingend mit der Fahrzeuggröße zusammenhängen.“ Gerade mit den noblen Kompakten lasse sich Geld verdienen.

Damit die Kunden entsprechend viele Kreuzchen auf der Ausstattungsliste machen, müssten die Fahrzeuge über das richtige Image verfügen. „Und mit kaum etwas kann man das Image einer Modellreihe besser aufladen als mit den sogenannten Pocket Rockets“, sagt Lehne mit Blick auf die kompakten Kraftmeier. Außerdem lassen sich so neue Kundengruppen erreichen, denen größere Modelle der Werkstuner schlicht zu teuer sind.

Ein Paradebeispiel ist das 1er M Coupé, das BMW im Januar 2010 auf der North American International Autoshow in Detroit enthüllt hat. Die Leistung des neuen Einstiegsmodells der M GmbH liegt auf dem Niveau des ersten M3: Nach Werksangaben sorgt ein 3,0 Liter großer Sechszylinder mit 250 kW/340 PS für rasanten Vortrieb bis 250 km/h. Allerdings ist der Kompakte mit einem Basispreis von 50 500 Euro rund 16 000 Euro günstiger als der aktuelle M3, der bis dato den Einstieg in die M-Welt markiert hat.

Ins gleiche Horn stößt Audi mit dem RS3, den die Quattro GmbH im März 2011 in den Handel bringt. Der nur als fünftüriger Sportback erhältliche Wagen kostet mindestens 49 900 Euro. Er fährt mit einem 2,5-Liter-Fünfzylinder mit ebenfalls 250 kW/340 PS und erreicht in 4,6 Sekunden Tempo 100. Mit diesem Modell hilft Audi einerseits dem aktuellen A3 über die Runden, bei dem ein Generationswechsel wohl erst 2012 ansteht. Andererseits erleichtern die Bayern so den Einstieg in ihre Quattro-Welt. Bislang musste man für das günstigste Modell – den RS5 mit 331 kW/450 PS – mindestens 77 700 Euro bezahlen.

Auch Mercedes-Ableger AMG spekuliert mittlerweile offen über einen kraftvollen Kleinwagen. „Bislang haben A- und B-Klasse nicht unbedingt zu unserem Markenkern gepasst“, sagt Firmenchef Ola Källenius. Doch wenn in knapp zwei Jahren eine neue, deutlich flachere und sportlichere A-Klasse kommt, könne das ein attraktives Einstiegssegment für AMG sein. Aus Firmenkreisen war bereits zu hören, dass AMG an einer Variante arbeitet, die mit doppelt aufgeladenen Vierzylindern auf deutlich mehr als 300 PS kommt.

Nachgeschärfte Kompakte beeinflussen natürlich auch die Verbrauchsstatistik der Werkstuner: So ist das BMW 1er M Coupé mit einem Verbrauch von 9,6 Litern (CO2-Ausstoß 224 g/km) rund 30 Prozent sparsamer als der M3. Der Audi RS3 braucht mit seinen 9,1 Litern knapp 2,0 Liter weniger als der RS5. Auch damit rüsten sich die Unternehmen für die Zukunft, ist Analyst Lehne überzeugt: „In ein paar Jahren, wenn die CO2-Grenzwerte tatsächlich signifikante Auswirkungen auf die Größe neuer Fahrzeuge haben, wird es eine Rolle spielen, wer welches Image in den unteren Segmenten aufgebaut hat.“    Dass mit den angekündigten Modellen das Ende der Fahnenstange nicht erreicht ist, zeigen die Hersteller immer mal wieder mit spektakulären Einzelstücken: So hat Volvo mit dem schwedischen Rennstall Polestar einen C30 mit einem 302 kW/411 PS starken Turbo-Fünfzylinder aufgebaut. Und Audi hat seine Studie Quattro Concept mit einem auf 300 kW/408 PS getunten RS3-Motor ausgestattet, der dank konsequentem Leichtbau und 1300 Kilogramm Gewicht mehr als 300 km/h ermöglicht, so Projektleiter Stephan Reil.

Bei Mercedes haben Auszubildende im Werk Rastatt schon mal eine AMG-Entscheidung vorweggenommen und der aktuellen B-Klasse einen Achtzylinder mit 285 kW/388 PS verpasst. Laut Ausbildungsleiter Andreas Würz hat das überraschend gut funktioniert - rein rechnerisch sollte der Kompakte damit mehr als 270 km/h schaffen. Aber während Audi derzeit eine Kleinserie des Quattro Concept prüft, muss Würz B-Klasse-Fahrer mit schwerem Gasfuß enttäuschen: „Unser B 55 fährt nur auf dem Werksgelände und wird definitiv nie in Serie gehen.“ tmn

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